Konzert: Fronhofkonzerte: Faszination unter freiem Himmel
Konzert
Fronhofkonzerte: Faszination unter freiem Himmel
Das Festival im Garten der einstigen fürstbischöflichen Residenz ist 25 Jahre alt. Anlass zu feiern mit Opernaufführung und Klavierkonzert. Dafür reisten herausragende Solisten nach Augsburg.
Solistin Viviana-Zarah Baudis schafft mit ihrem innigen Klavierspiel den kostbarsten Moment der Konzert-Gala am Samstagabend. Foto: Alex Ferstl
25 Jahre, ein Vierteljahrhundert, wagen die Augsburger Konzerte im Fronhof etwas – gegen so manche Hürde, aber für ein Publikum, das gerne im Freien und im sommerlich Lauen lauscht: der Oper, die jahrelang nicht bedient wurde auf der Freilichtbühne, dem sinfonischen Konzert, dem Jazz. Heuer also gab es besonderen Grund zum Feiern mit musikdramatischer und orchestraler Gala, wozu auch Solisten anreisten, deren Qualität unüberhörbar Maßstäbe setzten in der Mozartstadt.
Da wäre als erster zu nennen: Johannes Martin Kränzle, in Augsburg geboren und als exquisiter Sängerdarsteller ein feststehender Begriff an den ersten Opernbühnen der Welt: Bayreuth, London, Mailand, München, New York, Paris, Salzburg, Wien. Er gratulierte gleichsam den Fronhof-Konzerten, und die Fronhof-Konzerte konnten sich wahrlich schmücken mit ihm.
Mit großer Klasse wird das rasante Plapperparlando-"Rache"-Duett dargeboten
Man muss da nicht Fachbegriffe bemühen, um seine Bühnenpräsenz darzulegen; im Grunde reicht die Aussage: Man hört doppelt so gerne hin wie bei jedem anderen professionellen Sänger (weil sich Resonanz des Wohllauts und Artikulation wundervoll verschränken). Als Don Pasquale, den er 2019 schon am Opernhaus Zürich sang, stand Kränzle im ausstrahlenden Zentrum der gleichnamigen Donizetti-Opera-buffa. Es fehlte an nichts.
Im ausstrahlenden Zentrum? Ja, weil der andere sonore Bariton des Abends, Modestas Sedlevecius als Doktor Malatesta, das exemplarische Singen Kränzles aufgriff, es annahm und umsetzte. Da wächst was vergleichbar Gutes heran. So was freut einen beim Hören. Große Klasse das berühmte, rasante Plapperparlando-"Rache"-Duett im dritten Akt. Hier kamen die konzertante Aufführung und ihr herrlich süffisanter, durch den Erzähler Jacques Malan dargebotener Witz zum Höhepunkt. Eine Hommage auch an Rossini.
Wilhelm F. Walz (links) dirigiert und organisiert das Festival im Fronhof. Auf der Bühne standen in diesem Jahr der Bariton Modestas Sedlevecius (mitte) sowie der Sänger Johannes Martin Kränzle (rechts).Foto: Herbert Gairhos
Was allerdings Don Pasquale und Doktor Malatesta und die Moral dieser musikalischen Komödie für die Zukunft der Weltgeschichte nicht werden verhindern können, das ist der mitunter fatale Hang überreifer Herren zu aufblühenden Damen. Eine Warnung wurde ausgesungen im Fronhof, aber es wird wieder und weiter nichts nützen...
Weil ja Norina, das Biest, ihre Krallen auch nur intrigenhaft ausfährt. In Wahrheit ist sie ja eine fromm erzogene Klosterschülerin. Für diesen Werdegang allerdings bietet Juliana Zara vom Staatstheater Darmstadt schon enorm viel kokette und kapriziöse Allüren bei girrendem, quecksilbrigem Koloratursopran auf. Ob es ihr eigentlicher Lover Ernesto (hell, klar, brav: Galeano Salas) wirklich leicht mit ihr haben wird? Extrovertiertes trifft auf Introvertiertes.
Augsburger Domsingknaben stimmen in Don-Pasquale-Aufführung mit ein
Wer aber noch zu erwähnen ist – gerade, weil er ja oft gestrichen wird bei Don-Pasquale-Aufführungen, ist der Chor – hier der umfangreiche Kammerchor der Augsburger Domsingknaben, der auch laut über Don Pasquales Tölpelei nachzudenken hat. Er denkt in einer Art nach, die klar als "durchsichtig" zu bezeichnen ist.
Grund zum Feiern. Seit 25 Jahren finden die Konzerte im Augsburger Fronhof statt. In diesem Jahr stand neben der Oper "Don Pasquale" auch ein Klavierkonzert auf dem Programm.Foto: Herbert Gairhos
Und nun muss auch auf den Motor des Ganzen gekommen werden: Wilhelm F. Walz, der unermüdlich das jährliche Festival im Fronhof vorbereitet, organisiert, besetzt und dann temperamentvoll dirigiert. Gerade für den "Don Pasquale" ist dies die richtige Haltung, weil diese Oper – abgesehen von den romantisch-romanzenhaften Werk-Einsprengseln – eine Triebfeder braucht, die das Elastische, Tickende, Ratternde, Schmissige bis hin zur Konfusion befeuert. Und das tut Walz mit Verve vor der Suk-Symphony Prag, die heuer im Fronhof insgesamt wohl so filigran-transparent aufspielte wie kaum je zuvor.
Solistin Viviana-Zarah Baudis schafft den kostbarsten Moment des Abends
Also auch bei der Konzert-Gala am Samstag, die sich den Großen der Wiener Klassik widmete: Haydn, Mozart, Beethoven. Wobei im dritten Teil von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" ein modifiziertes feminines Weltbild zur Sprache kam, nicht die kratzbürstige, schlagkräftige Dominanz der Norina, sondern die freiwillige Unterordnung der Eva unter ihren Mann Adam: "Dein Will' ist mir Gesetz. So hat's der Herr bestimmt, und dir gehorchen bringt mir Freude, Glück und Ruhm." Eine aus der Mode gekommene Haltung, im Fronhof von Jihyun Cecilia Lee ansprechend und praktisch beispielhaft vorgetragen, was auch Adam (Johannes Martin Kränzle zum Zweiten) freute.
Zum Höhepunkt der Gala jedoch geriet – nach einer serenadenhaften Wiedergabe von Mozarts "Prager Sinfonie" – das erste Klavierkonzert Beethovens, speziell das Largo, in dem die (barfüßige) Solistin Viviana-Zarah Baudis quasi einen innigen Gesang, ein Gebet anstimmte – und mit beseelter Tiefe den kostbarsten Moment des Abends heraufbeschwor. Faszination unter freiem Himmel im Burggrafenturm-Eck der einstigen Residenz.