"Wir haben doch noch gar nichts gemacht", war dem verblüfften Thomas Quasthoff von den Lippen abzulesen, als es zum Bühnenauftritt bereits den ersten Jubelsturm gab. Das Konzert des legendären, weltberühmten Bassbariton im Parktheater war ein Höhepunkt des Augsburger Mozartfests – und ausverkauft. Wie in alten Zeiten standen Fans an der Abendkasse, um doch noch eine der zurückgegebenen Karten zu ergattern.
Es lockte "Die Stimme" - so der Titel von Quasthoffs Autobiografie und durchaus passender Beiname - und es lockte das untypische Genre: Quasthoff, nach eigenen Worten eher aus der Winterreiseecke stammend, sang Jazz, Pop, Funk & Soul mit hochkarätiger Band. Stargast Nils Landgren, der fantastische schwedische Jazzposaunist und Sänger war eine weitere Attraktion für den Konzertbesuch.
Nils Landgren war der charismatische Ruhepol
"Mr Red Horn" (and Feet, denn nicht nur seine Posaune, auch die Schuhe waren in Rot) kam, spielte und siegte, in sich ruhend, gelassen und souverän. Er hörte aufmerksam zu, steuerte genialisch auf den Punkt bei, zitierte, antwortete, befeuerte und setzte im Gesang herrlich demokratisch dem musikalischen Ganzen quasi das letzte Puzzlestück ein. Landgren als charismatischer Ruhepol, dem man gebannt an den Lippen bzw. am Trichter hing, saß direkt neben Bandleader Thomas Quasthoff. Dahinter war Dieter Ilg postiert, ebenfalls überlegen und angenehm unaufgeregt am Kontrabass, mit schönem sonorem Klang und großer Bandbreite, musikalisch wie "spieltechnisch".
Die vokale und instrumentale Mimikry, die alchemistische Artistik in der Musik waren Teil des Bandprofils. Wie Dieter Ilg am Kontrabass auch mal "percussionierte", so experimentierte Keyboarder und Hammondspieler Simon Oslender, Nachfolger von Frank Chastenier, mit Klängen. Er verkleidete seine Soundstation als Vibrafon oder Grand Piano – abgesehen davon, dass der erst 25-Jährige einfach fantastisch spielte und musizierte.
Auch Drummer Wolfgang Haffner, mit Oslander das exaltierte Gespann an den Bühnenseiten, steuerte jeweils einen tollen Beat bei, explodierte mit lauter Leidenschaft, jonglierte mit Klangquellen wie mit seinen Stäben oder Spielzeughämmern, die, nach dem Einsatz auch mal auf dem Boden geworfen, von dezenter Saaldienerhand aufgeräumt wurden.
Thomas Quasthoff zeigte Humor und Charisma
Auf dem Gipfel der Varietät sang Thomas Quasthoff, der sich bewundernswert originalnah in das nicht ureigene Fach Jazz und Co. hineingegraben hat. Er bediente sich aus dem American Songbook mit Sinatra-Samt, betörte aber in Bassbariton und besaß daneben auch den Mut zur "Hässlichkeit", also zu Ungeglättetem, eine Fähigkeit übrigens, die den "Klassikern" naturgemäß schwerfällt.
Sein A-Cappella-Blues mit dem atemberaubend virtuosen Switchen zwischen Lagen, Stilen und Charakteren, den ausgeschleuderten kabarettistischen Eskapaden, war grandios. Humor und Charisma zeigte Thomas Quasthoff auch in seinen Moderationen, in denen er allerdings unnötig austeilte.
Die nicht nur sichtbare, sondern ebenfalls spürbare Weltklasse der Künstler und der Musik sublimierte auch musikalisch Uneindeutiges, auch das Nichtansagen der Nummern und das bisweilen ziemlich deutsch klingende Englisch. Das Können des 64-jährigen Thomas Quasthoff jedenfalls ist schlicht umwerfend, sein Umgang mit Stimme und Sujet ein atemberaubendes Erlebnis, das eben den Auftritt eines Weltklasse-Interpreten so einzigartig macht. Stehende Ovationen.
Hören Sie sich dazu auch den Podcast mit den beiden Augsburger Klassik-Stars Sarah Christian und Maximilian Hornung an.