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Interview

17.06.2019

Uniklinik-Vorstand: "Kosteneinsparung ist nicht der richtige Weg"

Die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit, Patientenwohl und Arbeitsdichte beim Personal war in den vergangenen Jahren großes Thema am Klinikum. Der neue Chef will die Dinge etwas anders angehen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Michael Beyer steht an der Spitze der Augsburger Uniklinik. Er erzählt, wie er den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Spitzenmedizin hinkriegen will.

Es ist jetzt ein knappes halbes Jahr her, dass das kommunale Klinikum zur staatlichen Uniklinik wurde. Die Umwandlung ist mit vielen Erwartungen verbunden. Was hat sich seit 1. Januar geändert?

Prof. Michael Beyer: Wir waren vorher schon ein Haus der höchsten Leistungsstufe, sodass es für die Patienten jetzt nicht den riesigen Qualitätssprung gab. Aber wir sind noch nicht am Ziel: Wir bekommen mit jedem neu besetzten Lehrstuhl hoch qualifiziertes Personal, das seinerseits sehr gute Leute mitbringt. Nehmen wir die Nuklearmedizin: Mit radioaktiven Markern, die gezielt auf bestimmte Tumorarten gehen, können Sie Tumore sichtbar machen. Es geht inzwischen aber weiter: Wenn man diese Marker mit Chemotherapeutika belädt, kann man gezielt Tumortherapie machen. Mit der Neuberufung des neuen Nuklearmediziners brauchen wir einen Bereich, wo wir diese Marker herstellen können und diese neue Therapie anbieten können. Ein anderes Thema sind die Ambulanzen. Die gab es bisher auch schon, aber der Bereich wird ausgebaut. Seit 1. Januar kann jeder Patient ohne Überweisung in die Ambulanz kommen. Wir rechnen damit, dass die Zahl der Ambulanzpatienten deutlich steigt. In diesem Jahr gehen wir von 70.000 Patienten aus.

Im Herbst fangen die ersten Studenten an der neu gegründeten Medizinfakultät der Uni Augsburg an. Ist alles vorbereitet?

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Beyer: Daran wird schon seit Jahren unter hohem Druck gearbeitet. Für die Vorklinik (grundlegender Ausbildungsabschnitt im Medizinstudium; d. Red.) sind alle Lehrstühle besetzt, in den anderen Bereichen wurden bisher fünf Lehrstühle besetzt. Wir müssen dringend die Forschung ausbauen, denn wir stehen schon wieder unter Zeitdruck. In fünf Jahren wird der Wissenschaftsrat uns neu evaluieren. Da wird erwartet, dass wir in der Forschung sichtbar sind bei unseren Schwerpunkten Umweltmedizin und Medizininformatik. Und auch der Modellstudiengang muss funktionieren. In drei Jahren haben wir 500 Studenten. Die brauchen qualifiziertes Lehrpersonal. Die neuen Lehrstühle brauchen Flächen. Teils haben wir sie extern untergebracht, wir werden aber auch im Haus nach und nach Flächen für Forschung und Lehre gewinnen.

Die Gebäude machen jetzt schon einen ganz gut gefüllten Eindruck ...

Beyer: Wir stecken mitten in der Generalsanierung. Die Kinderklinik ist neu, das Interimsgebäude ist neu, wir haben den Anbau-West mit einer gigantischen Intensivstation, die im zweiten Quartal 2021 ans Netz gehen wird. Jetzt kommt der nächste Sprung, nämlich die Generalsanierung im Hauptgebäude. Da ist vorgesehen, die einzelnen Bettentürme mit jeweils 320 bis 350 Betten leerzuziehen. Im Interimsgebäude bekommen wir 170 Betten unter, also müssen wir weitere Ausweichmöglichkeiten finden. Und auch der Sockel mit bis zu drei Stockwerken, wo Hochschulambulanzen und Laborflächen untergebracht sind, muss saniert werden. Auch dafür braucht es Ersatzflächen.

Prof. Michael Beyer steht in den kommenden drei Jahren an der Spitze des Universitätsklinikums.
Bild: Ulrich Wagner

Sie bekommen eine Dauerbaustelle, und dann kommt die Uniklinik noch obendrauf ...

Beyer: Wir haben die Möglichkeit, Generalsanierung und Uniklinik-Werdung jetzt in einem Guss zu denken. So, wie die Generalsanierung bisher gedacht war, wäre es ohnehin schwierig geworden, weil die Bedarfsplanung fürs ganze Haus zehn Jahre alt ist. Die ist wegen des Bevölkerungszuzugs überholt. Die Kinderklinik haben wir vor einigen Jahren großzügig gebaut – jetzt ist sie zu klein, weil sich damals niemand vorstellen konnte, dass die Geburtenzahlen steigen könnten. Jetzt kommt die nächste Änderung: Grundsätzlich gibt es in Deutschland momentan einen Patienten-Umschwung hin zu größeren Häusern. Die kleinen Krankenhäuser bekommen zunehmend Probleme, Leistungen zu erbringen, weil sie die gestiegenen Anforderungen nicht mehr erfüllen. Diese Entwicklung bekommen wir auch mit. Dadurch, dass wir Uniklinik geworden sind, wird sich der Schweregrad der Patienten zusätzlich erhöhen. Das alles führt dazu, dass man die Bedarfsplanung überdenken muss.

Was heißt das?

Beyer: In der alten Planung ging man davon aus, dass sich Verweildauern stärker reduzieren und mehr Patienten ambulant behandelt werden können. Daraus hat sich ein geringerer Bettenbedarf errechnet. Wir gehen aufgrund der aktuellen Berechnungen davon aus, die bestehenden 1700 Betten weiter zu benötigen – mindestens. In den alten Planungen war von 1400 bis 1450 Betten die Rede.

Beim Anbau-West haben Sie von einer Inbetriebnahme 2021 gesprochen. Sie sind im Verzug ...

Beyer: Ursprünglich war einmal 2019 vorgesehen. Das war nicht zu halten, weil die Situation in der Baubranche sehr angespannt ist und es eine Insolvenz eines Gewerks gab.

Ist das ein Problem?

Beyer: Im Moment haben wir das Interimsgebäude, das uns sehr hilft. Aber für den weiteren Fortgang der Generalsanierung ist der Anbau-West unverzichtbar. Vor 2021 kann man den Sockel oder die Bettentürme nicht angehen.

In den vergangenen Jahren war der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit auf der einen und Arbeitsverdichtung und Patientenwohl auf der anderen Seite ein großes Thema. Ändert sich das durch den Trägerwechsel?

Beyer: Es gibt zwei Philosophien, um Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Die eine Philosophie, die vielleicht in der Vergangenheit den größeren Raum eingenommen hat und der ich nicht angehöre, ist Kosteneinsparung durch beispielsweise Bettenreduktion und Personalreduktion. Wir glauben, dass das nicht der richtige Weg ist, um effizient zu sein. Das sieht auch der neue kaufmännische Direktor so. Wir glauben, dass es besser ist, bestehende Strukturen, die wir bisher vielleicht gerade wegen der Kosteneinsparungen nicht betreiben konnten, jetzt ans Laufen zu kriegen. Ziel ist es, durch vermehrten Patientenzustrom so viel Wirtschaftlichkeitspotenzial zu gewinnen, dass kein Personal eingespart werden muss.

Was wollen Sie denn konkret ans Laufen bringen?

Beyer: Wir haben 2016 auch im Bereich der Pflege gespart. Wir haben einen ganzen Kurs mit Pflegekräften, der fertig wurde, aus Kostengründen nicht übernommen. Zwei Jahre später haben wir die Folgen gesehen: Wir haben Intensivbetten geschlossen, wir haben drei OP-Säle geschlossen, wir haben im Haus weitere Normalbetten geschlossen, weil wir keine Pflegekräfte hatten. Zuletzt haben wir trotz generellen Pflegemangels wieder deutlich Kapazitäten aufbauen können. Schrittweise wollen wir die Strukturen wieder ans Laufen bekommen, etwa im Intensivbereich. Das versetzt uns in die Lage, mehr Patienten mit schweren Krankheitsbildern zu behandeln. In München ist der Pflegemangel so eklatant, dass wir an einzelnen Wochenenden angerufen werden, ob wir nicht intensivpflichtige Patienten aus dem Münchner Versorgungsbereich übernehmen können. Die Idee ist also, auf der Leistungsseite hochzufahren, sodass dann die Wirtschaftlichkeit kommen kann.

2016 gab es einen offenen Brief eines großen Teils der Ärzteschaft, in dem davor gewarnt wurde, dass das Klinikum kaputtgespart sein werde, wenn es 2019 an den Freistaat geht. Sie als damaliger Medizinischer Vorstand haben gesagt, dass Sie die Bedenken nachvollziehen können. Sind die Befürchtungen eingetreten?

Beyer: Ich konnte damals den Einstellungsstopp in der Pflege nicht nachvollziehen. Und dann gibt es ja noch das so genannte Sanierungskonzept, in dem es einen kritischen Punkt gab: Damals war noch davon auszugehen, dass der Anbau-West mit 136 Intensivbetten Anfang 2019 ans Netz geht. Im Sanierungskonzept war für 2019 eine Reduktion im Bereich der Ärzte von 19 Stellen vorgesehen. Wenn das umgesetzt worden wäre, wären wir gar nicht in der Lage gewesen, den Anbau-West in Betrieb zu nehmen. Dieses Sanierungskonzept habe ich damals nicht mittragen können. Durch die Bauverzögerung haben sich die Dinge anders entwickelt. Und eigentlich gehört das Sanierungskonzept auch der Vergangenheit an.

Vor einigen Jahren war ja auch einmal eine Thema, Küche oder Reinigungskräfte auszulagern. Stadt und Landkreis als damalige Träger haben das wieder fallen gelassen. Wie geht’s weiter?

Beyer: Es gab damals viele gute Gründe, auf ein Outsourcing zu verzichten. Man diskutiert heute grundsätzlich kontrovers über die Sinnhaftigkeit von Outsourcing. Es gibt Häuser, die diesen Schritt getan haben und heute wieder rückabwickeln. Ich glaube, dass die Bindung zum Beispiel einer Reinigungskraft ans Haus höher ist, wenn sie angestellt ist, als wenn sie heute hier und morgen da eingesetzt wird. Ich habe Zweifel, dass man mit Outsourcing diese Qualität halten kann.

Prof. Michael Beyer, 63, ist Herzchirurg. Er war seit 2014 Ärztlicher Vorstand, seit 2019 ist er Vorstandsvorsitzender.

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