Sensemble

12.11.2019

Ein neuer, allzu braver Hiasl

Florian Fisch (von links), Sarah Hieber und Olaf Ude in „Heute Hiasl“ im Sensemble- Theater.
Bild: Mercan Fröhlich

Verbrecher oder Held? Bei der Uraufführung von Sebastian Seidels Neufassung entscheidet das Publikum.

Geboren 1736 in Kissing, treffsicherer eigenwilliger Jäger, Anführer einer Räuberbande, verehrt wie erklärt als Wohltäter und Held beim einfachen Volk, verschrien als Krimineller und Aufrührer bei Reichen und den Hütern des Gesetzes: Matthäus Klostermayr, bekannt als der Bayrische Hiasl, eine lokale, historische Berühmtheit, liefert den Helden für das neue Stück des Sensemble-Theaters. Der Sagenumwobene wurde nach wildem Waldleben 1771 wegen Raubes und wiederholten Mordes festgenommen. In einem monatelangen Prozess wurden ihm 50 Delikte zur Last gelegt.

Dort setzt Autor Sebastian Seidel für sein Stück an. In einem rund achtzigminütigen Gerichtsprozess handelt er den Fall Hiasl chronologisch ab, gesichtetes geschichtliches Material verpackt in vorgebrachte Anklagepunkte, gewürzt mit literarischen Verarbeitungen des Stoffes wie Szenen aus Schillers „Die Räuber“. Durchbrochen von szenisch gespielten Rückblenden aus Hiasls Räuberleben. Das Arrangement ist für drei Schauspieler – Hiasl, Staatsanwältin und Richter – und einen Bürgerchor, der als mitfieberndes Publikum beim Gerichtsprozess fungiert oder in schwarzen Mützen als Anhänger der Räuberbande.

Das Stück mit historischem Stoff fällt für das Sensemble, das sich einen Namen als Uraufführungsstätte vor allem zeitgenössischer Dramatik einen Namen gemacht hat, ein bisschen aus dem Rahmen. Allzu spannend ist es nicht. Die Faktenlage ist klar, selbst das Ende bekannt: Hiasl wird zum Tode verurteilt. Die Figurenvorlagen geben psychologisch nicht allzu viel her, aber das Stück ist szenisch wohl geordnet. Das ist ein Vorteil für die Aufnahme der interessanten verlesenen historischen Dokumente, macht den Abend generell aber zu einem etwas konventionell eher braven Theatererlebnis. So erinnert der am Abend reichlich zum Einsatz kommende Nebel nicht nur an den Dunst tiefer Wälder, sondern auch ein bisschen an aufgewirbelten Staub aus alten Büchern.

Ein neuer, allzu braver Hiasl

Hiasl ist ein knuffiger Kerl

Emotionale Intensität der Szenen und Dynamik der Stimmungen ist dennoch geboten, für sie sorgt allen voran die Musik des Allgäuer Pop-Derwischs Rainer von Vielen. Einem Soundtrack zum Stück gleich unterstreichen dessen Klangideen fast durchweg den Abend, die vielseitig vom dramatisch rhythmischen Auftakt des Sprechchors über die launige Vertonung des „Hiasl Lieds“ zu geheimnisvoller Räuberbandenatmosphäre reichen.

Dem Anführer der Bande, Florian Fisch als Hiasl, folgt man über das ganze Stück weg gern, eine gelungene Besetzung, denn den sympathischen, fast knuffigen Kerl, der sich obendrein gut auszudrücken weiß, mag man nicht recht verurteilt wissen. Schön auch die Regieentscheidung, Hiasl in warm dunklem Dialekt sprechen zu lassen. Tragend ist auch ein vor Spiellust schier berstender Olaf Ude als souveräner Richter mit zunehmend charmant ironischen Brechungen. Sarah Hiebers ätzend altkluge Staatsanwältin des Landes Bayern kämpft sichtlich mit beiden Mannsbildern, überraschend und vom Feinsten Hieber auch in ihrer zweiten Rolle als junger Anwärter der Räuberbande.

Die Inszenierung, die Seidel für sein Stück selbst übernimmt, ist rund und gelungen, bleibt aber zum Großteil gesprochenes und gesungenes Wort. Es ist eine gut und klug aufbereitete Geschichtseinheit. „Heute Hiasl“ als Hörspiel herauszubringen böte sich geradezu an!

Eindeutiger Gewinn des Arrangements vom belebten Gerichtsprozess: Durch das gegeneinander Schalten von historisch überlieferten Dokumenten, Anklagepunkten und verteidigenden Stellungnahmen Hiasls überlässt Seidel dem Zuschauer zu entscheiden, ob die Hauptfigur nun ein Verbrecher oder Held war. Der fordert in seinem Schlussplädoyer flammend den Neuanfang der Gesellschaft im Einklang mit der Natur. Toll, denkt man. Und dann fällt einem wieder ein, dass er leider auch ein Gewalttätiger und Mörder war. Daran darf halt nicht vorbeidiskutiert werden. Auch und gerade heute nicht.

ist am 22. November, bis Februar im Spielplan.

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