Die Polizei schaut genau hin, als sich am Mittwochabend rund 80 überwiegend junge Menschen in der Fuggerstraße in Augsburg versammeln. Mehrere Dutzend Beamte verteilen sich um die Demonstranten. Der Protest richtet sich gegen die Klima-Razzia, die wenige Stunden zuvor stattgefunden hat. Ermittler hatten in mehreren Bundesländern Räume von Aktivisten der "Letzten Generation" durchsucht. Betroffen davon ist auch der Augsburger Klimaschützer Ingo Blechschmidt. Die Ermittler werfen ihm vor, an der "Bildung einer kriminellen Vereinigung" beteiligt zu sein. Blechschmidt ist selbst zur Demonstration gekommen, er bedankt sich für die Unterstützung. Die Unterstützer kommen aber nicht nur aus dem Lager der Klimaschützer, sondern auch aus der linksextremen Szene. Diese führen den Protestzug sogar an, sie liefern sich Rangeleien mit der Polizei - und skandieren in Richtung der Beamten: "Hass, Hass, Hass wie noch nie. All cops are bastards, ACAB." Dass es Überschneidungen zwischen Klimaaktivisten und linker Szene gibt, beobachtet die Polizei in Augsburg schon seit Jahren. Schon bei den Fridays-for-Future-Protesten gab es regelmäßig einen sogenannten "antikapitalistischen Block". Dass die Antifa aber so stark das Bild bei einer Klima-Demo bestimmt, erscheint neu.
Überschneidungen zwischen linker Szene und Klimaschützern in Augsburg gab es schon früher
Was Klimaschützer und linke Szene zusammenbringt, sind die Ermittlungen der Polizei, die es zuletzt gab. Dazu gehört etwa die Razzia in einem linken Treff in Oberhausen, die jüngst vom Landgericht nachträglich in dieser Form als rechtswidrig eingestuft wurde.
Es gibt Forscher, die warnen, dass sich Klimaschutz-Aktivisten radikalisieren und den Staat zunehmend ablehnen könnten. Der Extremismus-Experte Matthias Quent sagte, das Vorgehen von Justiz und Polizei könne "Abschreckungseffekte haben, die nach hinten losgehen". Der Soziologie-Professor und Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena sagt, es könnte dazu führen, dass sich Menschen, die sich für Klimaschutz einsetzen, vom Staat nicht unterstützt, sondern im Stich gelassen fühlten. "Das kann dazu führen, dass sich Einzelne radikalisieren", so Quent. Bisher sehe er bei der "Letzten Generation" zwar keine Tendenz zum Extremismus, doch es könne auch kippen.
Blechschmidt sagt, er sei mit dem Bild aufgewachsen, die Polizei sei "Freund und Helfer". Inzwischen sieht er es wohl etwas anders. Er greift die Polizei in seiner Rede bei der Demonstration am Mittwoch nicht an. Er appelliert aber an die Beamten, sich darüber Gedanken zu machen, was sie ihren Kindern erzählen werden, wenn die Klimakrise in zehn oder 20 Jahren noch stärkere Auswirkungen habe. "Das müsst ihr dann mit eurem eigenen Gewissen klären", sagt er mit Blick auf die Polizisten gerichtet. Die Klimaschützer seien nicht radikal, sie kämen aus der Mitte der Gesellschaft. Blechschmidt ist auch einer der Initiatoren des Klimacamps, das seit fast drei Jahren neben dem Rathaus steht und polarisiert. Nachdem die Stadt mit einem ersten Versuch, das Camp aufzulösen, vor Gericht scheiterte, unternahm sie keine weiteren Versuche mehr, die Dauer-Demonstration loszuwerden. Blechschmidt befürchtet, dass nun der Kurs gegenüber dem Camp verschärft werden könnte. Er nimmt aber auch neue Unterstützung wahr. Am Rand der Demo habe er zum Beispiel eine ältere Frau getroffen, die sich wegen der Razzia jetzt mehr für den Klimaschutz einsetzen wolle, erzählt er.
Die Stadt Augsburg sieht keinen Anlass für einen anderen Umgang mit dem Klimacamp
Ordnungsreferent Frank Pintsch (CSU) sieht derzeit keinen Anlass, das Klimacamp neu zu bewerten - auch wenn gegen Blechschmidt jetzt wegen seiner Mitarbeit bei der "Letzten Generation" ermittelt wird. Zunächst gelte für Personen, gegen die ermittelt wird, die Unschuldsvermutung, sagt er auf Anfrage. Zudem richte sich der Verdacht gegen die "Letzte Generation" und nicht gegen das Klimacamp. Aktionen das Klimacamps - etwa zuletzt die 15-Minuten-Blockaden - seien angemeldet und von der Versammlungsfreiheit gedeckt.
Auch Freie-Wähler-Stadtrat Peter Hummel sagt, man dürfe "Klimacamp" und "Letzte Generation" nicht gleichsetzen. Hummel hatte im vergangenen Herbst darauf hingewiesen, dass Blechschmidt im Impressum der Internetseite der "Letzten Generation" steht. Er sagte damals, er sehe die Gefahr, "dass die Aktivisten auch in Augsburg den Weg des friedlichen Protests verlassen". Inzwischen sieht er diese Gefahr nicht mehr. Das Klimacamp habe seit Monaten nichts Inhaltliches mehr zu bieten, es sei völlig belanglos geworden. Bedauerlich sei, dass gerade die Schülerinnen und Schüler keine Heimat mehr für ihren Protest gegen die Klimakatastrophe hätten. "Die Letzte Generation ist ihnen zu extrem und zu gefährlich, das Klimacamp zu belanglos", sagt Hummel.
Aktionen der "Letzten Generation" - etwa Straßenblockaden durch Festkleben oder Festketten - hat es in Augsburg bisher noch keine gegeben. Der Polizei sei in dieser Hinsicht nichts bekannt, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Ingo Blechschmidt selbst sagt, er habe an den Aktionen der "Letzten Generation" nicht teilgenommen und übernehme nur den Telefondienst. Gegen den Vorwurf, er sei Teil einer kriminellen Vereinigung, wolle er sich wehren.