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Augsburg

28.01.2020

Wie Mütter erkennen, wenn sich Kinder radikalisieren

Heba Salman, Absolventin der "Mother Schools", bei der Ehrung im Goldenen Saal in Augsburg.
Foto: Stefanie Schoene

Das Projekt "Mother Schools" befähigt Frauen, mögliche Veränderungen und Radikalisierungen ihrer Kinder früh zu erkennen. Neue Workshops starten im September.

Die Ägypterin Heba Salman erklärt es so: „Wir kommen aus einer geschlossenen Gesellschaft. Bei uns herrschen Verbote in Sachen Bekleidung und Verhalten, die hier nicht gelten. Das müssen wir Mütter unseren Kindern erklären.“ Ein Spagat sei das. Zwar studierte die 52-Jährige in Kairo Englische Literatur, hatte einen Job als Radiomoderatorin und zählte damit zur ägyptischen Mittelschicht. Doch mit der offenen Gesellschaft in Augsburg, wo sie seit 16 Jahren mit ihrem Mann und der hier geborenen Tochter lebt, hadert sie.

Dass Kinder mit 18 Jahren entscheiden können, selbstständig zu leben und sich so der Kontrolle der Familie entziehen, ist für sie schwer zu akzeptieren, gibt sie zu. „Bei uns zieht man erst aus, wenn man heiratet. Auch eine Arbeit zu haben, berechtigt nicht automatisch dazu, das Elternhaus zu verlassen“, sagt sie.

Absolventinnen der "Mother Schools" in Augsburg geehrt

Mütter sind die Keimzelle der Gesellschaft, sagte Carolina Trautner. Wer Kinder stärken und für die Mitgestaltung einer demokratischen Gesellschaft rüsten will, sollte sich zuerst an sie wenden, sagte die Staatssekretärin des bayerischen Sozialministeriums während eines Empfangs im Rathaus. Im Goldenen Saal ehrte Trautner 25 von 35 Einwanderinnen beziehungsweise Flüchtlingen, die in den vergangenen Monaten die „Mother Schools“ absolviert haben. Dieses Training wird vom Sozialministerium bezahlt, vom Ordnungsreferat der Stadt unterstützt und vom Kinderschutzbund organisiert und umgesetzt. Es soll Mütter für ernst zu nehmende Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder und eine mögliche politische oder religiöse Radikalisierung sensibilisieren. Mother Schools-Projekte gibt es weltweit. In Deutschland ist Bayern bisher das erste teilnehmende Bundesland. 2017 finanzierte das Ministerium die Trainings in Unterfranken und im letzten Jahr in Nürnberg und Augsburg. Die Veranstaltungen in der Fuggerstadt, die von 40 somalischen, arabischen und aramäischen Frauen besucht wurden, förderte das Ministerium mit 36.700 Euro.

Mayada Barut, eine der Teilnehmerinnen an den sogenannten "Mother Schools" bei der Ehrung im Goldenen Saal.
Foto: Stefanie Schoene

Das Projekt sieht Mütter als Teil einer Sicherheitspolitik, die bei den innerfamiliären Beziehungen an der Basis als Teil einer Radikalisierungsprävention ansetzt. Nicht nur die Teilnehmerinnen, auch die Leiterinnen der Workshops – zumeist ebenfalls Frauen mit Einwanderungsgeschichte – werden an den jeweiligen Standorten ausgebildet. Im Fokus der zehn Mal drei Stunden umfassenden Projekte stehen die Kommunikation und das Verhältnis der Mütter zu ihren Kindern. Softskills wie die Wahrnehmung des anderen, das Hinhören und wertschätzendes Erklären werden eingeübt. „Die Mütter lernen die Entwicklungsphasen der Kinder und Strategien, wie sie mit ihnen in Kontakt bleiben können“, so Trautner. Initiiert wurde das pädagogische Konzept von Edit Schlaffer, Gründerin von „Frauen ohne Grenzen“ in Wien, die mit Ordnungsreferent Dirk Wurm ebenfalls an der feierlichen Zertifikatsübergabe teilnahm.

Augsburg: Neue "Mother Schools"-Workshops im September

Zum Empowerment der Frauen gehört vor allem auch die Selbstreflexion der Mütter. Zumindest für Salman scheinen die familiären Normen und die von diesen abweichenden Erfahrungen in Deutschland für innere Konflikte zu sorgen. „Für mich war es gut zu hören, dass andere Mütter dieselben Sorgen haben“, erklärt sie. Auch Mayada Barut, die 2015 aus Damaskus nach Augsburg floh, fand gerade den Austausch mit anderen Frauen und der Leiterin ermutigend. Selbstsicherer sei sie geworden, sagt sie. Sie habe gelernt, Entscheidungen zu treffen und beim Streit der drei Kinder anders zu reagieren, um die Situation zu beruhigen. War ihr Mann skeptisch? Barut lacht. „Mein Mann arbeitet in einem Restaurant. Er fand es gut, dass ich zu diesen Workshops gehe.“ Neue Workshops starten im September. Um das Netzwerk zu stärken, organisiert Sarah Hilterscheid vom Kinderschutzbund, weitere Angebote. Darunter Schwimmkurse für Kinder sowie Infoveranstaltungen zu Mietrecht und Weiterbildungsmöglichkeiten für Frauen.

Informationen unter motherschools@kinderschutzbund-augsburg.de.

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