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Kabarett

15.07.2018

Bodo Wartke lässt Lachen mit Antigone

Ob Ödipus, Kreon, Antigone oder Eurydike, Bodo Wartke und Melanie Haupt verkörperten alle Rollen der klassischen „Antigone“.
Bild: Michael Hochgemuth

Der Hamburger Schauspieler und Kabarettist Bodo Wartke zeigt, wie man aus einer antiken Tragödie furioses Kabarett-Theater macht

Würde man aufgefordert, Sophokles’ Tragödie über das Schicksal der Antigone als heitere Komödie zu inszenieren, jedoch ohne die Handlung zu verändern, man hätte seine Mühe. Eine Herkules-Aufgabe sozusagen. Nicht für den Schauspieler, Kabarettisten und Musiker Bodo Wartke. Er präsentierte nun zusammen mit Melanie Haupt in Gersthofen sein frech-flottes Theaterexperiment und riss damit das Publikum von den Stühlen. Szenenapplaus gab es immer wieder, teils lang anhaltend, stürmisch bis frenetisch. Brüllende Komik, Slapstickeinlagen, Blues-Gesang, Rap- und Gospelsongs, dazu Bibelstellen, Verweise auf Western oder Science-Fiction-Filme in völlig neuen Zusammenhang gesetzt: Was zunächst nach Bully Herbig’schem Klamauk klingen könnte, offenbarte sich dem begeisterten Gersthofer Publikum in Wirklichkeit nahezu als die Vollendung von Schauspielkunst und Dramatik.

Denn trotz aller künstlerischer Freiheiten, trotz der Auftritte menschenfressender Schafe und Selfies schießender Griechenland-Touristen ließ die Inszenierung zu keiner Zeit den Respekt vor dem antiken Original missen. Verantwortlich für diesen genialen Kunstgriff waren zuvorderst Bodo Wartke und Melanie Haupt, die gemeinsam sämtliche Rollen der zwerchfellstrapazierenden Tragödie gaben. Ein Schritt zur Seite, eine aufgesetzte Sonnenbrille oder eine umgedrehte Schildmütze – und schon waren aus Ödipus Kreon, aus Eurydike Antigone geworden. In diesem Wechsel zeigten die beiden unter der Regie von Sven Schütze Schauspielkunst vom Feinsten und machten so deutlich, was wohl schon Aristoteles unter Mimesis verstand, jener Kunst, mittels Gestik, Mimik und Sprache glaubwürdige Charaktere zu entwickeln. Da wurden das Orakel von Delphi zum heulenden Vamp und Kreons Wärter zum gichtgeplagten Jammerer. Erstaunlich, dass es bei diesem rasanten Rollenwechsel nicht einen Versprecher gab. Lediglich Ariadne verlor kurz den Faden, aber natürlich war auch dies Konzept.

Viele Bezüge zu anderen Texten

Überhaupt scheint der Hamburger ein Faible für die griechische Klassik zu haben. „Antigone“ ist bereits die zweite Bühnenfassung eines Sophokles-Dramas. Schon „König Ödipus“ hatte er 2009, wie auch jetzt wieder, als durchgehend gereimte Textfassung erarbeitet, gemeinsam mit Carmen Kalisch und Sven Schütze. Und da Wartke die Dialoge allein anscheinend nicht genügten, hatte er zudem eine Reihe live am  Flügel oder  zu Ukulele  und Mundharmonika dargebotener Kompositionen in die Szenen eingeflochten. Als Bühnenbild genügten besagter Flügel und ein zum Thron erkorener Stuhl, zudem eine flexible Treppe, um deren korrekte Position sich nach und nach eine eigenständige Komik entwickelte. Die Dialoge sprühten von Beginn an vor Sprachwitz und Wortspielerei. „Willkommen auf Kolonos. Oder wie wir Griechen sagen: Willkommonos.“ Und wenn auch einige dieser Reimpaare immer wieder nach purem Kalauer klangen, so schaffte es die Stückkonzeption scheinbar mühelos, die Ernsthaftigkeit der sophokleischen Vorlage und Antigones Forderung nach Respekt und Würde eines jeden Einzelnen in ihrer ganzen Tiefe zu transportieren. Neben der sprachlichen Komik bereitete es Wartke zudem größtes Vergnügen, Bezüge zu anderen literarischen Texten oder Filmen herzustellen.

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So entwickelte sich diese „Antigone“ mit der Zeit immer mehr zu einem Geniestreich der intertextuellen Bezüge. Nicht erst mit dem Auftritt des Sehers Teiresias, der im trockenen und väterlichen Duktus des legendären Paten alias Marlon Brando durch das antike Hellas wandelte, war der Zuschauer für derartige Bezüge sensibilisiert. Ein Anachronismus jagte den nächsten. Eben noch erscheinen Kreon die Ereignisse wie ein schlechter Western, schon erklingt der Gospel-Chor samt Blues-Brothers. Und es warnt Ödipus, bevor er sich mit flotten Reimen in den Hades rappt, Publikum wie Akteure vor der dunklen Seite der Macht.

Und selbst jene Zuschauer, die Filmzitate wie dieses nicht verstanden, hatten einen höchst unterhaltsamen Theaterabend, wofür Bodo Wartke und Melanie Haupt nach zweieinhalb Stunden mit nicht enden wollendem Applaus bedacht wurden. Wiederholung zwingend nötig!

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