Was liegt eigentlich 15 Kilometer von Augsburg entfernt?

Bild: Jakob Stadler

In Corona-Hotspots dürfen sich Menschen nur 15 Kilometer vom Wohnort entfernen. In Augsburg ist das bisher nicht der Fall. Doch wie weit käme man, wenn die Regeln hier gelten würde? Eine Erkundungstour.

Wir sind ein Leben ohne Grenzen gewohnt. Doch die Corona-Regeln können unsere Bewegungsfreiheit massiv einschränken: Wenn sich in einer Region innerhalb von sieben Tagen mehr als 200 Menschen pro 100.000 Einwohner anstecken, gibt es eine Grenze vor der Haustür, 15 Kilometer vom Wohnort entfernt. So könnte für Augsburger das Umland plötzlich begrenzt sein. Wo genau, zeigt eine Entdeckungsreise.

In der Region traf es zuerst die Kommunen im Kreis Donau-Ries, dann waren auch die Städte und Gemeinden im Kreis Augsburg betroffen, ebenso die Stadt Kaufbeuren und der Landkreis Unterallgäu. Die Stadt Augsburg liegt momentan unter dem entscheidenden Wert. Ob und wann er überschritten werden könnte, ist kaum abzuschätzen.

Und selbst wenn, gibt es eine Menge Ausnahmen, die ein Verlassen der 15-Kilometer-Zone erlauben. "Das Einkaufen, der Besuch von Verwandten und Lebenspartnern sowie der Arbeitsweg sind von der 15-Kilometer-Regel nicht betroffen", heißt es auf der Seite des bayerischen Innenministeriums. Die beschränke Bewegungsfreiheit gilt im Freistaat nur für tagestouristische Ausflüge. Die Regierung will Szenen vermeiden, wie es sie in den ersten Wochen des Jahres etwa an Schlittenbergen und Wanderwegen im Alpenraum gab.

Wo würde der 15-Kilometer-Radius von Augsburg aus verlaufen?

Doch um ein Gefühl dafür zu bekommen, was diese mögliche Grenze bedeutet, lohnt sich ein Blick an die Ränder. Eine Erkundungstour im Augsburger Umland zeigt einerseits, wie groß das Gebiet dann doch ist - und dass man, wenn man sich darauf einlässt, an Orte gelangen kann, an die man ohne die Einschränkung wohl kaum gedacht hätte. Andererseits zeigt sie auch, wie absurd es ist, wenn plötzlich eine unsichtbare Grenze durch die Nachbarschaft verläuft.

Ganz im Norden von Augsburg schneidet der 15-Kilometer-Radius zum Beispiel den kleinen Ortsteil Ötz der Gemeinde Thierhaupten. Die Grenze würde durch ein Feld und den danebenliegenden "Waldweg" verlaufen. Der heißt nicht ohne Grund so - südlich des Feldes beginnt ein Waldstück.

So sähe es an der Grenze des Radius im Norden aus

Nördlich davon liegen die meisten Häuser des Dorfes. In einem Garten picken Hühner nach Körnern, ein Hund rennt bellend an einen Zaun. Menschen sind nicht auf den Straßen und Augsburger besuchen das Dorf wohl auch dann selten, wenn sie es dürfen. Das Haus von Carola Fischer ist eines der ersten, das jenseits der möglichen Grenze für Augsburger liegt. Sie sitzt mit ihren Kindern - zwei, drei und sechs Jahre alt - beim Mittagessen und ist überrascht, dass sie von einem Tag auf den anderen in einem Grenzgebiet leben könnte. 15-Kilometer plus noch ein paar Meter steht ihr Haus von der Augsburger Stadtgrenze entfernt. "Ich dachte, das wäre weiter", sagt sie. Dass man überhaupt so weit kommt, ist dem Augsburger Stadtteil Firnhaberau zu verdanken, der weit in den Norden ragt.

Denn das häufig 15-Kilometer-Radius genannte Gebiet ist kein Kreis, da die Entfernung jeweils von der Stadtgrenze aus gemessen wird. Wegen Augsburgs großer Nord-Süd-Ausdehnung entsteht ein eher eiförmiges Areal, mit einigen Dellen und Beulen.

Ausflüge wären für Augsburger, wenn die Stadt die Inzidenz von 200 überschreitet, nur noch innerhalb dieses Gebietes erlaubt. Konkret heißt das: Augsburger dürften den Waldweg bei Ötz noch erkunden - der Weg vor Fischers Haus wäre bereits tabu. Fischer sagt, dass das aktuell wenig Einfluss auf ihr Privatleben hätte, auch wenn sie einige Bekannte aus Augsburg hat: "Aber mit denen halte ich momentan nur Kontakt über Whatsapp." Wegen Corona treffe sie gerade ohnehin kaum Menschen.

Carola Fischer mit ihren drei Kindern in ihrem Haus in Ötz. Das Haus liegt knapp außerhalb des 15-Kilometer-Radius von Augsburg.
Bild: Jakob Stadler

Fischer vertreibt naturbelassene Produkte wie Öle oder Seifen, für die sie Kräuter aus dem Garten verwendet. Normalerweise verkauft sie die Produkte auf Märkten, die aber nun kaum stattfinden. In der Corona-Krise versucht sie deshalb, mehr Produkte online zu verkaufen - was bisher nur mäßig funktioniere. "Wegen ein, zwei Kräutersalzen machen die wenigsten eine Onlinebestellung", sagt sie. Immerhin: Selbst bei einer 200er-Inzidenz dürften Augsburger etwas bei ihr kaufen - zum Einkaufen darf die 15-Kilometer-Grenze in Bayern überschritten werden.

Die Polizei wird eher Ausflugsziele kontrollieren als einzelne Straßen

In der Praxis dürfte die Grenze, wenn es wie im Fall von Fischers Haus nur um wenige Meter geht, kaum Auswirkungen haben. Auf Nachfrage erklärt Talib Khachab vom Polizeipräsidium Schwaben Nord zwar: "Natürlich wird die Polizei das überwachen." Doch es gehe nicht um die einzelnen Straßen und den letzten Meter. "Das Ziel ist ja, die Zahl der touristischen Ausflüge zu beschränken." Darauf werde sich die Polizei konzentrieren, wenn es um die 15-Kilometer-Regel geht. Anzunehmen ist also, dass die Polizei einzelne Straßen von Thierhauptener Ortsteilen eher nicht kontrolliert, dafür aber Orte, die bekanntermaßen viele Tagestouristen anziehen. "Wir werden selbstverständlich auch an Ausflugszielen sichtbar sein", sagt Khachab.

Doch zumindest offiziell handelt es sich um eine harte Grenze, exakt 15 Kilometer von der Stadt- oder Gemeindegrenze entfernt. Berechnen sollen die Bürger diese offenbar selbst: Das Innenministeriums bietet auf seiner Internetseite keine Darstellungen des Radius für einzelne Kommunen an. Es verweist mit einem Link lediglich auf das Kartenmaterial des Landesamtes für Statistik, das Gemeindegrenzen zeigt. Auf die Frage, woher Bürger eigentlich wissen sollen, wohin genau Ausflüge noch erlaubt sind, schreibt ein Sprecher des Innenministeriums nur, es sei entscheidend, "ob der Zielort des Ausflugs weiter als 15 km (Luftlinie) von der Grenze der Wohnortgemeinde entfernt ist".

Das führt dazu, dass die neue Grenze mitten durch einige Orte führt. Bei einer Reise innerhalb des 15-Kilometer-Radius müsste man zum Beispiel spätestens im Kreisverkehr am Aichacher Ortseingang umdrehen. Die Grenze im Augsburger Osten führt genau durch das Kunstwerk in der Mitte des Kreisels, das so zum Grenzposten werden könnte - Aichachs Innenstadt dürften Augsburger nicht mehr besuchen, wenn die Inzidenz 200 übertrifft. Lediglich die südwestlichsten Straßen der Stadt wären noch innerhalb des Radius. Innerhalb wäre ausgerechnet ein Altenheim, das Haus an der Paar. Der Besuch von Verwandten ist aber ohnehin ein legitimer Grund, sich mehr als 15 Kilometer vom Hotspot-Wohnort zu entfernen.

So sähe es an der Grenze des Radius im Osten aus

Ähnlich wie in Aichach ist die Situation 40 Kilometer weiter westlich, in Zusmarshausen. Die westliche Grenze schneidet die Augsburger Straße, das Zentrum wäre für Augsburger bei hoher Inzidenz tabu. Die Gartenstraße markiert den Rand des für Augsburger dann noch erlaubten Areals und genau auf dieser Höhe steht eine Informationstafel mit Stadtplan. Ein Hinweis auf das drohende Grenzgebiet fehlt, doch hier ließe er sich zumindest leicht anbringen. Knapp außerhalb des 15-Kilometer-Radius ist die Metzgerei Beltle. Inhaber Markus Beltle verpackt gerade georderte Wurst und gratuliert nebenher einer Kundin zum Nachwuchs in der Familie. Er kennt viele der Menschen, die bei ihm einkaufen, und weiß: "Ich hab schon Kundschaft aus Augsburg." Die dürften aber auch im Falle einer Inzidenz über 200 noch zu ihm kommen, Einkaufen bliebe ja auch jenseits der Grenze erlaubt.

Beltle sagt auch: "Wenn ich mich nur noch 15 Kilometer um meinen Wohnort bewegen dürfte, würde mir das nichts machen." Das war, bevor der 15-Kilometer-Radius Realität für den Kreis Augsburg wurde: Das Robert-Koch-Institut meldete am Donnerstag 200,4 Fälle pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Für Menschen aus Zusmarshausen galt damit, dass sie nur noch Ausflüge in den westlichen Teil Augsburgs machen durften - bis zur Innenstadt reichte der Radius von dort aus nicht. Weil die Überschreitung im Kreis Augsburg das Ergebnis von Pannen und Nachmeldungen war, wurde die Regelung für den Kreis inzwischen wieder aufgehoben. Normalerweise gilt: Erst wenn der Wert sieben Tage nacheinander unter 200 liegt, kann ein Landkreis die Einschränkung wieder aufheben.

So sähe es an der Grenze des Radius im Westen aus

Wandern am Lech: Kurz vor Kaufering wäre Schluss

Im Norden bis nach Ötz, im Osten bis nach Aichach, im Westen bis nach Zusmarshausen - und im Süden reicht der 15-Kilometer-Radius von Augsburg aus bis in den Landkreis Landsberg. Die Grenze schneidet hier den Lech, etwa auf Höhe von Hurlach. Das Lechufer ist bei Spaziergängern beliebt, bei weniger vereistem Untergrund auch bei Radlern. Doch das Innenministerium zählt "Wandern, Spazierengehen, freizeitsportliche Aktivitäten" ausdrücklich zu den im Fall einer hohen Inzidenz verbotenen touristischen Ausflügen. 15 Kilometer von der Augsburger Stadtgrenze entfernt wäre also Schluss mit gehen, laufen oder radeln.

Die Staustufe 18 könnte gut ein Wall sein, der die Grenze markiert - allerdings liegt sie dafür einige hundert Meter zu weit südlich. Dort joggen Thomas Stiller und Niklas Sirch. "Wir wollten mal raus. Und sonst kann man ja gerade nicht viel machen", sagt Stiller. Die beiden kommen aus dem nahen Hurlach, sie können hier also in jedem Fall weiterhin joggen. Dass Augsburger bei einer erhöhten Inzidenz nicht mehr kommen dürften, lässt sie jedoch mit dem Kopf schütteln.

Thomas Stiller aus Hurlach gibt zu bedenken, wenn man die Regeln einhält, sei es "doch eigentlich egal, ob man das innerhalb oder außerhalb von 15 Kilometern um den Wohnort macht."
Bild: Jakob Stadler

Man müsse eben Menschenansammlungen meiden, meint Stiller, Abstand halten, und man könne eben nicht dorthin gehen, wo schon so viele Menschen sind. "Und wenn man das einhält, dann ist es doch eigentlich egal, ob man das innerhalb oder außerhalb von 15 Kilometern um den Wohnort macht."

So sähe es an der Grenze des Radius im Süden aus

Stiller ist selbst in Augsburg aufgewachsen. Er erinnert sich: "Der Siebentischwald ist ja auch ganz schön zum Joggen." Und auch sonst bleiben den Augsburgern einige Gebiete, in die sie bei einer hohen Inzidenz noch Ausflüge machen dürfen. Auch das zeigt die Entdeckungsreise entlang des 15-Kilometer-Radius: Das Gebiet ist größer, als man denken könnte. Am Ende der Recherche für diesen Artikel zeigte der Tacho fast 300 gefahrene Kilometer (ein paar unfreiwillige Umwege inklusive).

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