1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Türkischer Verein lädt Rechtsextremisten zu Kinderfest ein

Augsburg

24.05.2018

Türkischer Verein lädt Rechtsextremisten zu Kinderfest ein

„Letzte Festung Türkei“ hieß ein Schauspiel, das der Graue-Wölfe-Verein im vergangenen Jahr aufführte. Der rechtsextremistische Verein sorgt immer wieder für Diskussionen.
Bild: Michael Hochgemuth

Ein Auftritt der vom Verfassungsschutz beobachteten "Grauen Wölfe" sorgt in Augsburg für Ärger. Sozialreferent Kiefer und Stadtrat Bozoglu sehen Gesprächsbedarf.

Die Wertschätzung von Bürgern mit ausländischen Wurzeln ist manchmal eine Gratwanderung. Dies mussten zuletzt auch Augsburgs Sozialbürgermeister Stefan Kiefer sowie Grünen-Stadtrat und Landtagskandidat Cemal Bozoglu erfahren. Sie besuchten eine Veranstaltung des Vereins türkischer Eltern (VTE). Dazu war auch eine Folkloregruppe eingeladen: Es handelte sich um eine Gruppe des rechtsextremistischen Graue-Wölfe-Vereins Alparslan Türkes Ülkü Ocagi. Nach eigenen Angaben verließen Kiefer und Bozoglu die Feier nach dem Auftritt der Graue-Wölfe-Tanzgruppe. Doch Kiefer sieht jetzt Gesprächsbedarf.

Es waren irritierende Bilder, die Ende April in Gersthofen und Königsbrunn aufgenommen und online gestellt wurden. In beiden Städten hatten türkische Elternvereine zum „Tag der nationalen Souveränität und des Kindes“ geladen. Im Gersthofer Paul-Klee-Gymnasium verfolgten etwa 150 Gäste das dreistündige Programm mit internationalen Kindertanz- und -akrobatikgruppen.

Dann betreten sieben junge Männer in blauen Kostümen mit Säbeln in ihren Bauchgürteln die Aula. Unter ihnen ein etwa sechsjähriger Junge, ebenfalls in Stiefeln und traditioneller Kleidung. Ernst knien sie vor einer türkischen Fahne nieder und heben den Stoff drei Mal zum Stirnkuss. Dann beginnt ein getragener Kreistanz, wie er für die Zeybek-Tänze des westlichen Anatoliens typisch ist.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Grau Wölfe sind eine deutschlandweite Bewegung

Nur Folklore? Die Recherche zeigt: Die Gruppe gehört zur Jugendabteilung des rechtsextremistischen, vom Verfassungsschutz seit Jahren beobachteten Idealisten- oder Ülkücü-Verein Alparslan Türke. Die Truppe tritt am selben Tag auch im Eventcenter Königsbrunn auf, wo der Augsburger Verein türkischer Eltern (VTE) seinen „Tag des Kindes“ ausrichtet. Der Alsparslan Türkes-Verein hat seinen Sitz in Oberhausen und gehört der deutschlandweiten Bewegung der Grauen Wölfe an.

Nach dem Auftritt posieren die Männer vor dem Gymnasium, den rechten Arm ausgestreckt, Daumen-, Mittel- und Ringfinger zum Wolfskopf aufeinandergelegt. Dass das Foto auf Facebook zu sehen ist, zeigt: Die Rechtsextremisten rechnen nicht mit Empörung aus der türkischen Community. Wie in der Türkei sind die Grauen Wölfe auch unter vielen Deutschtürken akzeptiert. Die deutsche Öffentlichkeit hingegen bleibt meist ahnungslos.

Beim Kinderfest in Königsbrunn, an dem Kiefer und Bozoglu teilnahmen, vertrat nicht nur die Tanzgruppe das Graue-Wölfe-Netzwerk. Eingeladen waren auch Funktionäre wie Yildiray S., der fast 20 Jahre lang den Verein führte und der jetzt wegen Waffenbesitzes und Volksverhetzung vorbestraft ist. Er saß mit Kiefer und Bozoglu am Ehrentisch und wurde vom VTE-Vorsitzenden Ufuk Sayin für seine ehrenamtlichen Tätigkeiten ausgezeichnet. Außerdem moderierte S. Tochter, ebenfalls Aktivistin der Grauen Wölfe, das Kinderprogramm.

Schon drei Wochen zuvor, als der Elternverein die Gedenkfeier für die türkischen Märtyrer der 1915 gewonnenen Schlacht von Gallipoli ausgerichtet hatte, wurde sie für die Deklamation der Heldengedichte engagiert. Damals traten zudem 75 Augsburger Grundschulkinder an und maßen sich im Vortrag der türkischen Nationalhymne.

Graue Wölfe sind Thema im Verfassungsschutzbericht

Der aktuelle Verfassungsschutzbericht, in dem Augsburg als ein Zentrum der Ülkücü-Bewegung erwähnt ist, warnt vor den Grauen Wölfen: „Die Anhänger propagieren rassisch, kulturell und teilweise auch religiös geprägte Überlegenheitsideale und weisen eine erhöhte Gewaltbereitschaft auf, insbesondere gegen Kurden.“

Ufuk Sayin erklärt auf Anfrage, er habe kein Problem, mit der Tanzgruppe, dem Ex-Chef und einer Jugendleiterin der Grauen Wölfe zu arbeiten. Das sei Integration und der Wolfsgruß in Deutschland schließlich nicht verboten. „Das Kinderfest dient dem Frieden und der Völkerverständigung“, so der Vorsitzende. Der türkischen Märtyrer, „die im Kampf um unser Land ihr Leben gelassen haben“ zu gedenken, sei eine Frage des Respekts. Dass der VTE dem Alparslan Türkes-Verein nahesteht, streitet er ab.

Also ein nationalistisch aufgeladenes Kinderfest, aufgewertet von ahnungslosen deutschen Lokalpolitikern? Das Knien vor Fahnen hält der Münchener Turkologe Christoph K. Neumann für problematisch, eine Sakralisierung des türkischen Staates sei kein Erziehungsziel deutscher Schulen. Insgesamt zeigten sich hier die „Folgen einer an Integration nicht ausreichend interessierten Integrationspolitik“. Das Nationalfest erreichte seit 1998 tausende türkeistämmiger Kinder. Jährlich saßen auch Vertreter der Stadt unter den oft metergroßen Atatürk-Portraits und türkischen Fahnen. Vereine wie der assyrische Mesopotamien- und der aramäische Suryoye Kultur- und Sportverein waren, wie sie auf Nachfrage erklären, nie eingeladen.

Cemal Bozoglu hatte das Kinderfest bereits in der Vergangenheit kritisiert

Der Grüne Cemal Bozoglu kritisierte das Kinderfest des VTE schon 2013 – Einladungen erhielt er dann nicht mehr. Bis jetzt. Er hatte auf Veränderungen gehofft, verließ das Fest jedoch aus Protest, nachdem Yilidray S. am Ehrentisch Platz genommen und der Fahnenkuss-Tanz geendet hatte. Ernüchtert kommentiert er: „Der VTE sollte sich mehr darum bemühen, die Bildung der Kinder zu verbessern und sie zu frei denkenden, aufgeklärten Menschen erziehen, anstatt ihnen fragwürdige rechtsextremistische Gedanken einzuflößen.“

Stefan Kiefer möchte nun verstehen, warum der VTE die Grauen Wölfe „hofiert“. „Migrationsreferent Reiner Erben und ich werden den Vorstand einladen, um über den Vorgang und die Motive des Vereins, aber auch über unsere Einschätzung als Stadtvertreter zu sprechen. Das haben wir miteinander vereinbart“, erklärt er auf Anfrage.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

24.05.2018

Falsch ist die Aussage: "Yildiray S., der fast 20 Jahre lang den Verein führte und der jetzt wegen Waffenbesitzes und Volksverhetzung vorbestraft ist". Korrekt wäre, dass im ersten Instanz, diese so ausgelegt wurden ist. Was daraufhin Herr Yildiray S. nicht akezptierte u. in die Berufung ging. Sprich, das Vefahren läuft noch, als ist quasi noch nicht Vorbestraft wegen Waffenbesitz u. Volksverhetzung.

Permalink
24.05.2018

Aha, "linksgrün" scheint wohl Ihr Feindbild zu sein? Ist OK, ist ein Meinung, die man vertreten kann. Ich verstehe nur den Zusammenhang nicht ganz: Der Artikel berichtet von türkischem Nationalismus und schuld sind aber die politischen Kreise, die Nationalismus von jeher für überholt halten? Verstehe ich das richtig, besteht Ihr Lösungsansatz in einem deutschen Nationalismus inklusive Fahnenkult, dem sich dann die hier lebende Türken und türkischstämmige Deutsche anschließen können? Ob das hilft gegen das Problem, dass "Deutschland kein Land sondern ein Wirtschaftraum" ist? Dieses Problem sehe ich nämlich auch. Aber wenn man sich dagegen wendet, dass alles Politische den Interessen der Wirtschaft unterworfen wird, müsste man eigentlich sogar die Linken wählen, das sind meines Wissens die einzigen, die das ändern wollen.

Permalink
24.05.2018

>> Der Artikel berichtet von türkischem Nationalismus und schuld sind aber die politischen Kreise, die Nationalismus von jeher für überholt halten? <<

Bei SPD und Grünen war lange nur was gegen deutschen Nationalismus zu hören; Migranten mit extremen Einstellungen hatten da lange Zeit ihre Ruhe. Das Thema kam in linken Kreisen erst durch die verstärkten Repressionen gegen die Kurden im Zuge des Putsches gegen Erdogan auf. Die SPD wollte kürzlich ja noch extra den Familiennachzug für ausländische Gefährder haben - diese Partei hat nicht nur ihr soziales sondern auch ihr antifschistisches Fundament verloren.

Und ja, jeder darf in seinem Land seine Fahne schwenken. Internationalistischer Sozialismus funktioniert nicht und stößt viele liberale, demokratische, leistungswillige Menschen ab.

Permalink
24.05.2018

>> Das Knien vor Fahnen hält der Münchener Turkologe Christoph K. Neumann für problematisch, eine Sakralisierung des türkischen Staates sei kein Erziehungsziel deutscher Schulen. Insgesamt zeigten sich hier die „Folgen einer an Integration nicht ausreichend interessierten Integrationspolitik“. <<

Immer wieder eine billige Ausrede, wenn linksgrüne Politik mit Doppelpass und Wertebeliebigkeit scheitert.

Es ist gibt eben kein Integrationsangebot an Einwanderer auf Deutschland stolz zu sein. Die Fahne darf man höchstens mal für Fußballspiele anfassen, aber selbst da braucht man auf die kritische Reaktion der Grünen nicht lange zu warten.

Deutschland ist kein Land sondern ein Wirtschaftsraum - jeder darf rein und solange irgendwie das Bruttosozialprodukt steigt stört man sich auch nicht an irgendwelchen radikalen Hampelmännern. Linksgrüne Empörung gibt es nur gegen Menschen mit weißer Hautfarbe; alle anderen bekommen Gesprächsangebote...

Permalink
Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20ADK_6061.tif
Fest

Mitfeiern im Martini-Park

ad__starterpaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket