Wassili Slipak war der wohl bekanntesten Opernsänger der Ukraine. An der Pariser Oper feierte er fast zwei Jahrzehnte Erfolge. Dann nahm er als Freiwilliger der ukrainischen Armee eine Waffe in die Hand, um sein Land und seine Freunde vor den russischen Invasoren zu beschützen. Ein russischer Scharfschütze beendete am 29. Juli 2016 das Leben des Künstlers nahe der Ortschaft Luhanske in der Region Bakhmut. Das Schicksal des Opernsängers ist Vorlage für das Theaterstück „Otvetka@ua“, das am Samstagabend im Zeughaus aufgeführt wurde.
Das Paar, das an diesem Abend das Stück auf Bühne bringt, ist von dessen verstörender Handlung nicht so weit entfernt. Schauspieler und Regisseur Bohdan Tschernjawskyj hat von seiner Einheit für einige Tage Urlaub erhalten, um eine zwölftägige Tournee durch Polen und Deutschland zu unternehmen. Im zivilen Leben ist auch er in seiner Heimat ein gefeierter Künstler. In Tarnfleck-Uniform steht er vor dem hauptsächlich aus ukrainischen Geflüchteten bestehenden Publikum und berichtet über die aktuelle Situation. Mit der Tournee soll einerseits „Kulturdiplomatie“ betrieben und anderseits Geld für die Streitkräfte gesammelt werden. Die Ukraine ist in diesem Krieg bemüht, Europa und der Welt immer wieder auch ihre Kulturschätze zu zeigen, die durch die Invasion bedroht sind. Die Theateraufführung in Augsburg wurde vom Deutsch-Ukrainischen Dialog organisiert.
Auch der Regisseur ist Soldat in der Ukraine. Seine Ehefrau spielt die Soldatenwitwe
Die Protagonistin des Solostücks „Otvetka“ ist die Ehefrau des Regisseurs, Olga Tschernjawaska. Sie spielt die fiktive Figur der schwangeren Witwe von Slipak, die sich in einem rund einstündigen Monolog den Schmerz und die Zerrissenheit der zurückbleibenden Frau von der Seele redet, schreit und weint. Für den unbeteiligten Betrachter ist das intensive Spiel nur schwer zu ertragen - von den geflüchteten Frauen im Publikum erlebt manche die Aufführung mit Tränen im Gesicht.
Das Stück wird auf Ukrainisch aufgeführt - der deutsche Text ist als Untertitel auf einer Leinwand mitzulesen. Teile des Stücks sind ein Telefonat zwischen der Witwe und ihrer russischen Freundin, die sie zu ihrer Hochzeit einladen will - ausgerechnet mit dem Mann, der sich als der Mörder von Slipak entpuppt. Ehe sie sich entscheiden kann, was sie ihrer Freundin antworten will, kommt die Nachricht, dass auch der russische Mörder gefallen ist.
Das Handy ist ein wichtiges Requisit in dem Stück. Es ist Nabelschnur zur Außenwelt, die aber mehr Schmerz als Erleichterung bringt. Besteht doch bei jedem Anruf die Gefahr, dass er wieder den Tod eines geliebten Menschen in diesem Krieg verkündet.
Hunderte von Künstlern an der Front, Tausende von Witwen und Waisen
Das Stück, das kurz nach dem Tod des Helden geschrieben wurde, wurde in der Anthologie der Stücke „Labyrinth aus Eis und Feuer“ veröffentlicht, die der Revolution der Würde und des Krieges gewidmet ist und wurde zuerst in Khortyzja, im Stadttheater von Saporischschja aufgeführt. Obwohl der Text während des Ostkrieges geschrieben wurde, hat die großangelegte Invasion das Stück noch mehr aktualisiert: Hunderte von Künstlern an der Front, Tausende von Witwen und Waisen, der ideologische Abgrund zwischen Ukrainern und Russen, das verspätete Verständnis im Ausland.
„Es ist für die Hoffnung und die Stimmung im Land unerlässlich, dass wir trotz Krieges auch an der Kultur festhalten“, sagte Regisseur Tschernjawskyj im Gespräch nach der Aufführung. Bereits in wenigen Tagen wird er wieder bei seiner Einheit, der Khartia Brigade in Charkiv, zurückerwartet. In der Ukraine haben sich viele Künstler freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet. Im Stück heißt es dazu: „Weißt Du, er war kein Soldat. Er war ein Sänger. Und er wurde nicht eingezogen, er ging freiwillig. Ich habe ihn einmal gefragt, warum ein Künstler wie er eine Waffe in die Hand nimmt. Und er antwortete: Weil Künstler oft großen Sinn für Gerechtigkeit haben.“
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