Die Probleme in der Kahnfahrt waren der Stadt bereits seit 2019 bekannt. Zwar untersagte die Stadt die Nutzung Anfang März diesen Jahres formal unter Verweis auf einen Ortstermin Mitte 2022. Faktisch ist aber seit dreieinhalb Jahren klar, dass ein zweiter Fluchtweg fehlt und der Gastraum ein Schwarzbau ist. Baureferent Gerd Merkle und Liegenschaftsreferent Wolfgang Hübschle (beide CSU) verteidigten nun das Agieren der Stadt. Man habe eine Reihe von Möglichkeiten geprüft, das Gebäude zu erhalten und die Fluchtweg-Thematik zu lösen. "Wir bemühen uns seit vielen Jahren, Lösungen zu finden", so Hübschle am Mittwoch im Liegenschaftsausschuss des Stadtrats. Dort informierte die Stadt erstmals ausführlich. Es liege nicht im Interesse der Stadt, bei Brandschutzmängeln gleich ein Areal zu sperren, sondern man löse die Probleme lieber. Aus der Opposition kam hingegen Kritik. Wie in der Sitzung zudem herauskam, war es offenbar Betreiber Bela Balogh selbst, der die ganze Lawine unbeabsichtigt losgetreten hatte.
Kahnfahrt in Augsburg: Betreiber Bela Balogh meldete Schaden am Dach
Balogh, der wegen der Nutzungsuntersagung im Clinch mit der Stadt liegt, hatte im Mai 2019 der Stadt, die das Gelände an ihn verpachtet, einen Schaden am Dach des Gastraums gemeldet. Mitarbeiter des Hochbauamts wunderten sich dann vor Ort über die Dachkonstruktion aus "stärkeren Latten", so Merkle. Daraufhin habe man im Archiv nach einer Baugenehmigung gesucht - vergebens, weil es keine gab. Baloghs Vorfahren hatten das Gebäude vor mehr als 50 Jahren in Eigenregie gebaut. Dass ein Schwarzbau jahrzehntelang unbemerkt auf städtischem Grund stand, sei ungut, so Merkle. Die Stadt habe aber mehrere hunderttausend Bauakten im Archiv. "Die fordert man bei Bedarf an, aber keine Bauverwaltung in Deutschland schaut die Akten ohne Anlass regelmäßig durch."
Eine Augsburger Tradition: So sah die Kahnfahrt früher aus
Merkle sagt, man habe Balogh bereits 2019 die ganze Problematik erläutert. Hilfsweise wurde der Gastraum mit Metallstützen gesichert. Man habe überlegt, ob eine Nachgenehmigung machbar wäre, das Gebäude sei aber inzwischen so marode, dass hohe Schneelasten eine Gefahr wären. Seit Ende 2022 sei klar, dass auch eine Sanierung nicht machbar sei.
Augsburger Kahnfahrt: Diverse Möglichkeiten zum Fluchtweg geprüft
Zweites Thema war der Fluchtweg. Ein Weg auf dem Streifen zwischen Stadtmauer und Stadtgraben bis zur Brücke an der Franziskanergasse scheide aus Platzgründen aus, so Merkle. Eine in die Kahnfahrt ragende schwimmende Ponton-Konstruktion als Fluchtpunkt wäre zu instabil. Ein Steg auf Stützen komme nicht infrage, weil auf dem Grund der Kahnfahrt eine meterhohe Schlammschicht liegt. Die Prüfung habe Zeit gebraucht.
Jetzt noch im Rennen: ein stabil verankerter Pontonsteg entlang des Ufers bis zur Franziskanergasse oder ein Durchbruch durch die Stadtmauer am benachbarten Kindergarten. Der habe erst sein Einverständnis signalisiert, dann aber vor kurzem einen Rückzieher gemacht. "Die Gespräche laufen noch", so Hübschle. Was den Fluchtweg betrifft, werde man zügig eine Lösung finden. Einstweilen könnte Balogh zum 1. April aufmachen, vorerst aber mit einer Begrenzung von 60 Personen für Außengastronomie und Bootsverleih. Balogh ist wie berichtet noch unschlüssig.
Aus der Opposition gab es Kritik. "Ich überlege, ob es die Sache besser oder schlechter macht, dass man seit 2019 davon wusste und jetzt am Ende mit der Nutzungsuntersagung als Ad-hoc-Maßnahme kommt", so Dirk Wurm (Sozialfraktion). Die Verwaltung solle jetzt nicht so tun, als ob sie drei Jahre unter Hochdruck am Thema gearbeitet habe. "Es ist schwierig zu glauben, dass mit Stringenz nach einer Lösung gesucht wurde", so Wurm. Lars Vollmar (Bürgerliche Mitte) sagte, er verstehe nicht, dass der Stadtrat nicht frühzeitig informiert wurde. "Wollte man nicht, dass das Thema im Kommunalwahlkampf aufkommt?", so Vollmar. Die damalige Liegenschaftsreferentin sei ja die heutige Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU).
Wie hoch wäre die Pacht der Augsburger Kahnfahrt in Zukunft?
Die Koalition stellte sich vor die Verwaltung. Speziell die CSU kritisierte Balogh. "Dass es jetzt so kam, liegt nicht an der Stadt. Die Verwaltung hat alles richtig gemacht, indem sie im Stillen versuchte, Lösungen zu erarbeiten", so Thomas Lidel (CSU). Balogh habe die Nutzungsuntersagung provoziert, indem er um Reservierungen ab 1. April warb. Matthias Lorentzen (Grüne) sagte zwar, eine frühere Information wäre geboten gewesen. Aber auch er merkte an, dass Balogh jetzt nicht so tun könne, als ob er mit dem Schwarzbau nichts zu tun habe. Er habe ihn jahrelang genutzt, wobei die Stadt das Gebäude - wohl aufgrund einer Unachtsamkeit - 2015 bei der Überarbeitung des Pachtvertrags mit in den Vertrag aufnahm.
Bei aller Uneinigkeit in der Bewertung des bisherigen Vorgehens stimmte der Ausschuss einstimmig dafür, Möglichkeiten für einen Neubau des Gastraums zu prüfen. Geklärt werden soll, ob die Stadt selbst baut, oder ob beispielsweise eine Brauerei als Investor infrage käme. Dann wäre aber wohl ein ganzjähriger Betrieb nötig. Auch die Möglichkeit, dass es keinen Innenraum mehr gibt, müsse man überdenken, so Merkle. Denn die Stadt schätzt die Kosten für ein Gebäude auf 1,7 Millionen Euro zuzüglich Erschwerniskosten, weil sich Baumaterial nur aufwändig anliefern lasse. Nötig seien Gespräche mit Balogh. "Das Dümmste, was wir machen könnten, wäre, einen Neubau für mehr als zwei Millionen Euro hinzustellen, und der Pächter sagt anschließend: ,Das kann ich mir nicht leisten'", so Merkle. Denn klar sei, dass die Pacht steigen müsste. Dem Vernehmen nach verlangt die Stadt - im Wissen, dass Balogh für den Unterhalt aufkommen muss - aktuell einen niedrigen dreistelligen Betrag inklusive Nebenkosten pro Monat.