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Uraufführung

20.07.2020

Das Junge Theater Augsburg zeigt, wie das Gift in die Köpfe kommt

„Hass“ heißt das neue Stück des Jungen Theaters Augsburg.
2 Bilder
„Hass“ heißt das neue Stück des Jungen Theaters Augsburg.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Das Ensemble hat ein neues Jugendstück. Es geht um Hass und Hetze und die Rolle, die das Internet dabei spielt.

Kunst gelingt, wenn es ist, als schaue man gemeinsam wie durch ein Mikroskop auf die Menschen und sich selbst. So funktioniert das bei „Hass“, dem neuen Stück des Jungen Theaters Augsburg. Zwar durfte das Team des Jungen Theater Augsburg (JTA) um Regisseurin Susanne Reng zur Uraufführung von „Hass“ wegen Corona nicht wie geplant in die Turnhalle der Kapellenschule. Aber gerade dadurch entstand im Abraxas-Theater, mit nur etwa 40 statt 150 Zuschauern, eine spürbare Kommunikation zwischen Darstellern und Publikum, Jungen und Mädchen der Kapellenschule, die als Premierengäste in licht besetzten Zuschauerreihen saßen. Die jungen Zuschauer beklatschen Sunnyboy Mo (Ramo Ali) zur Klassensprecherwahl und kichern, als Melanie (Kristina Altenhöfer) auf dem Schulhof „Bitch“ und „Internethure“ genannt wird.

Neben pastelligen Herzchen, auf der Bühne zum Berg getürmt, rahmen Synthesizer, Loop-Maschine, Rap und „Hass“-Geflüster das Geschehen um Melanie, Mo und Martin ein. Wie bei allen dreien beginnt auch Melanies Kindheit als heile Welt, als Zehnjährige ist ihr Leben noch prall, die Herzkissen werden in ihrer Familie hin und her gereicht. Mit elf beginnt sie, ihren ersten eigenen Internetkanal zu füttern – als Sweet Mel, mit Halbmaske und langen Plastikrastalocken (Kostüm: Franziska Boos). Sie vernachlässigt die Freundinnen. „Mel ist komisch, nur noch im Internet“, erzählen die sich.

Die Schulfreundinnen werden neidisch

Ihre Internet-Fangemeinde aber – mit Smiley-Masken gespielt von Ramo Ali und Christian Beppo Peters – liked und raunt, ihr Lobgerede verdichtet sich zur Kakophonie im Loop. Melanie ist glücklich. Doch über die Jahre werden die Schulfreundinnen neidisch und zickig und die Masken-Smileys im Internet aggressiv. Sie soll sich nackt zeigen, fordern sie. Nur einer, Big Joe (Ramazan Ali), schützt sie, baut sie auf, macht Komplimente, schafft Nähe. Es kommt, wie es kommen muss. Auch dieser „Freund“ will mehr sehen. Sie zeigt sich, und er stellt den Film heimlich online.

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Auf dem Schulhof, ohne Spielstopp schnell arrangiert mit aufgestellten Mäuerchen, entladen sich nun statt Herzchen Hohn und Hass auf die 14-Jährige. Auch eine neue Stadt hilft nichts. Auf Herzkissen geschriebene Valentinsgrüße ihrer neuen Schulkameraden schreien auch dort: „Netzschlampe!“. Melanie verzweifelt, ritzt sich. Das Ende bleibt, wie bei den beiden anderen Biografien auch, offen.

Noch ist die Welt in Ordnung.
Bild: Michael Hochgemuth

Mo hetzt zwischen Hausaufgaben und Pfannkuchenbacken für die kleinen, anstrengenden Geschwister. In der Schule ist er trotzdem erfolgreich, der demokratische Typ. Er wird Klassensprecher, organisiert den Wandertag, gründet die Schülerzeitung. Mit 16, in der Radio-AG, erreichen ihn die ersten Hass- und Droh-Mails. „Deine hässliche orientalische Fresse kotzt uns an“, heißt es von der Naziseite. Von den Muslimen hört er: „Allah verdamme dich, du Kafir!“ Ungläubiger! In einer dramatischen, mitreißenden Rap-Einlage arbeitet Mo sich an beidem ab. Dass sie doch gleich seien, schleudert er ihnen wütend entgegen. Im Sprechgesang wechselt er zwischen Arabisch und Deutsch.

Martin schließlich ist der Nerd mit bürgerlichem Hintergrund. Die Eltern, viel beschäftigt mit Handy und Arbeit, bekommen nicht mit, wie die Mitschüler ihren Sohn in der Schule auflaufen und abblitzen lassen. Nur, dass das WLAN im Haus überlastet ist, kritisieren sie. Denn Marin verkriecht sich in Ballerspielen, lebt von einem Highscore zum nächsten. Aus dem kleinen Schüler wird der Sniperman. Mit erschreckender Liebe zum Detail spielen die drei Darsteller seine dramatische Entwicklung zum Rechtsradikalen – samt Erschießungen im Videospiel und aus dem Off eingespielter Originalzitate rechter AfD-Politiker über Migranten, die über „die Grenze schwappen und uns die Frauen wegnehmen“.

Das Happy End bleibt aus

Wandelbar, präsent, unterhaltsam im Wechsel zwischen Gesang, Tanz und Pantomime rollen die drei Darsteller Figuren und Plots auf. Jedes Leben folgt einer eigenen Dramaturgie, mit langsamer Rampe zum Einstieg, dramatischer Beschleunigung und Höhepunkt. Happy End gibt’s keins, dafür viele komödiantische Einschübe. Von der selbst arrangierten Musik honorierte das Publikum vor allem die Raps und Ramazan Ali mit seiner deutsch-arabischen Wut-Einlage.

Es ist das Leben der jungen Zuschauer selbst, das dort auf der Bühne spielt. Sie lieferten den Stoff. Eineinhalb Jahre recherchierte das Team, befragte 90 Augsburger Schülerinnen und Schüler, wie sie leben, wie sich Internet-Erlebnisse auf Freundschaften und Radikalisierung auf dem Schulhof anfühlen und auswirken. Beinah dokumentarisch wurde der Input samt Gangsta-Sprech ins Stück integriert – Authentizität garantiert. Wie schon bei dem vorherigen Präventionsstück „Krass“, das von 2015 bis 2018 insgesamt 100 Klassen erreichte, bietet das JTA „Hass“ als Schulaufführung in Kombination mit einem Workshop des Theaterpädagogischen Zentrums an.

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