Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, doch die Tage des Augsburger Klimacamps in der jetzigen Besetzung und Form könnten gezählt sein: Am Donnerstag wollen sich die Aktivistinnen und Aktivisten in einer Pressekonferenz zur Zukunft der Dauer-Demo, die seit mehr als drei Jahren neben dem Rathaus ausharrt, äußern. Man treffe sich am Dienstag- und Mittwochabend noch zu Abstimmungsgesprächen, so Mit-Organisator Ingo Blechschmidt, einer der führenden Köpfe im Camp, am Dienstag auf Anfrage unserer Redaktion. Er betonte, dass noch nichts entschieden sei. "Ich schließe aus, dass das Klimacamp einfach zugesperrt wird", so Blechschmidt, womöglich stünden aber erhebliche Änderungen ins Haus.
Die Klimacamp-Aktivisten sind seit Juni 2020 neben dem Rathaus vor Ort, um die Stadt zu mehr Bemühungen für Klimaschutz aufzurufen. Das Camp – deutschlandweit wohl die bisher längste derartige Veranstaltung – hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt und ist in der Bevölkerung wegen seines Erscheinungsbildes umstritten. Die Stadt scheiterte vor Gericht mit ihrem Versuch, das Camp aufzulösen. Es hatte sich im vergangenen Winter angesichts von Schwierigkeiten, die "Schichten" zu besetzen (im Camp müssen jederzeit zwei Personen anwesend sein, damit es als Versammlung gilt), schon einmal mit der Zukunftsfrage befasst, diesmal scheinen die Überlegungen aber grundsätzlicherer Natur zu sein.
Klimacamp-Aktivisten: "Zahlen einen hohen persönlichen Preis"
Blechschmidt sagte am Dienstag, die zuletzt ergangenen Urteile beziehungsweise Forderungen der Staatsanwaltschaft nach Freiheitsstrafen gegen Aktivisten seien ein hoher persönlicher Preis. Gegen den 35-jährigen Blechschmidt, der promovierter Mathematiker ist, lief zuletzt vor dem Landgericht ein Verfahren wegen einer Besetzungsaktion bei der Regierung von Schwaben anlässlich der Meitinger Lohwald-Rodung vor einem Jahr. Blechschmidt war in erster Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Wegen einer weiteren Aktion im Königsbrunner Rathaus wurde Blechschmidt zuletzt ebenfalls zu einer Geldstrafe verurteilt, die Staatsanwaltschaft forderte in diesem Fall aber eine dreimonatige Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Im November stehen Blechschmidt und Mitstreiter wegen einer halbtägigen Baumbesetzungs-Aktion auf dem Reese-Areal, bei der sie gegen einen Kahlschlag protestierten, vor Gericht. Womöglich im Hinblick darauf, dass am Ende doch eine Haftstrafe stehen könnte, zog Blechschmidt die Berufung in Sachen Regierung von Schwaben zurück.
Er halte Gerichtssäle nicht für die richtigen Orte, um sich mit gesellschaftlichen Fragestellungen zu befassen, so Blechschmidt. Die "Letzte Generation" habe nach der Razzia im Frühjahr eine wahre Spendenflut erlebt. Auf die Frage, warum sich das Klimacamp nicht auf den erlaubten Protest neben dem Rathaus und weitere angemeldete Demonstrationen beschränkt, sagt Blechschmidt, dass diese Formen der Meinungsäußerung offenbar nicht genug Effekt haben. Die Fridays-for-Future-Aktionen samt Schülerstreiks 2019 hätten ein Klimaschutzgesetz zur Folge gehabt, das diesen Namen nicht verdiene, so Blechschmidt. Auch bei der Einhaltung des Augsburger CO2-Restbudgets, auf das sich der Stadtrat vor zwei Jahren verständigte, sehe man erhebliche Defizite. In der Tat gilt das Augsburger Restbudget in seiner reinen Form inzwischen als nicht mehr einhaltbar, in einer abgeschwächten Form wird es erhebliche Anstrengungen brauchen.
Kommt die "Letzte Generation" nach Augsburg?
Mit den symbolhaften Aktionen, die zu Gerichtsverfahren führten, habe man mehr Aufmerksamkeit erregt, so Blechschmidt. "Wir stehen aber nicht für Blockaden oder Sachbeschädigung." Ein Szenario zur Zukunft sei, der Letzten Generation die Übernahme der Klimacamp-Strukturen anzubieten, so Blechschmidt. Blechschmidt ist als Verantwortlicher im Impressum der Homepage der Letzten Generation geführt, ein Engagement bei Klimakleber-Aktionen gebe es aber nicht. In Augsburg hat die Letzte Generation bisher keine große Basis, es gab im Sommer lediglich ein eintägiges Gastspiel von auswärtigen Aktivisten mit einer Straßenblockade am Königsplatz. Sollte die Letzte Generation Augsburg als dauerhaftes Betätigungsfeld entdecken und Aktivistinnen und Aktivisten schicken, würde sich das womöglich ändern. Für Donnerstagabend ist schon einmal ein Vortrag der Letzten Generation im Grandhotel Cosmopolis um 18.30 Uhr angekündigt. Ein weiterer Vortrag ist für 8. November im Grandhotel (Springergässchen 5) angekündigt. Es gehe um Hintergründe und Beteiligungsmöglichkeiten, so die Letzte Generation.