Kleine Tiere machen Probleme bei großen Bauvorhaben. In Stuttgart verzögerte der streng geschützte Juchtenkäfer jahrelang den Bau des neuen Bahnhofsprojektes Stuttgart 21. In Augsburg muss der Theater-Komplex am Kennedy-Platz generalsaniert und umgebaut werden. Das Problem hier: Die geschützten Fledermäuse im Staatstheater wollen bislang nicht umziehen. Ein erster Versuch der Stadt, sie in andere Quartiere zu locken, ist gescheitert.
Im Verwaltungsgebäude des Theaters an der Kasernstraße hat eine Population von Großen Abendseglern ihr angestammtes Winterquartier. Rund 150 dieser Fledermäuse hängen in der kalten Jahreszeit im Dachstuhl. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz sind sie streng geschützt. Für die Generalsanierung des Staatstheaters, die jetzt anläuft, müssen sie rechtzeitig umgesiedelt werden. Denn das alte Verwaltungsgebäude muss einem Neubau weichen. Rechtlich ist es so, dass die dortigen Fledermausquartiere nicht beschädigt oder zerstört werden dürfen. Andernfalls ist für einen angemessenen Ersatz zu sorgen.
Lebende Fledermäuse sollten Artgenossen weglocken
Im vergangenen Oktober nahm die Stadt einen ersten Anlauf, um den Theaterfledermäusen einen Umzug schmackhaft zu machen. In Kooperation mit dem Verein Fledermausschutz Augsburg wurden Ausweichquartiere im Umfeld des Theaters eingerichtet – eines im Dachstuhl des Gesundheitsamtes und ein zweites im Verwaltungsbau am Rathausplatz. Die Stadt setzte auch auf einen besonderen Trick.
In den Ersatzquartieren wurden zwei lebende, aber nach einem Unfall flugunfähige Abendsegler stationiert und betreut. Sie sollten mit ihren Rufen die Artgenossen aus dem Theater anlocken. Doch das Experiment misslang. „Bisher waren die Lockfledermäuse noch nicht erfolgreich“, sagt Umweltreferent Reiner Erben. Eines der Tiere steht nun auch für einen zweiten Anlauf nicht mehr zur Verfügung. Der Abendsegler hat sich über den Winter von seinem Unfall soweit erholt, dass er wieder in die freie Natur zurück darf.
Jetzt beschafft die Stadt ein elektronisches Lockgerät
Die Umweltverwaltung versucht jetzt mit einer anderen Methode, die Theaterfledermäuse zum freiwilligen Auszug zu bewegen. Erben zufolge wird ein elektronisches Lockgerät beschafft. Das „Batlure“ spielt Sozialrufe von Fledermäusen ab, um Artgenossen neugierig zu machen. Experten sagen, dass diese Geräte gut funktionieren. Die Fledermäuse müssen aber nahe genug daran vorbeifliegen und in der richtigen Stimmung sein, damit die Signale aus dem Gerät Wirkung zeigen. Nach Angaben des Umweltreferats gibt es bisher keine Daten, wie hoch die Erfolgschancen tatsächlich sein können.
Noch ist genug Zeit, um einen geregelten Umzug der Theaterfledermäuse über die Bühne zu bringen. Der Verwaltungsbau des Theaters soll frühestens im Jahr 2021 abgerissen werden. Die dort lebenden Abendsegler sollen bis zum Winter 2019/20 in neuen Quartieren untergebracht sein. Aber was ist, wenn die Tiere nicht in andere Gebäude umsiedeln wollen? Steht die Stadt Augsburg dann vor ähnlichen Problemen wie Stuttgart?
Dort verzögerte sich der Bau des Bahnhofsprojektes Stuttgart 21 immer weiter. Ein Grund dafür war, dass für den Tiefbahnhof Bäume im nahen Park nicht gefällt werden durften, weil dort ein Lebensraum der streng geschützten Juchtenkäfer vermutet wurde. Die Genehmigung, Bäume mit möglichen Käferbiotopen aus dem Weg zu räumen, musste die Europäische Kommission erteilen. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen.
In Augsburg gehen Fachleute davon aus, dass es soweit nicht kommen wird. Ganz einfach dürfte es für die Stadt aber auch nicht werden, falls die Theaterfledermäuse partout nicht umziehen wollen. Wie Umweltreferent Erben mitteilt, entwickelt derzeit ein Artenschutzgutachter „weitere kompensatorische Maßnahmen“. Das bedeutet, dass der Experte beispielsweise nach weiteren Ausweichquartieren in Gebäuden rund ums Theater sucht, falls das elektronische Lockgerät an den geplanten Standorten keinen Erfolg bringt.
Hohe Auflagen für den Artenschutz
Sollten sich die Theaterfledermäuse auch dann noch einem Umzug verweigern, wird nach Einschätzung von Fachleuten ein weiterer Schritt nötig: Die Stadt müsste wohl eine Ausnahmegenehmigung bei der Regierung von Schwaben beantragen, bevor sie das Winterquartier im alten Verwaltungsbau des Theaters zerstören darf. Diese Ausnahmeerlaubnis wäre dann voraussichtlich mit weiteren Auflagen für den Artenschutz verbunden.
Sobald die Fledermäuse den Dachstuhl verlassen, würden dann die Eingänge verschlossen, so dass sie nicht mehr ins Theater hineinfliegen können. Damit soll verhindert werden, dass beim Abbruch des Gebäudes geschützte Tiere zu Tode kommen. Nach Angaben des Umweltreferats wird das Fledermausproblem die Sanierung des Theaters aber nicht grundsätzlich gefährden. „Wir gehen davon aus, dass die bereits durchgeführten und noch bis 2021 anstehenden Artenschutzmaßnahmen ausreichend wirken, um das Risiko zu minimieren“, so Mitarbeiter Christian Hahn. Alle Maßnahmen würden außerdem mit Fledermausexperten, der Fledermauskoordinationsstelle Südbayern sowie der höheren Naturschutzbehörde bei der Regierung von Schwaben abgestimmt.
Fachleute sagen auch, dass es zwischen den Stuttgarter Juchtenkäfern und den Augsburger Theaterfledermäusen einen entscheidenden Unterschied gibt: Bei den Fledermäusen könne man ausschließen, dass sie bei der anstehenden Baumaßnahme getötet werden.