Gleich das erste Solo, das aus Angela Avetisyans Trompete perlt, zeigt ganz unmissverständlich: Sie hat ihre Stimme gefunden, ihren Ton unverwechselbar geformt. Der ist fließend und lyrisch, jede Note ist dort zu finden, wo sie hingehört. Diese Charakteristika teilt sie sich mit Miles Davis, dem der Jazzclub anlässlich seines 100. Geburtstags eine ganze Woche gewidmet hat. Zu deren krönendem Abschluss erlebt man beim Quartett der Münchner Trompeterin, wie sein Geist in der Musik der heutigen Generation weiterlebt.
Angela Avetisyans Trompetenspiel umweht ein Hauch von Mystik
Was ihr Spiel so einzigartig macht, ist ihre Fähigkeit, die vermeintlich unvereinbaren Gegensätze Nähe und Distanz zu einem homogenen, alle vereinnahmenden Klang zu vereinen. Ihr Spiel wirkt geheimnisvoll, es umweht ein Hauch von Mystik, und gleichzeitig ist es warm, liebevoll, tröstend. Das erste Stück, der Titel sinngemäß mit „Rumsitzen zuhause“ übersetzt, ist dem restlos ausverkauften Club ein Fingerzeig, dass es sich lohne, sehr aufmerksam zu sein, denn die Magie ihrer Musik liegt in den leisen Momenten – ein gestrichener Kontrabass, zurückhaltende Perkussion, der helle Ton der Trompete.
Diese leisen Momente, seien es die der wunderschönen Eigenkomposition „Let Go“ oder des armenischen Traditionals „Krunk“, sind voller Melancholie, doch das ist nur eine Facette dieses Quartetts. „Eastern Sketchbook“, eine wilde Reise jenseits jeglichen Pauschaltourismus durch die Klangwelten vom Kaukasus bis in die mongolische Steppe, kann auch ganz anders. „Breakfast in Damascus“ donnert einen derben, mit einer von Piano und Kontrabass gedoppelten Bassline getragenen Groove in den eng besetzten und sich selbst aufheizenden Kellerclub, Simon Popps Schlagzeug vereint Polyrhythmik und Melodie, zu Avetisyans Solo verwandelt sich das Stück plötzlich in einen fast lupenreinen Indie-Popsong.
Angela Avetisyans Offenheit hätte Miles Davis wohl gefallen
Diese Offenheit hätte Miles Davis gefallen, lehnte er doch den Begriff „Jazz“ als weiße Kategorisierung ab. Er stand für ihn für eine Begrenzung der Musik, die er aber immer konsequent weiterdachte und damit neu erfand. Den Bebop zähmte er mit „Birth of the Cool“, Fusion befeuerte er mit Einflüssen von Sly Stone über Jimi Hendrix bis Karlheinz Stockhausen. So ist es auch ein Leichtes für Avetisyans Band, sich alte Davis-Nummern völlig zu eigen zu machen. „Tutu“ bekommt seine individuelle Note durch die von Pianist Mischa Antonov gespielte Duduk, eine traditionelle armenische Flöte mit Oboenblatt, bei der es angesichts des dünnen Röhrchens kaum zu glauben ist, dass ein so voller, dramatischer Ton aus ihr erklingen kann. Das Arrangement für „Flamenco Sketches“ ist reduziert, mit kleinen E-Piano-Tupfern, einem wahnsinnig lässigen Klaviersolo und einer coolen, gedämpften Trompete – es ist das „Rebirth of the Cool“, was die Band auf die Bretter bringt.
Jazz ist kein Genre, Jazz bedeutet Offenheit und Interaktion. Dann entstehen Momente, die in ihrer Unmittelbarkeit niemals von einer KI erschaffen werden können, so sehr sich die „Tech Bros“ auch anstrengen. Momente, die nur live zu erleben sind. Momente, in denen das Zusammenspiel von versierten, sich gegenseitig blind verstehenden Musikerinnen und Musikern eine unwiderstehliche Dynamik entwickelt, einen Sog, dem man sich weder entziehen kann noch möchte – zweimal klatschte das Publikum die Band für eine Zugabe zurück auf die Bühne. „Wir sehen uns dann zum zweihundertsten Jubiläum“, so verabschiedet sie sich. Und auch wenn das für die meisten Anwesenden knapp werden könnte, auch in 100 Jahren wird der Geist von Miles Davis die Musik erfüllen.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren