Sie sei die Erste, habe ein Polizist zu ihr gesagt. Arme nach vorn strecken, Handflächen aneinander, Daumen nach oben. So wird Sabrina abgeführt – nach draußen, hinter den City Club, wo die Zelte stehen. Überall Flutlicht, überall Absperrungen, überall Polizisten. Es ist kalt. Eine Polizistin nimmt sie mit in ein Zelt. Sabrina muss sich ausziehen, zunächst bis auf die Unterwäsche, steht barfuß im Zelt. Dann habe die Beamtin sie gebeten, auch ihre Unterhose herunterzuziehen.
Seit der Drogen-Razzia im City Club in Augsburg haben sich zahlreiche Personen an unsere Redaktion gewandt, um zu erzählen, was sie an diesem Samstagabend erlebt haben. Sie schildern, wie das Café und die Tanzfläche gestürmt wurden, wie sie still und ohne sich viel zu bewegen ausharren und auf ihre Durchsuchung warten mussten – teilweise draußen, teilweise ohne Jacke, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Und sie berichten von grenzüberschreitendem Verhalten durch die Polizeibeamten.
Sabrina ist eine von ihnen. Sie habe mitbekommen, wie immer wieder Personen aus dem Club geführt wurden, schreibt sie. Bis sie irgendwann selbst an der Reihe war. „Ich wurde an eine Kollegin übergeben, in ein Zelt gebracht und musste mich komplett ausziehen“, berichtet sie. Ihre Unterhose habe sie einmal umklappen müssen, sodass sich der Bund auf Höhe der Oberschenkel befand. „Dann wurde mit einem kurzen Blick kontrolliert und ich durfte sie sofort wieder hochziehen.“ Auch ihren BH habe sie einmal umklappen müssen. „Dann wurden alle Kleidungsstücke untersucht“, sagt Sabrina.
Gäste des City Club beschreiben die Leibesvisitationen als „entwürdigend“ und „erniedrigend“
Einer anderen Clubbesucherin, die nicht namentlich genannt werden möchte, ist es ähnlich ergangen. „Ich stand dann in Unterwäsche da und wurde gebeten, mich vollkommen zu entkleiden“, erzählt die 30-Jährige. „Dann hab ich ihr (der Polizistin, Anm. d. Redaktion) meinen BH und meine Unterhose in die Hand gedrückt. Und ich stand da splitterfasernackt.“ Die Unterwäsche habe die Beamtin dann abgetastet. Komplett entkleidet musste sich die junge Frau einmal im Kreis drehen. „Sie hat mich nicht angefasst, aber einmal komplett angeguckt“, berichtet sie. „Das war sehr erniedrigend.“
Den Erzählungen nach liefen die Leibesvisitationen sehr unterschiedlich ab. Eine Frau sagt, dass sie lediglich ihr T-Shirt und ihre Schuhe ausziehen musste. Eine andere habe sich bis auf die Unterhose ausziehen müssen und sei abgetastet worden, allerdings ohne vorher darüber informiert zu werden. Eine Clubbesucherin aus München, die sich komplett nackt ausziehen musste, erzählt, dass ihr mit einer Taschenlampe zwischen die Beine geleuchtet worden sei. Obwohl sie ihre Periode hatte, habe sie bis zur Durchsuchung nicht zur Toilette gehen dürfen, sagt sie. Als unangenehm empfanden mehrere Personen, dass sie beim Toilettengang von der Polizei begleitet wurden.
Polizeisprecher: Unterwäsche sei ein „polizeibekanntes Drogenversteck“
„Ich wurde an den Händen gepackt und zum Klo gezogen“, schreibt Clubbesucherin Raphaela unserer Redaktion. Eine Polizistin habe sie in die Toilette geführt, die Tür hinter ihnen zugesperrt und Raphaela abgesucht. Die Beamtin habe nichts gefunden, berichtet sie, den Toilettenraum aber nicht verlassen. Auch nicht, nachdem die junge Frau sie darum gebeten hatte. Als Raphaela vor der Polizistin ihre Hose herunterziehen und pinkeln musste, habe sie „Scham und Erniedrigung“ gefühlt.
Manuel aus Augsburg erzählt, dass die Polizeibeamten die Durchsuchung bereits im Club angekündigt hätten. Und dass sie Gewalt anwenden würden, falls sich jemand widersetzen sollte. „Ich habe dem Polizisten dann gesagt, dass ich keinen Widerstand leisten werde, aber dass ich mit der Maßnahme nicht einverstanden bin“, sagt der 37-Jährige. Er habe sich bis auf die Unterhose entkleiden müssen und sei um den Intimbereich herum abgetastet worden. Im Schwimmbad müsse er sich ja auch ausziehen, habe ein Beamter kommentiert. Dass er sich gegen seinen Willen einer Leibesvisitation unterziehen musste, empfand auch Quirin als „entwürdigend“, schreibt er. Er hat bei der Polizei eine Beschwerde eingereicht – und ist damit nicht der Einzige.
Bilder der Razzia in Augsburg: Polizei durchsucht den City Club
Begründet hatte die Polizei die Durchsuchungen von Gästen mit dem Polizeiaufgabengesetz und dem Verdacht auf Drogen. Generell heißt es von der Polizei, man werde jede Beschwerde nun prüfen und den Einsatz auch kritisch hinterfragen. Dass bei dem Einsatz kein spezielles Kommunikationsteam im Einsatz gewesen sei, um die Maßnahmen zu erklären, werde man überdenken. Der Fall einer Frau, die laut Darstellungen von Zeugen von Beamten massiv zu Boden gedrückt worden sein soll, sei bereits an das LKA weitergeleitet worden, das auch interne Ermittlungen führt.
Auf die Nachfrage der Redaktion, ob der Polizei bekannt sei, dass sich einige Personen bei der Durchsuchung komplett entkleiden mussten, teilt Polizeisprecher Michael Niefenecker mit: „In wenigen Einzelfällen wurde auch in die Unterwäsche geblickt, da es sich hierbei um ein polizeibekanntes Drogenversteck handelt.“ Der Grund für diese Maßnahme sei „einzelfallabhängig“, schreibt er. Ausschlaggebend könne sein, dass bei einer Person bereits Betäubungsmittel gefunden wurden, sie diese vernichten wollte oder „augenscheinlich“ unter Drogeneinfluss stand.
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