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Urban Sketcher

02.09.2019

Nach Strich und Farben - die Zeichner sind in der Stadt

Architektur biegt sich: Die Chinesin Ying zeichnet eine 360-Grad-Sicht vom Augsburger Rathausplatz.
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Architektur biegt sich: Die Chinesin Ying zeichnet eine 360-Grad-Sicht vom Augsburger Rathausplatz.
Bild: Stephanie Lorenz

Sie waren kaum zu übersehen: Mehr als 120 Urban Sketchers aus ganz Deutschland haben am Wochenende in Augsburg Szenen aus dem Großstadtleben festgehalten.

Das wichtigste Werkzeug von Max Müller ist so groß wie eine Visitenkarte: ein Blechkasten mit Näpfchen, gefertigt eigentlich für Lidschatten. Müller aber hat es mit Aquarellfarbe befüllt. Klappt er seine selbst gemachte Palette auf, legt der 21-Jährige los. Tuschestift, Fineliner und Pinsel huschen über das Papier seines Skizzenblocks. Normalerweise. Heute nicht. Dozent Dietmar Stiller will, dass er und die anderen Zeichner, die sich vor dem Augsburger Dom versammelt haben, etwas Neues ausprobieren.

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Sie sind eine Gruppe von vielen, die an diesem letzten Augustwochenende durch die Stadt ziehen, die Teil sind eines weltweiten Trends, der sich Urban Sketching nennt: Zeichner halten den Alltag an Orten fest, an denen sie leben oder die sie bereisen. Motto: „Wir zeigen die Welt. Zeichnung für Zeichnung.“ Und einmal im Jahr trifft sich die deutsche Szene. 2019 in Augsburg mit 120 Teilnehmern und fast 20 Dozenten in diversen Workshops. Innerhalb von fünf Minuten war das Event ausgebucht. Die Seminar-Teilnahme wurde ausgelost.

Sie tragen Turnschuhe oder Sandalen und stellen faltbare Hocker auf

Max Müller aus Darmstadt ist bei Dietmar Stiller aus Hannover gelandet, Leiter der dortigen Kunstakademie. Er steht vor dem Dom inmitten der Zeichner, die aussehen wie Touristen bei einer Stadtführung. Sie tragen Turnschuhe oder Sandalen, bequeme Hosen, Namensschilder, Rucksäcke und manche einen Sonnenhut. Doch statt durch eine Kameralinse zu blicken, stellen sie faltbare Hocker auf, wo sie die beste Sicht auf ihr Motiv haben.

Nach Strich und Farben - die Zeichner sind in der Stadt

Stiller fordert sie auf, genau zu beobachten und den Fokus der Skizze zu finden. Sich zu überlegen, was sie erzählen möchten und erst kleine Ausschnitte anzufertigen, um sich über Licht und Schatten und geeignete Motive klar zu werden. Er gibt den Zeichnern je vier Minuten Zeit für vier solcher „Vorskizzen“. Sie sollen den Mut haben, Dinge offenzulassen, die der Betrachter ergänzen kann – und den Mut, aus der Komfortszene herauszutreten.

Ein älterer Herr blickt auf eine Skizze

Bei Max Müller bedeutet das, diesmal mit Bleistift und Wassertankpinsel zu zeichnen. Er versucht sich an der großen Bronze des Bistumspatrons Bischof Ulrich, die hoch zu Ross mit erhobenem Kreuz dargestellt ist. Kirchenglocken läuten, eine Tram rattert vorbei, ein Motor heult auf und irgendwo schreien Kinder. Ein älterer Herr bleibt stehen, blickt auf Müllers Skizze, auf die Statue und wieder aufs Blatt. Andere Passanten sprechen die Zeichner an: Welches Material? Welcher Hocker? Darf man mitmachen?

Urban Sketchers sind das gewohnt, sie zeichnen oft im Freien. Zusammen und konkurrenzlos. Jedes Alter. Sie vernetzen sich übers Internet, oft, bevor sie an andere Orte reisen. „Man lernt Leute kennen und schließt Freundschaften“, sagt Susanne Stiller, die ihren Mann nach Augsburg begleitet hat. Vor allem gehe man positiver und mit anderen Augen durchs Leben: „Man sitzt nicht mehr im schönsten Café, sondern blickt darauf.“

"Farben leuchten nur durch ihre Umgebungsfarbe"

500 Meter weiter blickt Bärbel Clemens auf das Fischertor. Die Frau aus Wiesbaden, grau-weiß melierte kurze Haare, rot gerahmte Brille, malt ihre Skizze in Orange- und Blautönen aus. Auch sie findet: Beim Skizzieren nimmt man einen Ort anders wahr. Dozentin Tine Klein beugt sich über die Zeichnung. „Wenn nur warm, warm, dann kriegt das Auge kein Futter“, sagt sie und hebt entschuldigend die Schultern: „Nerdsprache.“ Sie lacht, und die zwei unterhalten sich über kalte und warme Töne.

Das Strahlen der Farben ist das Fachgebiet der 50-jährigen resoluten Wahlschweizerin, die laut spricht und eindringlich: „Farben leuchten nur durch ihre Umgebungsfarbe.“ Das sei „superkomplex“. Anspruchsvoll auch das Thema am Rathaus: Skizzen mit 360 Grad Rundumsicht. Der gesamte Platz auf einem DIN-A3-Papier, im Kreisformat, verzerrt. Experte João Albergaria aus Portugal erklärt: Wo die Sonne hinscheint, malt man die Fassaden weiß und die Fenster schwarz, im Schatten umgekehrt. Hobbyzeichner Fabian Bartz findet es ungewohnt, im Kreis zu zeichnen, aber lehrreich.

Drei Stunden wurden die Zeichnungen ausgestellt

Volkshochschuldozentin Claudia Hillebrand-Brem aus dem Organisationsteam auch. Die Augsburgerin sieht es als ihre Mission, Einheimischen und Besuchern „ihre“ Weltkulturerbe-Stadt näherzubringen und freut sich, „wenn Augsburg so positiv dasteht“. Die Zeichnungen, die in der Fuggerstadt entstanden sind, wurden am Sonntag drei Stunden lang im Rathaus gezeigt, bis die Teilnehmer wieder abreisten. Noch 2019 soll ein Buch mit den Werken erscheinen. Außerdem werden ausgewählte Skizzen ab Herbst in Straßenbahnen der Stadtwerke zu sehen sein. Welche, darüber kann bald auf der Facebook-Seite der swa abgestimmt werden.

Zur Augsburger Gruppe geht es hier.

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