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Interview

16.11.2020

Trauerreden statt Musik: Wie Irene Frank mit der Corona-Krise umgeht

Auf der Bühne treten Inka Kuchler (links) und Irene Frank alias Schindele (rechts) gemeinsam als Vivid Curls auf.
Bild: Vivid Curls

Plus Zusammen mit Inka Kuchler bildet Irene Frank das Duo Vivid Curls. Wegen der aktuellen Flaute hat sich die Musikerin auf ein ganz anderes Feld begeben.

Frau Frank, machen Sie bei Vivid Curls wirklich Percussion mit einem Glas voller Eddings?

Irene Frank: Das war für unseren Videoclip „Freitagsdemo“. Ja, da haben wir als Bezug auf die Schüler, die die Klimaproteste organisieren, für den Groove nur Sachen aus dem Haushalt verwendet. Zum Beispiel auch einen Shaker mit Kardamomkapseln. Idee und Umsetzung stammen von unserem Produzenten Dominik Scherer.

In Ihren Liedern geht es in einer Mischung aus Folk und Rock um persönliche, aber auch gesellschaftliche Großwetterlagen. Wie blicken Sie auf die Pandemie?

Frank: Ich organisiere hier in Zusmarshausen ja auch Kultur- und Musikveranstaltungen. Es gibt einen enormen Rückstau. Ich schätze, es wird weltweit nicht vor einem Impfstoff wieder bergauf gehen, und die Kulturszene braucht dann sicher fünf Jahre, bis es wieder läuft wie zuvor. Erste Kleinkunstbühnen, zum Beispiel die Hebebühne in Schwäbisch Gmünd, haben schon aufgegeben.

Vivid Curls gibt es seit fast 20 Jahren, acht Alben haben Sie und Ihre Frontfrau-Kollegin Inka Kuchler veröffentlicht. Sie leben von Ihrer Musik. Wann hatten Sie Ihren letzten Live-Auftritt?

Frank: Anfang Oktober in Blaubeuren. Indoor, mit etwa einem Viertel der Zuschauer, die unsere Konzerte sonst besuchen. Insgesamt hatten wir im Sommer sieben Auftritte – unsere 50 Gigs, die wir sonst durchschnittlich pro Jahr absolvieren, werden wir bei weitem nicht erreichen.

Jetzt haben Sie sich in der Flaute neu orientiert und sich zur Trauerrednerin ausbilden lassen. Wie kam das?

Frank: Die Idee bewegte mich schon länger. In meiner Verwandtschaft gab es mehrere Todesfälle, meine Tante ist jung gestorben. Dort habe ich gemerkt, dass mich der Tod nicht lähmt oder erschreckt, sondern dass ich die eigene und die Trauer der anderen offenbar als Person und mit Worten gut emphatisch begleiten kann. Die Ausbildung war online mit einem professionellen Coach und dauerte etwa drei Monate.

Sind Sie mit Ihrem neuen Angebot schon bekannt?

Frank: Im Allgäu stoßen wohl viele über Vivid Curls auf uns. Mein Schwerpunkt ist Augsburg, diese Art Trauerfeier ist wohl eher eine städtische Geschichte, während auf dem Land der Pfarrer die Trauer begleitet.

Um was geht es den Angehörigen, die Sie buchen?

Frank: Auch ihnen geht es insgesamt darum, ein Abschiedsritual zu haben, inhaltlich auch um Spiritualität. Für mich ist das Vorgespräch sehr wichtig. Es dauert bis zu zwei Stunden, in denen die Angehörigen den Verstorbenen noch einmal in Gedanken und Worten erleben. Mit ihren Erzählungen erkenne ich die Emotionen, die die Beziehungen prägten, und welche Wünsche sie für die Rede haben. Das ist dann mein Einstieg.

Wie lange schreiben Sie an einer Rede?

Frank: Etwa vier bis fünf Stunden. Es geht darum, den Kern des Menschen freizulegen. Nicht die Daten der Biografie, sondern der Versuch, ein wenig das Wesen des Verstorbenen zu erfassen – das macht wohl eine gute Trauerrede aus. Beim Schreiben versinke ich quasi in dem Leben der anderen. Versuche, ein Gesamtbild zu erstellen. Dazu gehört meistens auch eine spirituelle Ebene. Wo geht die Seele hin, wenn wir tot sind?

Gibt es eine Verwandtschaft zwischen Trauerreden und Ihrer Arbeit als Musikerin und Liedermacherin?

Frank: Ja. Der Auftritt vor Publikum, aber auch Rhetorik und Texteschreiben sind kein Problem für mich. Ich liebe das ohnehin und es ist ja schon mein Beruf. Und offenbar berührt auch unsere Musik manchmal besondere Saiten. Eine Frau sagte uns, sie habe während einer Chemotherapie immer unsere Platten gehört. Es muss wohl einen gewissen Tiefgang geben. Bei Trauerreden nehme ich mich natürlich ganz zurück, aber ich höre oft von Angehörigen, eine Rede hätte sie berührt. Ich glaube, die Bedeutung, die solche Rituale wie Trauerfeiern und -reden bei der Bewältigung des Abschieds haben, wird oft unterschätzt. Sie helfen uns bei der Akzeptanz des Verlustes.

Aber hat der Auftritt als Trauerrednerin nicht auch etwas von Bühne?

Frank: Nein. Das Setting ist ganz anders. Natürlich stehen ich oder meine Kollegin für eine Zeit vorne. Aber im Mittelpunkt sind der Verstorbene und die Trauernden. Wichtig ist, ob diese einen schönen Nachruf möchten oder auch etwas Witziges im Gesamtgefüge der Menschen denkbar ist, etwa weil der Verstorbene selbst mit Humor durchs Leben ging. Wir präsentieren zu dem Anlass ja nicht uns oder unsere Weltanschauung. Es geht um das Leben eines anderen und auch darum, Trost zu spenden.

Mal rundheraus gefragt: Ist Trauerreden auch ein gutes Geschäftsfeld?

Frank: Naja, wenn man nicht auf großem Fuß lebt, reicht es. Ich nehme pro Rede, die ungefähr 13 Minuten dauert, 400 Euro, wenn wir spielen etwa 550 Euro.

Gibt es Fettnäpfchen bei dieser Arbeit des Trauerredens?

Frank: Wer etwas emphatisch ist, kann die Atmosphäre in einem Trauerhaushalt ja erspüren. „Wie geht es Ihnen“ ist vermutlich meist keine gute Einstiegsfrage.

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