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Interview

28.07.2020

Wirtschaftsreferent Hübschle erwartet harte Zeiten für Augsburg

Wolfgang Hübschle ist neuer Wirtschaftsreferent der Stadt Augsburg. Er sieht die Negativfolgen der Corona-Krise und will ihnen mit Augsburgs Stärken und Optimismus begegnen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Mitten in der Corona-Krise wird Wolfgang Hübschle neuer Wirtschaftsreferent. Er sieht harte Zeiten auf Augsburg zukommen – bleibt aber zuversichtlich.

Herr Hübschle, Sie sind seit Kurzem Wirtschaftsreferent der Stadt und bekommen es direkt mit den Folgen der Corona-Krise zu tun. Ist das nicht ein ziemlich undankbarer Job?

Wolfgang Hübschle: Wir haben hier nach wie vor einen aufstrebenden Wirtschaftsstandort und Augsburg bleibt eine Chancenregion mit sehr guter Entwicklung. Natürlich hätte ich mir gewünscht, an eine positive Wirtschaftsentwicklung anknüpfen und weiter aus dem Vollen schöpfen zu können. Aber unterm Strich darf es für mich als Wirtschaftsreferent keine Rolle spielen, ob es Corona gibt oder nicht: Wichtig ist, dass wir das Beste aus der Situation machen und die Stadt wirtschaftlich auch oder gerade jetzt nach vorne bringen – egal unter welchen Umständen.

Trotzdem lässt sich die aktuelle Krise nicht wegdiskutieren. Erste Folgen sind bereits zu erkennen. Wie schätzen Sie die Lage derzeit ein?

Hübschle: Ja, die Krise hat uns getroffen. Das sieht man an den steigenden Arbeitslosenzahlen sowie an Entwicklungen wie etwa bei Premium Aerotec oder auch MAN Energy Solutions. Es wird einen wirtschaftlichen Abschwung geben. Das, was wir bisher sehen, ist wohl leider erst die Spitze des Eisbergs. Ich bin aber Optimist und sage deshalb auch, wir sollten uns davor hüten, die Faszination, in den Abgrund zu schauen, zu kultivieren.

Was meinen Sie damit?

Hübschle: Aufgeben gilt nicht und hilft auch nicht weiter. Für mich ist die Situation tatsächlich eine Herausforderung, da packt mich dann schon auch der sportliche Ehrgeiz. Wir müssen nach vorne schauen und vorhandene Potenziale ausschöpfen. Unsere Stadt hat viele Stärken, die Corona ja jetzt nicht einfach wegwischt.

Welche Stärken sehen Sie konkret?

Hübschle: Augsburg ist immer noch ein gewerblich-technisch geprägter Standort. Diese Voraussetzung ist nichts Schlechtes, sondern auch ein Vorteil: Der Produktionsstandort Augsburg muss sich weiterentwickeln - mit neuen Materialien, neuer Produktionstechnologie, mit Künstlicher Intelligenz (KI) und adaptiver Produktion. Mit den Themen IT und Medizin. Also Zukunftsfeldern, die wir vor Ort ja schon entwickeln. Die Kombination aus Produktion sowie Forschung und Entwicklung sind zwei Stärken, die wir verbinden und für die wir am Ende stehen müssen. Und wenn wir den Tourismus betrachten, erkennen wir einen Trend, nicht in die Ferne zu reisen, sondern in der Heimat zu bleiben. Da gibt es mit den vielen Themen in der Stadt und als Welterbe-Stätte für Augsburg eine Chance. Mit positiven Effekten auch für den Handel.

Welche, auch finanziellen Möglichkeiten hat die Stadt, um die Entwicklung zu unterstützen? Geld im Überfluss hat die Stadt ja nicht gerade.

Hübschle: Darüber müssen wir uns sicher vertieft Gedanken machen. Unter anderem wird unsere „Allianz für Arbeitsplätze“ versuchen, wichtige Fachkräfte in Augsburg zu halten. Weil die öffentliche Hand nicht grenzenlos Gewinneinbrüche kompensieren kann, müssen Alternativen gefunden werden. Die Stadt kommt beispielsweise bei Gebühren, der Erteilung von Genehmigungen und Platznutzungen den Unternehmen entgegen. Dazu müssen bei Projekten Alternativen geprüft werden. Wo kommt das Geld her? Gäbe es Partner, die bereit sind einzusteigen? Für solche Konzepte brauchen wir mehr Kooperation und Schwarmintelligenz. Wir müssen zusammenarbeiten, weil keiner derzeit die Ressourcen hat, die Corona-Krise alleine zu bewältigen.

Welche Ansätze verfolgen Sie beim Handel? Er leidet ja auch besonders unter Corona.

Hübschle: Ein attraktiver Handel ist ganz wichtig für eine Stadt wie Augsburg. Es muss daher dringend wieder Frequenz in die Stadt kommen, damit die Umsätze angekurbelt werden. Das war schon vor Corona ein Thema. Nachdem große Veranstaltungen ausscheiden, müssen wir die Besucherströme räumlich und zeitlich entzerren. Stichwort „Augsburger Stadtsommer“. Passende Konzepte zu entwickeln ist derzeit aber schwierig, weil sich die Corona-Vorgaben immer wieder ändern. Wir schießen auf bewegliche Ziele. Langfristig wird sich der Handel weiter digitalisieren müssen.

Kann der lokale Handel bei der Digitalisierung überhaupt noch mithalten?

Hübschle: Wir werden gemeinsame Verkaufsplattformen und auch einen Ausbau der urbanen Logistik vorantreiben. Letztlich muss das Ziel sein: ähnlich bequem wie im Internet, aber viel mehr Einkaufserlebnis.

Erste Geschäfte in der Innenstadt haben bereits aufgegeben. Damit werden Leerstände nun auch in den 1a-Lagen zunehmend zum Thema…

Hübschle: Das wird leider wohl zunehmend passieren. Pop-up-Stores bleiben weiter ein probates Mittel, um solche Leerstände temporär attraktiv zu halten. Wichtig ist auch, mit den Vermietern in Kontakt zu kommen und über Möglichkeiten einer Nachnutzung oder auch neuer Konzepte zu diskutieren. Denn es gibt hier keine rechtlichen Grundlagen, bei privaten Eigentümern einzugreifen. Was mich sehr gefreut hat, ist die Tatsache, dass Karstadt in der Stadt geblieben ist. Dieser Weggang hätte uns sehr wehgetan.

Neben modernen Konzepten wie Pop-up-Stores hat ihre Vorgängerin und jetzige Oberbürgermeisterin Eva Weber auch das Thema Start-ups, also Neugründungen, deutlich in den Fokus gerückt. Welche Bedeutung sprechen Sie diesem Thema für Augsburg zu?

Hübschle: Hier sehe ich noch erhebliche Zukunftschancen für die Stadt. Stichwort: Wissenstransfer zwischen jungen Kreativen und eingesessenen Unternehmern. Was wir bereits haben, ist eine recht starke, auch über Augsburg hinaus bekannte IT-Landschaft. Wo ich noch Potenzial sehe, ist im Bereich Medizin, bei der Künstlichen Intelligenz an der Schnittstelle von neuen Materialien und Fertigungstechnik.

Gibt es da nicht andere Standorte, die Augsburg überlegen sind?

Hübschle: Wahrgenommen werden wir bundesweit nur überschaubar. Da gibt es andere Standorte, die glänzen – wie Berlin oder auch München, Köln, Hamburg. Bei den kleineren Standorten haben Karlsruhe mit seinen IT-Ausgründungen oder Heidelberg im Bereich Medizin einen guten Ruf. Da müssen wir hinkommen. Wenn wir unsere Start-up-Szene noch stärker Richtung München ausdehnen, könnten wir unseren Bekanntheitsgrad steigern. Von den Voraussetzungen müssen wir uns aber keinesfalls verstecken.

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Wie soll der Wirtschaftsraum am Ende ihrer Amtszeit aussehen?

Hübschle: Die Idealvorstellung wäre, dass Augsburg als Kongressstandort für Künstliche Intelligenz in verschiedensten Anwendungen sowie Medizintechnik die Leute zum Technologiezentrum pilgern lässt – auf Basis einer datengetriebenen Mobilitätsinfrastruktur, die schnelle und günstige Verkehrswege ermöglicht. Die Leute mögen Augsburg, weil es kulturell viel bietet und sie deshalb im Anschluss an ihren Kongress noch zwei Tage in Augsburg dran hängen, um dies zu erkunden und Augsburg als Tourismus- und Einkaufsstandort nutzen. Dann wäre ich ziemlich zufrieden.

Und für wie realistisch halten Sie das?

Hübschle: Für ziemlich realistisch. Zumindest in Teilzielen wie Künstliche Intelligenz in der Produktion, Medizintechnik plus Start-up-Aktivität und Wahrnehmung als Standort mit guten Rahmenbedingungen. Das ist ambitioniert, aber machbar. Ich freue mich schon auf das Interview in sechs Jahren, dann können wir das überprüfen.

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