Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten
Innenstadt
Icon Pfeil nach unten

Türkei: Augsburger Student startet nach Erdbeben eigene Hilfsinitiative

Türkei

Augsburger Student startet nach Erdbeben eigene Hilfsinitiative

  • |
  • |
  • |
    Ein Haus in der türkischen Stadt Antakya hat eine Reihe von Autos unter sich begraben.
    Ein Haus in der türkischen Stadt Antakya hat eine Reihe von Autos unter sich begraben. Foto: Ali Can Gunenc

    Den Augsburger Ali Can Gunenc hielt es nicht, er machte einen eigenen Hilfsdienst auf. Zusammen mit seinem Onkel tourt er im geliehenen Auto zwischen dem Erdbebengebiet im südöstlichsten Zipfel der Türkei und der nächsten intakten Großstadt hin und her, um Verbandsmaterial, Medikamente und Trockenkonserven zu besorgen, ins Auto zu laden und in Antakya an die Menschen zu verteilen. Er berichtet von toten, sterbenden, hilflosen, schreienden, plündernden und panischen Menschen. Der Medizinstudent, 32, der auch Rettungsassistent und Medizinischer Laborant ist, tröstet und versorgt sie, hängt sich sein Stethoskop um, damit man in den Straßen sieht, dass er für Hilfe ansprechbar ist. 

    Der Augsburger Allgemeinen gibt der Medizinstudent ein Interview aus dem Auto, irgendwo zwischen Adana und Antakya, erzählt von der Hafenstadt Iskenderun, an der sie gerade vorbeifahren. Hier liegt auf einem Militärschiff ein schwimmendes Krankenhaus vor Anker, erzählt er. Ein holländischer Kollege, ein Herzchirurg und ebenfalls Notfallhelfer im Gebiet, hat ihm das berichtet. Doch für eine Nutzung der Materialien oder des Inventars im nur 60 Kilometer entfernten Antakya fehlt bisher die Koordination.

    Schon an Tag eins nach dem Erdbeben saß der Augsburger im Flugzeug

    Als Günenc am letzten Montag in der elterlichen Wohnung im Bärenkeller aufwachte, war nichts mehr, wie es war. Schon mittags, als die Erde in der Heimatstadt seiner Eltern Antakya noch bebte, saß der Medizinstudent mit einem Onkel Hikmet Aksoy im Flieger nach Istanbul. Die beiden Augsburger aus dem Bärenkeller erwischten einen Anschlussflug nach Adana, einer Millionenmetropole außerhalb des Katastrophengebiets. Sie luden das Auto voll mit Brot und machten sich auf den Weg. 180 Kilometer sind es bis Antakya, das antike Antiochien. Die 380.000 Einwohner-Stadt liegt eingerahmt von Syrien im Süden und Osten und von der Mittelmeerküste im Westen in einer historischen Region der Levante, die über Jahrtausende viele Kulturen hat auf- und absteigen sehen. Für das offene Leben und die lebendige, studentische Musik- und Kulturszene ist die Stadt landesweit bekannt. 

    Jetzt ist sie zerstört. „Es steht nichts mehr, die Häuser sind einfach zusammengefallen. Derzeit gibt es keinen Strom, keine Einkaufsmöglichkeiten mehr, es wird geplündert, die Leute haben Hunger“, berichtet Ali Can. Als er am Dienstagfrüh mit dem mit Brot voll beladenen Auto in die Stadt fuhr, in der er die Sommerferien seiner Kindheit verbrachte, war er erschüttert. „Es ist apokalyptisch, surreal, absurd, unglaublich“, berichtet er.

    Augsburger kaufen im Erdbeben-Gebiet von den Spenden Waren und Medikamente

    Seit Dienstag verteilen er und weitere Onkel vor Ort, was sie von den privaten Spenden von Bekannten, Verwandten und Freund aus Deutschland kaufen können. In Adana heben sie vor dem Einkauf das gespendete Geld bei Western Union ab. Während des Interviews, so berichtet er, lagerten im Auto Waren und Medikamente im Wert von 1500 Euro. „Als wir sahen, dass die Kinder ohne Schuhe in der Kälte unterwegs waren, nur Plastiktüten um die Socken gewickelt, haben wir zum Beispiel erst mal nur Kinderstiefel gekauft.“ Doch auch Bargeld sei notwendig. „Wir verteilen möglichst viel Geld auch in bar an die Leute. Sie haben nichts mehr und müssen jetzt in die Lage versetzt werden, die nötigsten Dinge kaufen zu können.“

    Den Rest der Zeit verbringt Ali Can auf der Straße, versorgt offene Wunden und Verletzte, spendet Trost. Auch die Beerdigungen seines Großvaters und eines Cousins, der ebenfalls tot aufgefunden wurde, müssen jetzt organisiert werden. 

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden