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Augsburg: Einzigartiges Geschäft in Augsburg: Der Herr der Nähmaschinen ist tot

Augsburg

Einzigartiges Geschäft in Augsburg: Der Herr der Nähmaschinen ist tot

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    Fröhlich, mit Bart und Zopf - so kannten die Menschen Raphael Wilhelm.
    Fröhlich, mit Bart und Zopf - so kannten die Menschen Raphael Wilhelm. Foto: Annette Zoepf

    An der Kasse erinnert ein Bild an Raphael Wilhelm. Der fröhliche Mann mit dem grauen Vollbart und den langen Haaren, die er gerne zusammenband, ist vor wenigen Wochen unerwartet verstorben. Wilhelm war nicht nur vielen Augsburgern, sondern auch über die Stadtgrenze hinaus bekannt. "Raffi" oder "Raff" nannten sie ihn. Der gebürtige Augsburger führte jahrzehntelang ein Fachgeschäft für Nähmaschinen und Kurzwaren - zuletzt in der Donauwörther Straße in Oberhausen. Er reparierte sogar die Maschinen seiner Kunden und zählte mit dem Laden zu einem der letzten in der Region. Ein Nachruf auf einen Mann, der außer seinen Nähmaschinen noch eine weitere Leidenschaft hatte.

    Bei der Beerdigung des Einzelhändlers sprach der Trauerredner einen Satz, der viel über den 73-Jährigen aussagte: "Er gab jedem das Gefühl der einzige und beste für ihn zu sein." Ihr Mann sei sehr beliebt gewesen, bestätigt Waltraud Wilhelm. "Er war offen und ging auf die Menschen zu." Die Witwe sitzt mit den Mitarbeiterinnen Gabi Reisch und Janine Roth im hinteren Teil des Geschäfts, der einem Museum gleicht. In Regalen und auf Tischchen stehen hier zig alte Nähmaschinen, teils aus dem 19. Jahrhundert. Es sind kleine Kinder-Nähmaschinen. 

    Raphael Wilhelm hatte Maschinen aus der ganzen Welt zusammengesammelt - an die 500 wurden es über die Jahre. Dazwischen steht in dem Eck ein großer runder Tisch, an dem sie alle jeden Morgen gemeinsam frühstücken, bevor der Laden aufgesperrt wird. Seit Kurzem ohne ihn, den Ehemann, Freund, Chef, der immer das Frühstück für "seine" Damen vorbereitet hatte. Hier hat sogar jeder sein eigenes Platzdeckchen, bestickt mit dem Namen. Das rote Deckchen mit "Raffi" bleibt jetzt leer.

    Augsburger Raphael Wilhelm war von Nähmaschinen fasziniert

    Sein Tod war überraschend, sagt Waltraud Wilhelm. Seine Operation im Krankenhaus - sie war eigentlich eine Routine-Geschichte. "Wahrscheinlich ging es ihm schlechter, als er uns glauben lassen wollte", meinen die Frauen. Es hätte wohl zu ihm gepasst. Raphael Wilhelm war ein Mensch, der immer fröhlich war und wollte, dass es seinen Lieben gut ging. Über 50 Jahre waren die Wilhelms verheiratet. 1968 lernten sie sich in der legendären Augsburger Disko Big Apple in der Gögginger Straße kennen.

    Raphael Wilhelm verkaufte im Laden in der Donauwörther Straße nicht nur Nähmaschinen, er reparierte sie auch und sammelte zig historische Exemplare. Ein Bild erinnert an ihn.
    Raphael Wilhelm verkaufte im Laden in der Donauwörther Straße nicht nur Nähmaschinen, er reparierte sie auch und sammelte zig historische Exemplare. Ein Bild erinnert an ihn. Foto: Peter Fastl

    "Die hatte nachmittags schon auf, mit 18 durfte ich abends noch nicht weg, da war mein Vater streng", berichtet Waltraud Wilhelm, die aus dem Bärenkeller stammt. Er war ein eingefleischter Gögginger. Raphael Wilhelm ließ sich einst bei Erhardt + Leimer zum Mechaniker ausbilden. Als er später in einem Nähmaschinengeschäft arbeitete, begann seine Faszination für die Maschinen mit Nadel und Faden, bis er sich selbstständig machte: erst mit einem Laden am Schmiedberg, dann in der Jakoberstraße sowie mit einer Filiale in Aichach. Die letzten Jahre führte er das 300 Quadratmeter große Geschäft in der Donauwörther Straße in Oberhausen - zwischen einer Pilskneipe und einer Änderungsschneiderei. An Rente wollte er nie denken.

    "Aufzuhören wäre die schlimmste Strafe für mich. Nähmaschinen sind mein Leben", hatte er noch vor fünf Jahren in einem Interview mit unserer Redaktion gesagt. Wilhelm war Mitglied des europäischen Clubs "Schlingenfänger", in dem sich Nähmaschinen-Sammler aus verschiedenen Ländern austauschen. Vierteljährlich erscheint sogar eine gleichnamige Zeitschrift. "Die hatte er immer sehnlichst erwartet. Dann las er darin und war stundenlang nicht ansprechbar", schildert Wilhelm und lächelt. Die zweite Leidenschaft ihres verstorbenen Mannes galt der Soul-Musik.

    Raphael Wilhelm sammelte auch historische Kinder-Nähmaschinen. Ein Teil des Geschäfts gleicht einem Museum. Sein Bild ziert eine Uhr.
    Raphael Wilhelm sammelte auch historische Kinder-Nähmaschinen. Ein Teil des Geschäfts gleicht einem Museum. Sein Bild ziert eine Uhr. Foto: Peter Fastl

    Raphael Wilhelm sang gerne und spielte Bass. Er war in mehreren Bands, mit einer wurde sogar eine Schallplatte produziert. Waltraud Wilhelm erinnert sich gerne an die Konzerte zurück. Immer wieder habe ihr Mann auch bayernweit bei den Amerikanern in den Kasernen gespielt. Für Mitarbeiterin Janine Roth gehörte Raphael Wilhelm zur Familie. "Er und mein Vater waren befreundet. Ich kannte ihn von klein auf. Raffi hat auf meiner Hochzeit gesungen, auf der Hochzeit meiner Schwester gespielt. Er war der coole Nähmaschinen-Mechaniker." 

    Emotionale Trauerfeier in Augsburg-Göggingen

    Die Trauer ist spürbar in dem Geschäft mit den vielen Stoffballen, den nagelneuen und den historischen Nähmaschinen, aber auch die Dankbarkeit über die vielen schönen Erinnerungen und Erlebnisse mit dem Verstorben. Es wird auch gelacht. Die 73-jährige Waltraud Wilhelm lässt den Laden vorerst weiterhin geöffnet. Wie es dann weitergeht, kann sie noch nicht sagen. Die Beerdigung ist erst wenige Wochen her.

    Über 200 Menschen hatten sich von Raphael Wilhelm verabschiedet. Die Trauerfeier, so erzählt die Witwe, war sehr emotional. Die Lieblingslieder ihres Mannes, wie "Up where we belong" von Jennifer Warnes und Joe Cocker sowie Cockers "You are so beautiful" wurden gespielt. Wilhelm selbst hat diese Lieder gerne gesungen. Es hätte ihm sicherlich gefallen.

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