Boris Reitschuster ist gewieft. Der Journalist, der einst bei unserer Zeitung zum Redakteur ausgebildet wurde und später mehr als 15 Jahre für den Focus aus Moskau berichtete, weiß stets, wie er die wütende Meute hinter sich bringen kann. Da wird Deutschland schnell mal zur Klima- oder Corona-Diktatur, die es mit der DDR gleichzusetzen gilt. Alles ist gewollt, was Hass schürt und Klicks bringt. Seine putinkritischen Positionen äußert er hingegen nur noch selten. Kommt nicht an bei den Wutbürgern. Lieber Kritik am vermeintlichen Irrenhaus Deutschland und den willigen Vollstreckern des Unrechts, Politikern und Journalisten. Reitschuster ist längst kein redlicher Journalist mehr, er ist ein Agitator.
Anfang des Jahres traf es die Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber. Weil sie ihre Verwaltungsmitarbeiter zur Teilnahme an einer Demonstration gegen aufkeimenden Rechtsextremismus aufrief, verunglimpfte Reitschuster sie. Wer nicht mitmache, müsse in Augsburgs Verwaltung Angst haben, gemobbt zu werden, behauptete er. Und natürlich kam auch wieder die DDR ins Spiel: Es sei wie in der kommunistischen Diktatur, so der Blogger. Doch hatte die Stadt frühzeitig betont, dass auf keinen Mitarbeiter Druck ausgeübt noch deren Anwesenheit geprüft worden sei. Zumindest nach außen blieb ein Aufschrei der rund 6000 Verwaltungsmitarbeiter aus. Auch die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Weber wurde im Nu fallengelassen.
Augsburgs Oberbürgermeisterin stellte Strafantrag gegen Boris Reitschuster
Reitschuster argumentiert mit falschen Unterstellungen, häufig verpackt in Suggestivfragen. Das ist sein Geschäftsmodell. Einen Aufruf zur Teilnahme an einer Demonstration gegen demokratiegefährdende Entwicklungen deutet er als einen Zwang und den Weg in ein totalitäres System. Man kann Webers Aufruf tatsächlich kritisch betrachten, wenn man denn will. Es ist aber völlig daneben, deshalb das Bild einer Autokratin zu zeichnen. Webers Reaktion auf Reitschuster ist vom Gefühl her nachvollziehbar. Einen Strafantrag wegen Verunglimpfungen ist jedoch der falsche Weg. Pressefreiheit beinhaltet auch, wüste Behauptungen und falsche Interpretationen ertragen zu müssen. Wird der Strafantrag abgewiesen, steht Reitschuster als Gewinner da. Er würde dies gebührlich ausschlachten.
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