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Geschichte

10.11.2017

Warum diese Familie an NS-Opfer erinnern will

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Das Erinnerungsband mit den eingravierten Namen der NS-Opfer.

Fritz Schwarzbäcker hat zu seinem 65. Geburtstag einen ungewöhnlichen Plan. Zusammen mit Frau, Kindern und deren Oma setzt er ihn am heutigen Freitag in die Tat um

Ein Reisegutschein, ein Essensgutschein, ein Buch. Wenn man Geburtstag hat, bekommt man meistens das Übliche. Der Augsburger Fritz Schwarzbäcker wollte zu seinem 65. Geburtstag mal nicht die üblichen Geschenke. Er wollte ein Zeichen setzen – „ein politisches Zeichen in dieser nicht ganz einfachen Welt“, wie er sagt. Zusammen mit seiner Frau, den drei erwachsenen Kindern und deren Oma stiftet er ein Erinnerungsband für fünf Opfer des Nationalsozialismus in Augsburg: für die Sinti-Familie Winter. Dass er sich diese Familie aussuchte, hat einen Grund.

Als Schwarzbäckers Söhne Jakob und Lion und seine Tochter Nora auf die Idee kamen, diesmal kein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, sondern ein öffentliches Gedenkzeichen für NS-Opfer zu stiften, war der Vater sofort bereit, mitzumachen. „Ich war Feuer und Flamme für die Idee“, sagt Fritz Schwarzbäcker. Früher saß er für die SPD im Stadtrat. Beruflich ist er Geschäftsführer der Kompass Drogenhilfe und nach wie vor ehrenamtlich engagiert. Und er kann sich noch gut an ein Erlebnis aus seiner eigenen Kindheit erinnern.

Der Vater kam schwer verwundet aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. „Schon damals dachte ich, nie wieder Krieg“, sagt Schwarzbäcker. Um ihre Idee mit dem Erinnerungsband für NS-Opfer in die Tat umzusetzen, schlugen die Schwarzbäckers gemeinsam im Online-Gedenkbuch nach. Dort hat die Erinnerungswerkstatt Augsburg das Leben und Sterben zahlreicher Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, beschrieben. Im Online-Gedenkbuch stießen die Schwarzbäckers auf das Schicksal der Sinti-Familie Winter. „Die Winters wurden verfolgt und vernichtet, einfach, weil manche meinten, dass sie anders sind“, sagt Schwarzbäcker. Er findet: „Es ist ein Wahnsinn, dass man aus einem solchen Grund ausgelöscht wird.“ Deshalb will die Familie Schwarzbäcker nun für diese Familie Winter ein Zeichen setzen.

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Am heutigen Freitag werden die Erinnerungswerkstatt und das Jüdische Kulturmuseum weitere drei Erinnerungsbänder an Augsburger Straßen anbringen. Insgesamt gibt es dann zehn Gedenkmanschetten aus Bronze mit den eingravierten Namen der Opfer. Das Interesse an dieser neuen Form der Gedenkzeichen sei erstaunlich groß, sagt Angela Bachmair von der Initiative. Es gebe auch schon grundsätzliche Zusagen von zehn weiteren Stiftern, die Erinnerungsbänder finanzieren wollen. Die Kosten pro Stück liegen zwischen 400 und 700 Euro. Damit seien sie teurer als ursprünglich geplant, sagt Bachmair. Die Erinnerungswerkstatt suche aber gerade nach einer preisgünstigeren Herstellung. Ein anderes Problem sei bereits gelöst. So waren die ersten Bänder mit einer Wachsschicht überzogen, die sehr schnell zu Verschmutzungen führte. Dies sei jetzt nicht mehr der Fall.

Schön findet Angela Bachmair, was die Erinnerungswerkstatt mit den neuen Gedenkzeichen bewirkt. „Konkret hinschauen und auf die Lebensgeschichte der Menschen aufmerksam machen, das ist unser Anliegen.“ Daraus ergeben sich am heutigen Freitag dann auch neue interessante Verbindungen: Der Ärztliche Kreisverband beispielsweise stiftet ein Erinnerungsband für die jüdische Arztfamilie Raff. Sie fiel den Nazis zum Opfer. Die Schwarzbäckers erinnern nun als heutige Augsburger Familie an die Sinti-Familie Winter. Sie kam in Auschwitz ums Leben. Und auch die schlimmen Folgen der Rechtssprechung unter den Nationalsozialisten sind am heutigen Freitag ein Thema: Landgerichtspräsident Herbert Veh beschreibt vor dem Erinnerungsband für Liberat Hotz in der Lindenstraße 5 das Schicksal des kleinen Gelegenheitsdiebes, der als sogenannter „Gemeinschaftsfremder“ verfolgt wurde. Denn damals stellte sich auch die Justiz in den Dienst der Nationalsozialisten.

Augsburger NS-Opfer sollen nicht nur mit Erinnerungsbändern, sondern auch mit „Stolpersteinen“ auf Straßen und Plätzen wieder sichtbar gemacht werden. Dieser „Augsburger Weg“ des Gedenkens sorgt über die Stadt hinaus für Aufmerksamkeit. Gertrud Scheuberth aus Tübingen etwa verfolgt die Aktivitäten mit großem Interesse. Sie will am heutigen Freitag zur Gedenkfeier in ihre frühere Heimat nach Augsburg kommen. Sie selbst bevorzugt die Erinnerungsbänder. „Ich finde es eine geniale Idee, die Erinnerung aufrechtzuerhalten, ohne dass es zu Konflikten kommt.“ Schade finde sie hingegen, wenn bei der Verlegung von Stolpersteinen die Erinnerung von Streit überlagert werde.

Die Aktion der Erinnerungswerkstatt und des Jüdischen Kulturmuseums läuft am heutigen Freitag, 10. November. 15 Uhr: Erinnerungsband für Paula und Dr. Julius Raff (Frohsinnstraße 21). 16 Uhr: Erinnerungsband für Liberat Hotz (Lindenstraße 5). 16.45 Uhr: Erinnerungsband für Sofia Anna, Gabriel, Karl, Roswitha und Rupert Winter (Donauwörther Straße 83).

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