Dieter Heiler ist extra aus Kempten angereist. Der 84-Jährige steht vor der Kirche St. Konrad im Bärenkeller und zeigt auf das alte Gebäude: "Sehen Sie sich dieses wunderbare Ensemble an. Dass ernsthaft jemand überlegt, es abzureißen, nimmt mich mit", sagt er. "Was die vorhaben, ist ein Sakrileg." Erbaut hat es 1937 Heilers Großvater, der bekannte Architekt Michael Kurz. Doch wie geht es weiter mit St. Konrad? Auch im Bärenkeller nimmt die Gläubigenzahl ab, gleichzeitig steigt der Bedarf nach Wohnraum. Im November stellte Pfarrer Bernd Weidner im Pfarrgemeinderat seine Überlegungen zur Zukunft der Kirche vor, auch ein teilweiser Abbruch wurde nach Informationen unserer Redaktion debattiert. In der Gemeinde regt sich Widerstand.
Weidner leitet seit vielen Jahren die Pfarreiengemeinschaft St. Konrad im Bärenkeller sowie St. Joseph, St. Martin und St. Peter und Paul, alle in Oberhausen gelegen. Wie viele katholische Priester kämpft auch er mit einem stetigen Rückgang der Gläubigenzahl. "Wir hatten mal 7000 Gemeindemitglieder in St. Konrad, heute sind es noch 3100", sagt er. Der Rückgang sei spürbar, vor allem in einer Pfarreiengemeinschaft mit "vielen großen Gebäuden". Das Bistum Augsburg erklärt auf Anfrage unserer Redaktion, dass allein in den Jahren 2016 bis 2020 die durchschnittliche Anzahl von Besuchern regulärer Sonntagsgottesdienste in St. Konrad um mehr als ein Viertel gesunken sei.
Pfarrer von St. Konrad im Bärenkeller: "Wir laufen in zu großen Schuhen"
Die Entwicklung habe weitreichende Folgen: "Geld und Personal gehen aus", so Weidner. Deshalb sei es logisch, dass man sich auch Gedanken über die Zukunft der Gebäude machen müsse. "Wir müssen doch die Realität wahrnehmen. In wenigen Jahren sind vielleicht noch zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung katholisch. Wir laufen in zu großen Schuhen. Eine emotionale Betrachtungsweise hilft uns nicht weiter", erklärt der Pfarrer.
Das versuchte Weidner im November dem Pfarrgemeinderat zu verdeutlichen. Verbunden mit einer Überlegung: "Eine Möglichkeit wäre, in den bestehenden Baukörper eine Wohnbebauung hineinzusetzen", so Weidner. Dafür müsste aber ein beträchtlicher Teil von St. Konrad abgerissen werden. Und das wird nicht so einfach möglich sein. Denn das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Zudem ist Heiler als Enkel des Architekten im Besitz des Urheberrechts, dieses läuft erst 2027, 70 Jahre nach dem Tod von Michael Kurz aus. Weidner weiß das, betont aber, dass solche Gedankenspiele grundsätzlich möglich sein müssten. "Erst einmal darf jeder denken."
Ulrichswerk zählt zu den großen Vermietern in Augsburg
Unterstützung erhält Weidner von Kirchenpfleger Wolfgang Hölzle. "Natürlich müssen wir überlegen, wie es weitergeht. Für viele Sanierungsarbeiten gibt es von der Diözese kein Geld mehr", sagt Hölzle. "Wir wollen keine Situation wie in Teilen Frankens, wo sanierungsbedürftige kirchliche Gebäude verfallen müssen." Deshalb habe man sich frühzeitig zusammengesetzt. Bei dem Treffen anwesend war laut Hölzle auch Rudolf Mitterhuber, Geschäftsführer des Ulrichswerks. Mit fast 1400 eigenen Wohnungen und etwa 2500 verwalteten Wohneinheiten im Bistum Augsburg zählt das Ulrichswerk zu den großen Vermietern der Stadt. "Wohnbebauung ist eines von mehreren Beispielen, die finanziell tragbar wären", so Hölzle. Der Kirchenpfleger beschwichtigt: "Die Lösung, die man letztlich finden wird, kann aber eine ganz andere sein."
In der Gemeinde regt sich Widerstand. Thomas Preuschoff, Mitglied im Pfarrgemeinderat, sagt, die Menschen im Bärenkeller seien "dagegen, teilweise angewidert" von den Überlegungen. In der Pfarrgemeinderatssitzung sei eine Präsentation vorgestellt worden mit Skizzen, wie eine mögliche Bebauung auf dem Areal des jetzigen Kirchengebäudes aussähe. Laut Preuschoff würden drei Viertel des Kirchenschiffes entnommen, der Wohnblock wäre demnach rund 27 Meter lang.
Kirchen-Umnutzungen sind in Augsburg keine Neuheit
Das Bistum Augsburg äußert sich zurückhaltend zu den Diskussionen rund um St. Konrad. Auf Anfrage heißt es: "Das Bistum Augsburg kennt keine Denk- oder Diskussionsverbote in kirchlichen Gremien und ist mit den in der Pfarrei St. Konrad geäußerten Überlegungen selbst nicht weiter befasst." Grundsätzlich seien partielle Umnutzungen von Kirchengebäuden keine Neuheit, sondern in der Vergangenheit z.B. bereits in St. Joseph in Augsburg-Oberhausen vollzogen worden. "Dort wurde der bestehende Gottesdienstraum verkleinert und modernisiert, während die dadurch freigewordene Fläche durch das Diözesanarchiv neu genutzt wurde."
Das Bistum räumt ein, dass die Erhaltung kirchlicher Bauten angesichts des Rückgangs der Gläubigen zu einer immer größeren Herausforderung wird. "Wie man ihr angemessen begegnet, wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten sicherlich immer wieder Bestandteil von Diskussionen sein, die im Bistum Augsburg und letztlich vor allem in den jeweiligen Pfarrgemeinden vor Ort geführt werden." Zumindest aktuell seien aber im Bistum keine Pläne oder Gedankenspiele zur Umwandlung von Kirchen(teilen) für einen anderen Gebrauch bekannt.
Kirchenpfleger Hölzle ärgert sich über die Kommunikation des Bistums. Er wünscht sich, dass die Diözese offensiver nach außen kundtut, dass es so nicht weitergehen werde. "Es muss sich etwas ändern, aber letztlich lädt es das Bistum bei den einzelnen Pfarreien ab." Die Kirchenverwaltung veranlasst nun eine Machbarkeitsstudie für St. Konrad. Das Ergebnis soll im Juli stehen, so Pfarrer Weidner. Dieter Heiler wird sich den Ergebnissen widersetzen, er sieht sich dem Werk seines Großvaters verpflichtet. "Meine Oma hat mich nach seinem Tod darum gebeten, mich um das Erbe des Großvaters zu kümmern."