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Kommunahlwahl 2020

09.02.2020

Was Augsburger an ihrem Stadtteil lieben - und was nicht

Hofflohmärkte wie hier im Bismarckviertel sind ein Zeichen dafür, dass viele Augsburger ihrem Stadtteil verbunden sind.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Dieter Benkard und Janina Hägele setzen sich für ihren Stadtteil ein. Umfragen zeigen, dass viele Augsburger sich mit ihrem Viertel verbunden fühlen. Es gibt aber große Unterschiede.

Er trägt nur einen Pulli als Oberteil, aber er trotzt dem Graupelschauer, der über Oberhausen niedergeht. Dieter Benkard, 75, zeigt auf die Wohnblöcke um ihn herum. Er kennt sich aus in dem Viertel zwischen Donauwörther Straße und Wertach. Benkard lässt sich auch vom ungemütlichen Wetter nicht ablenken, wenn er von „seinen Wohnungen“ spricht. Und davon, wie viel hier in den vergangenen Jahrzehnten passiert sei. Er meint damit nicht, dass die Mietshäuser ihm gehören. Die meisten Wohnblöcke hier sind im Besitz der städtischen Wohnbaugruppe – kurz WBG. Er lebt selbst in einer WBG-Wohnung. Doch Dieter Benkard fühlt sich für die Häuser und deren Bewohner verantwortlich. Er gehört zu den Augsburgern, die ihren Stadtteil gerne mögen. Das ist aber nicht bei allen Augsburgern so, gerade in Oberhausen.

Benkard sitzt seit 30 Jahren für die SPD im Stadtrat, immer hat er sich auch als Stimme Oberhausens verstanden. Er kennt die Menschen hier im Viertel – und die Menschen kennen ihn. Er weiß, dass Oberhausen nicht den besten Ruf hat. Zu viele Ausländer, urteilen manche über den Stadtteil. Zu wenig sauber sei es hier, auf den Straßen könne man sich nicht sicher fühlen. Zuletzt geriet der Stadtteil wieder mal negativ in die Schlagzeilen, nach der tödlichen Gewalttat gegen einen Passanten am Königsplatz. Mehrere Tatverdächtige, fast alle mit Migrationshintergrund, stammen aus Oberhausen. Doch Dieter Benkard sieht seinen Stadtteil dennoch ganz anders. Er gerät fast ins Schwärmen, wenn er gefragt wird, warum er gerne hier lebt.

Dieter Benkard wohnt sein ganzes Leben in Oberhausen und sitzt seit 30 Jahren im Stadtrat. Er sagt, der Stadtteil sei viel besser als sein Ruf.
Bild: Michael Hochgemuth

Die Nähe zur Wertach weiß Benkard zu schätzen, gerade im Sommer. Es gibt hier viele Kleingärten, seine Frau und er haben selbst seit Jahrzehnten einen solchen Garten. Er lobt die gute Verkehrsanbindung mit der Straßenbahnlinie 4, die nahen Einkaufsmöglichkeiten. „Simmer uns doch mal ehrlich“, sagt Dieter Benkard mit Augsburger Zungenschlag, „Probleme gibt es überall, auch in den scheinbar besseren Stadtteilen.“ Es gehe darum, die Probleme anzupacken. Er hat Menschen mit 100 Euro ausgeholfen, um eine Zwangsräumung ihrer Wohnung im letzten Moment noch abzuwenden. Er hat den Zuhälter einer jungen Prostituierten zur Rede gestellt und ihr dabei geholfen, einen Job im Josefinum zu bekommen, dem Krankenhaus im Zentrum des Stadtteils. Benkard sagt, er habe die Erfahrung gemacht, dass man „mit den meisten Menschen vernünftig reden kann“. Das gelte für Ur-Oberhauser wie ihn genauso wie für Migranten oder Zugezogene.

Ein große Mehrheit der Augsburger lebt gerne in der Stadt und in ihren Vierteln

Dieter Benkard mag ein besonders überzeugter Bewohner seines Stadtteils sein. Grundsätzlich aber identifizieren sich viele Augsburger mit ihrem Viertel, das zeigen auch Umfragen der Stadt und der Universität. In einer Bürgerumfrage vor drei Jahren gaben die meisten Befragten an, dass sie im Fall eines Umzugs am liebsten innerhalb ihres Viertels umziehen wollen (36 Prozent). An zweiter Stelle folgte ein Umzug in einen anderen Stadtbezirk (25,7 Prozent), erst an dritter Stelle ein Umzug ins Umland (18,3 Prozent). Auch ganz allgemein scheint die Zufriedenheit der Augsburger mit ihrem Wohnort relativ groß zu sein. In der Umfrage gaben 87 Prozent an, „sehr gerne“ oder „gerne“ hier zu leben. Unterschiede zwischen den einzelnen Vierteln gibt es aber sehr wohl. In Oberhausen-Nord, wo Dieter Benkard wohnt, sagen nur 75 Prozent, dass sie gerne in ihrem Viertel wohnen. Das ist der schlechteste Wert. In Bergheim dagegen liegt die Zufriedenheit bei 100 Prozent. Auch bei Detailfragen zeichnen sich diese Unterschiede ab: In Oberhausen-Nord sind nur rund 50 Prozent der Bewohner mit der Sauberkeit ihres Stadtbezirks zufrieden, im ländlichen Bergheim liegt die Zufriedenheit mit der Sauberkeit bei 100 Prozent. Auch die Sicherheit der Wohngegend wird ganz unterschiedlich eingeschätzt. Im Viertel Links der Wertach fühlen sich nur 50 Prozent sicher, im Lechviertel in der Innenstadt dagegen fast 93 Prozent, in Bergheim erneut 100 Prozent.

Lässt die Stadt die vermeintlichen Problemviertel hängen und kümmert sich mehr um die besseren Viertel, wo auch einflussreichere Bürger leben? Dieter Benkard widerspricht. Gerade in Oberhausen sei viel passiert. Es gab Sanierungsprogramme für Straßen und Plätze. Die städtische Wohnbaugruppe habe viele Häuser hergerichtet und auch neu gebaut. Mit der Drei-Auen-Schule sei im Jahr 2007 eine Grundschule komplett gebaut worden. Es gebe neue Nahversorgungszentren mit Einkaufsmärkten, neue Spielplätze und einen aufgewerteten Weg am Wertachufer. Dass jetzt auf dem Areal der ehemaligen Firma Zeuna-Stärker in großem Stil neue Wohnungen entstehen sollen, zeige die Attraktivität Oberhausens, sagt Benkard. Ein Stadtteil müsse sich aber auch Gehör verschaffen. Gebe es keinen Stadtrat, der sich für sein Viertel einsetzt und der Verwaltung notfalls auch lästig fällt, dann bewege sich aber weniger.

Der Stadtrat fuhr jede Woche durch Oberhausen und machte sich Notizen

Benkard erzählt, er sei früher jede Woche durch Oberhausen gefahren und habe sich Notizen gemacht, wo etwas im Argen lag – etwa Müllablagerungen oder kaputte Spielgeräte. Mit seiner Frau formulierte er dann Briefe an die Ämter. War nach einiger Zeit noch nichts geschehen, hakte er nach. Im Viertel heißt es deshalb oft: „Geh zum Benkard, der macht das.“ Als Aufsichtsratsmitglied bei der Wohnbaugruppe WBG kümmert er sich auch um die Sorgen der Mieter. Es ist viel Arbeit, aber er habe das auch gern gemacht, sagt Benkard. Deshalb falle ihm der selbst verordnete Abschied aus der Politik nicht leicht. Er steht bei der Kommunalwahl nicht mehr auf dem Wahlzettel. Es sei an der Zeit, kürzerzutreten.


Moritz Bode hat auch schon überlegt, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Er hat sich aber dagegen entschieden. Bode, 51, arbeitet als Strafverteidiger und lebt seit 1998 in Bergheim. Er bezeichnet den Stadtteil als „Dorf mit den Vorteilen einer Großstadt“. Benkards Heimat Oberhausen-Nord hat fast 9000 Einwohner, 70 Prozent der Bewohner haben Wurzeln im Ausland. Etwa 14 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren beziehen hier Hartz IV, das ist einer der höchsten Werte in Augsburg. Das ländliche Bergheim ist der Gegenentwurf. Hier leben 2500 Menschen, gerade mal knapp 15 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Hartz IV ist ein Fremdwort. Nur elf Bergheimer beziehen die staatliche Unterstützung, das sind 0,7 Prozent der Bewohner zwischen 15 und 65 Jahren. Für Moritz Bode aber waren diese Statistiken nicht entscheidend.

Moritz Bode zog 1998 nach Bergheim und engagiert sich unter anderem dafür, dass der ländliche Charakter des Ortes erhalten bleibt.
Bild: Peter Fastl

Seine Frau war 1998 mit dem ersten Kind schwanger, die junge Familie zog es vor allem ins Grüne. „Es ist die Nähe zur Natur und zu den Westlichen Wäldern, die Bergheim auszeichnet“, sagt Bode, der aus Pforzheim in Baden-Württemberg stammt und zum Jurastudium nach Augsburg kam. In Bergheim fand er schnell Anschluss und engagierte sich in der dortigen Umweltinitiative. Neun Jahre war er auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Bergheimer Vereine, an der Spitze der Umweltinitiative steht er noch immer. Das Engagement sei erfüllend, sagt er, auch so könne er viel für den Stadtteil bewegen – ohne politisches Amt. Für Bergheim sieht Bode die Herausforderung, dass das ländliche Erscheinungsbild erhalten bleibt.


Bergheim: Es gab Krach um ein geplantes Neubaugebiet am Ortsrand

Er weiß, dass neue Wohnungen entstehen müssen. Auch in Bergheim. Aber, meint er, in verträglichem Maß. Wie sehr ein Bauprojekt einen Stadtteil auch spalten kann, hat er selbst erlebt. Die Umweltinitiative sprach sich gegen ein Neubaugebiet auf einer Wiese am Ortsrand aus und sammelte zahlreiche Unterschriften dagegen. Doch es gab auch Befürworter. Nicht zuletzt bei jenen, die mit dem Verkauf des Grunds Geld verdienen könnten. Vorläufig liegt das Projekt politisch auf Eis. In der Stadtregierung von CSU, SPD und Grünen hatte es für Zwist gesorgt. Die Gräben, sagt Bode, seien in Bergheim aber nicht so tief, dass sich Befürworter und Gegner nicht mehr in die Augen schauen könnten. „Man muss sachlich miteinander umgehen, dann kann man auch unterschiedliche Meinungen aushalten“, sagt Bode.


Janina Hägele, 31, musste es aushalten, dass das Projekt, welches sie mit ihren Mitstreitern verfolgte, zuerst fast aussichtslos wirkte. Als sie im Jahr 2016 den Vorsitz des Feuerwehrvereins in Lechhausen übernahm, schien der Weg zu einer echten freiwilligen Feuerwehr in dem Stadtteil noch weit. Es gab genügend Freiwillige, doch bei der Stadt hielt sich die Begeisterung über das Engagement für eine neue Stadtteil-Feuerwehr in Grenzen. Schließlich verursacht eine Feuerwehr auch hohe Kosten. Voriges Jahr aber ging es plötzlich ganz schnell. Die Berufsfeuerwehr wird teilweise in den Westen der Stadt verlegt, deshalb kann man die freiwilligen Feuerwehrleute im Osten nun gut brauchen. Der Stadtrat stimmte zu, im März werden die ersten 13 Feuerwehrleute ausgebildet. Die Lechhauser Feuerwehr ist etwas Besonderes. Hier engagieren sich auch viele Neu-Lechhauser, die erst vor einigen Jahren zugezogen sind. Sie verbindet, dass sie selbst oder Familienmitglieder schon früher im Blaulicht-Bereich engagiert waren – etwa bei anderen Wehren in ihrer Heimat oder bei Hilfsorganisationen. Janina Hägele stammt aus Köln, ihr Mann aus Baden-Württemberg. Weil es beruflich passte, entschieden sie sich für Augsburg als Wohnort – und speziell für Lechhausen wegen der guten Anbindung an die Autobahn. Die Verkehrsanbindung ist vielen Augsburgern wichtig – sowohl für den Autoverkehr wie beim öffentlichen Nahverkehr. Lechhausen schneidet hier mit über 90 Prozent Zufriedenheit bei der Bürgerumfrage gut ab.

Die Kölnerin Janina Hägele (Mitte) fand schnell Anschluss und ist Chefin des Feuerwehrvereins, hier mit der Vize-Vorsitzenden Sandra Hartmann-Franke und Kommandant Franz Ranzinger.

Es hat nicht lange gedauert, bis sich Janina Hägele als echte Lechhauserin gefühlt hat. Sie ist so, wie man sich eine Kölnerin vorstellt, offen und meist zu einem Scherz aufgelegt. Sie sagt: „Vielleicht hat es geholfen, dass ich nicht auf den Mund gefallen bin.“ Der Feuerwehrverein engagiert sich auch im Leben des Stadtteils – etwa mit einem Stand beim Marktsonntag oder beim Auf- und Abhängen der Weihnachtsdekoration. „Eine Feuerwehr muss im Stadtteil präsent sein“, ist Janina Hägele überzeugt. So ist es dem neuen Verein auch gelungen, in wenigen Jahren fast 180 Mitglieder zu gewinnen. Was sie an Lechhausen schätzt: „Es ist Großstadt und Dorf in einem.“ Auch das Selbstbewusstsein der Lechhauser hat Janina Hägele von Anfang an gefallen. Schon früh habe man ihr erklärt: Lechhausen liegt auf der östlichen Seite des Lechs, und damit im „echten“ Bayern.

Der Hofflohmarkt bringt die Bewohner des Bismarckviertels in Augsburg zusammen

Freiwillige Feuerwehren gibt es in anderen Stadtteilen schon lange. Ein neueres Phänomen sind die Hinterhofflohmärkte. Der größte findet im Bismarckviertel statt, dieses Jahr steht schon die fünfte Auflage an. Lea Demirbas hat den Flohmarkt gemeinsam mit drei Freundinnen aus der Taufe gehoben. Der Entschluss dazu, erzählt sie, sei aus einer Weinlaune heraus entstanden. „Wir haben nicht geahnt, wie viel Arbeit damit verbunden ist“, sagt die PR-Expertin. „Sonst gäbe es den Markt wohl nicht.“ Doch Trotz des Aufwands: Die Freude und der Spaß überwiegen. „Man kommt mit vielen Menschen in Kontakt und lernt das Viertel ganz anders kennen.“ Auch in den Häusern, die sich beteiligten, wachse der Zusammenhalt. Viele sitzen nach dem Flohmarkt abends noch in ihren Höfen zusammen und feiern.

Aus Liebe zum Bismarckviertel: Lea Demirbas (rechts) organisiert mit Freundinnen - hier im Bild mit Marlene Kröhnert (links) und Mara Meyel – den Hinterhofflohmarkt.
Bild: Michael Hochgemuth


Lea Demirbas lebt seit rund 20 Jahren – mit nur kurzer Unterbrechung – im Bismarckviertel. Als sie 16 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter hierher. Was sie an dem Viertel schätzt: Es liegt nahe an der Innenstadt, ist aber weniger anonym. Man kennt sich hier noch beim Bäcker. Das Viertel ist beliebt. Der Wohnungsmarkt eng, die Angebote entsprechend teuer. Das Beispiel der Hinterhofflohmärkte indes zeigt: Auch mitten in der Großstadt gibt es ein Bedürfnis nach Kontakten und Nachbarschaft. Das geschieht vielleicht weniger über klassische Vereine, dafür mit neuen Initiativen. Eine von Demirbas’ Mitstreiterinnen ist kürzlich in die Jakobervorstadt umgezogen und engagiert sich jetzt dort. Am 18. Juli wird es auch in der Jakobervorstadt einen ersten Hofflohmarkt geben.


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