Sie kommen meist um Mitternacht. Wenn sie ihren ersten Hunger gestillt haben, schwärmen die jungen Zwergfledermäuse durch die Augsburger Nacht. Und haben sich in den vergangenen Tagen auf ihrer Suche nach einem Unterschlupf immer wieder in geöffnete Fenster verirrt. Im Hochsommer, sagt Anika Lustig von der Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern, ist in Augsburg traditionell Hochsaison für die Fledermausretter. Dann müssen sie teilweise gleich zu mehreren Einsätzen am Tag in der Stadt ausrücken und verirrte Tiere aus den Gebäuden holen.
Am Donnerstagabend waren die Ehrenamtlichen in Augsburg gleich zweimal gefordert. In einem der Fälle befreiten sie dabei 19 Fledermäuse aus einem Keller. Nachdem es sich bei den verirrten Flugkünstlern hauptsächlich um Jungtiere handelt, geht die Forschung davon aus, dass die Tiere acht bis zehn Wochen nach ihrer Geburt auf der Suche nach einem geeigneten Winterquartier durch gekippte Fenster oder andere kleine Spalten versehentlich in die Häuser fliegen. Und weil die gefangenen Fledermäuse in ihrer Aufregung rufen, locken sie oft weitere interessierte Artgenossen an, die dann ebenfalls in der Falle sitzen.
Diese Wohnlagen in Augsburg sind in Fledermauskreisen besonders gefragt
Dabei scheinen in Augsburger Fledermauskreisen einige Wohnlagen besonders attraktiv zu sein. Vor allem in der Innenstadt, im Antonsviertel, rund um den Bahnhof und im Bereich der Konrad-Adenauer-Allee müssen die Retter oft anrücken, um Tiere aus Wohnungen zu befreien. Warum es ihnen gerade dort so gut gefällt, lässt sich schwer sagen. Ein Erklärungsansatz wäre, dass die Tiere in Vierteln mit vielen älteren Häusern leichter kleine Ritzen in der Fassade finden. Zudem, sagt Anika Lustig, sei die Bebauung in der Innenstadt oft enger, was im Winter dort für höhere Temperaturen sorgt. Das könnte auch eine Erklärung sein, dass das Phänomen in Bayern hauptsächlich in Städten auftritt, die für ihre Altstadt bekannt sind. Neben Augsburg sind das etwa Landshut oder Nürnberg.
Schon gewusst? Acht Fakten über Fledermäuse
Flattertiere: Fledermäuse sind zusammen mit den Flughunden die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können.
Viele Arten: Weltweit gibt es rund 1000 Fledermausarten.
Die Größte: Als größte Fledermausart gilt die Australische Gespenstfledermaus, die eine Körperlänge von 14 Zentimetern, eine Spannweite von 60 Zentimetern und ein Gewicht von 200 Gramm erreichen kann.
Die Kleinste: Die kleinste Fledermaus ist die Schweinsnasenfledermaus (genannt Hummelfledermaus) mit einer Länge von drei Zentimetern und einem Gewicht von zwei Gramm. Sie gilt als eines der kleinsten Säugetiere überhaupt (Quelle: Wikipedia).
Echoortungssystem: Um sich im Dunkeln zurechtzufinden und Insekten zu jagen (ohne ihre Augen einsetzen zu müssen), stoßen Fledermäuse Ultraschallwellen aus, die von Objekten als Reflexionen zurückgeworfen werden. Diese werden von der Fledermaus aufgenommen: Durch die Zeitunterschiede können die Tiere die Umgebung erfassen und orten, wie weit ein Baum oder Insekt entfernt ist und mit welcher Geschwindigkeit es sich bewegt.
Gefährdung: Die Weltnaturschutzorganisation IUCN listet vier Fledermausarten als ausgestorben auf, 20 gelten als stark bedroht und viele weitere als bedroht oder gefährdet.
Mythos: In Europa wird die Fledermaus seit dem späten Mittelalter als Symbol für die Seele und deshalb den Tod gesehen. Davon leiten sich Vampirmotive ab.
Krankheiten: Studien haben gezeigt, dass Fledermäuse mit einer Vielzahl von Viren leben können, ohne selbst zu erkranken. Dazu gehören Tollwut und auch das Coronavirus Sars-CoV-2.
Anika Lustig von der Koordinierungsstelle für Fledermausschutz in Südbayern rät Bürgerinnen und Bürgern in Augsburg, die Fenster nachts nur mit einem Fliegengitter oder heruntergelassenen Rollladen davor zu kippen. „Wer eine Fledermaus in Wohnung, Büro, Praxis oder Hausflur findet, sollte dort mögliche Verstecke nach weiteren Tieren absuchen. Zwergfledermäuse können auch in kleinen Spalten von einem Zentimeter Breite unterschlüpfen und hinterlassen Kotspuren. Werden die Tiere abends angetroffen oder beim Einflug beobachtet, hilft es zunächst, ein Fenster weit zu öffnen und das Licht auszumachen, damit sie ihr Echolot besser einsetzen können. Dann fliegen sie in aller Regel wieder aus.“ Bis es so weit ist, könne aber einige Zeit vergehen. "Wenn es länger dauert, kann man auch das Licht anmachen, um es ihnen ein bisschen ungemütlich zu machen und ihnen zu zeigen, dass es draußen schön dunkel ist."
Expertin rät: Fledermäuse immer nur mit Handschuhen anfassen
Werden Fledermäuse morgens oder tagsüber angetroffen, können sie in einem Karton untergebracht werden bis sie abends wieder ausfliegen. Der Karton sollte ausbruchsicher und mit einem trockenen Tuch ausgeschlagen sein sowie über Luftlöcher verfügen. Auch Wasser – etwa im Deckel eines Marmeladenglases – muss für die Tiere bereitstehen. Immer zu beachten sei, dass Fledermäuse nur mit Handschuhen oder einem Tuch gegriffen werden sollten, da sie mit ihrem Biss Krankheiten übertragen können. Dass sie Tollwut in sich tragen, komme in unseren Breiten, im Gegensatz zu Norddeutschland, aber selten vor, sagt Anika Lustig. Dass die Tiere von sich aus angreifen, müsse aber niemand befürchten. Befinden sich die Fledermäuse außerhalb der direkten Reichweite oder fliegen in der Dämmerung nicht selbstständig ab, können sich Betroffene an den Verein für Fledermausschutz in Augsburg wenden.