"Wir trauen uns heute, so zu leben, wie wir empfinden", sagt Lisette Sara Rosenkranz. Im November 1976 kam sie als Till Rosenkranz in Augsburg zur Welt, heute lebt sie als Frau in einer hübschen Maisonette-Wohnung mit Garten im ruhigen Hochzoll. Endlich führt sie das Leben, das zu finden Jahrzehnte gedauert hat. Rosenkranz erlebte eine Kindheit wie im Bilderbuch. Mit ihrer Mutter Elisabeth buk sie Plätzchen, mit ihrem Vater Hermann, einem Theologen und Psychologen, wurde gebastelt. Trotzdem: Schon als Kind erlebte Lisette Sara immer wieder Momente einer tiefen Melancholie - aber auch Wonnen wie die des Faschings, wenn sie als wunderschön geschminkter Clown die Menschen begeisterte.
Bereits als Bub entdeckte sie als "Zeitvertreib" die Schmink-Utensilien der Mutter und das besondere Gefühl, auf Schuhen mit hohen Absätzen zu posieren. Aber auch das Gefühl der Angst, von Freunden in Kindergarten und Schule nicht als "richtiger" Junge angesehen zu werden. Mit sieben Jahren bekam Lisette Reitstunden und eine Ausbildung zur Dressurreiterin, lernte die perfekte Haltung. "Das hilft mir noch heute, auf Stöckelschuhen gut zu laufen", sagt sie.
Augsburgerin beschäftigte sich lange mit der Frage: Was bin ich?
Doch die Angst und das Unbehagen blieben. "Was bin ich?" Als der Vater, Leiter der Drogenberatung, einmal von einer Trans-Klientin erzählte, fand das Lisette sehr spannend. Gesagt hat sie damals nichts, denn in den ausgehenden 1980ern gab es weder Literatur noch Beratungsstellen zur Frage, ob sich ein Mensch im falschen Körper befindet. Durch die enge Bindung zum Vater entdeckte Lisette allerdings eine andere Leidenschaft, die der Autorennen. Bei einem Lehrgang für angehende Rennfahrer und Rennfahrerinnen hatte sie als Lehrer Jos, den Vater von Max Verstappen. Und heute eine Vision: "Ich will als erste deutsche Trans*Frau beim 24-Stunden-Rennen über den Nürburgring rasen."
Für was steht der Begriff LGBTIQ?
L für Lesbisch: Menschen, die sich als Frauen identifizieren und sich zu Frauen hingezogen fühlen
G für Gay (das englische Wort für schwul): Menschen, die sich als Männer identifizieren und sich zu Männern hingezogen fühlen
B für Bisexuell: Die lateinische Vorsilbe bi bedeutet zwei und bezieht sich hierbei auf die sexuelle Orientierung, sich zu zwei oder mehr Geschlechtern hingezogen zu fühlen
T für Transgeschlechtlich: Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde
I steht für Inter: Menschen mit körperlichen Geschlechtsmerkmalen, die nicht ausschließlich männlich oder weiblich sind.
Q für Queer: Sammelbegriff für alle von der Norm abweichenden Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten. Darunter fallen auch intersexuelle Menschen, die sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen
Autos sind bis heute die Konstante in ihrem Leben: Sie absolvierte eine Ausbildung bei Mercedes-Benz, arbeitete ab 2010 bei BMW. Seit 2014 gehört ihr eine Oldtimer-Boutique mit Autowerkstatt in Kissing. Alles andere in ihrem Leben war und ist ein Auf und Ab aus Gefühlen, Enttäuschungen und dem Ergründen ihres Geschlechts. "Jetzt weiß ich: Ich bin nicht homosexuell, ich bin eine Frau im falschen Körper", sagt Lisette Rosenkranz. Sie hat sich professionelle Hilfe geholt. Ihrem Vater, der 2017 starb, hatte sie es nicht mehr sagen können, ihre Mutter hat mit dem Leben der Tochter kein Problem. Rosenkranz' neunjährige Ehe, in der sie, nach Absprache, am Wochenende immer als Frau irgendwo unterwegs sein durfte, ist auch zu Ende. "Eine Erleichterung." Ihr sei es immer schwerer gefallen, ab Montag wieder Mann zu sein. Es sei für beide Partner eine Qual gewesen. Die beiden Kinder, die ihre Ex-Frau mit in die Ehe gebracht hatte, sind längst flügge. Einziges "Scheidungskind" ist James, ein zehnjähriger Labrador-Hund, der jede Woche seine Frauchen wechseln muss.
Vom Mann zur Frau: Die dunkle Stimme und der Bartwuchs sind geblieben
Seit Januar nimmt die 45-jährige Augsburgerin Hormone. "Meine Figur wird weiblicher, der Po größer." Doch nicht nur ihr Körper verändert sich, auch die Gefühle. Doch einiges bleibt, wie die dunkle Stimme und der Bartwuchs, für Letzteren wird alle paar Wochen eine aufwendige Haarentfernung notwendig. Um gut durch den Prozess zu kommen, wird sie von einem Psychologen auf ihrer langen und manchmal schmerzhaften Reise begleitet. Bis jetzt hat Lisette Sara Lucretia Rosenkranz noch nicht entschieden, ob sie ihre männlichen Geschlechtsorgane operativ entfernen lassen wird. "Ich werde meine Reise zu mir fortsetzen, wie immer diese aussieht." Einen ersten Termin beim Endokrinologen hat sie absolviert. Bei ihrer derzeitigen Beziehung mit einem Mann gebe es diesbezüglich allerdings keinerlei Probleme. Auch die oft zitierten Anfeindungen in den sozialen Netzwerken kenne sie bisher nicht. Sie sagt: "Man wird ja kein anderer Mensch."
Etwas anderes ist ihr sehr wichtig: Sie will Männern, Frauen und Transpersonen helfen, ihren Weg zu finden und eine Ausbildung als Therapeutin beginnen. So hat sie mitgeholfen, dass die operierte Trans-Frau Zi Faamelu (in deren Pass noch das männliche Geschlecht eingetragen war) die Ukraine verlassen konnte. Sie wäre sonst dort als Mann in die Armee eingezogen worden.