Wenn das Ende einer Ära an die Tür klopft, hat es meist einen großen Umbruch mit im Gepäck. Bei theter nahm Leif Eric Young am Ende der Spielzeit 2021 seinen Hut, 13 Jahre nach Erfindung, Aufbau und Etablierung des Ensembles. Dass so eine Ära ohne Bruch einfach weitergeht, nicht zuletzt in einer Zeit, in der das Theater durch diese leidige Pandemie sowieso heftig durchgeschüttelt wurde, ist unvorstellbar. Eigentlich, für Außenstehende. Das theter-Ensemble hat einfach weiter gemacht und die ungewohnte Situation durch das Kollektiv aufgefangenen. Doch Diskussionen über das Künstlerische und das Ausfüllen dröger Förderanträge sind zwei paar Stiefel, und "das ist der Grund, warum wir jetzt da sind: wir wollen die beiden Bereiche wieder trennen".
"Wir", das sind Iris Schmidt und Amelie Seeger, die neue künstlerische Leitung des Ensembles. Seeger leitet den Fundus, kümmert sich um Bühnenbild und Ausstattung und ist seit 2015 dabei, Schmidt ist sogar noch ein wenig länger, im Bereich Schauspiel und Regie. Beide Kompetenzen decken die gesamte künstlerische Arbeit ab, Teamplayer sind sie beide sowieso. Sie sitzen gut gelaunt auf der Probebühne im 3. Stock des City Club-Hauses und sprechen über heute und morgen. "Es wird nicht alles anders werden“, erzählt Schmidt, „wir wollen den Laden am Laufen halten und alles reinstecken, was wir haben".
Es wird wieder mehr spontane Formate im theter-Ensemble geben
Die Spielzeit bis Sommer 2023 ist schon randvoll, zu der Sommerproduktion unter der Regie von Sophia Planck wird es neben drei Gastspielen wieder mehr spontane Formate wie "Gute Witze schlecht erzählt" geben. Gerade diese passen zu theter wie Geldkoffer zur FIFA, denn Spontaneität und Improvisation sind in der DNA des Ensembles fest verankert: "Wir sind nicht so schwerfällig wie große Häuser, wenn neue Situationen entstehen. Wir sind eine Art Arbeitsraum, eine Werkstatt für Menschen, die dafür brennen, weil sie an keinem anderen Ort diese Dinge ausprobieren können. Deswegen bin ich immer noch dabei. Hier sind Leute, die genauso sehr Lust haben wie ich."
In Amelie Seegers Augen funkelt die Begeisterung über das Wesen des Ensembles, auch nach über 8 Jahren. Die beiden sehen es als ihre Aufgabe, die Vielseitigkeit der Mitglieder zu entdecken und zu fördern. Jedes Mitglied kann sich überall ausprobieren, aber Seeger ist es wichtig, "die Leute abzuholen, wenn sie sich in eine bestimmte Richtung bewegen können. Wir wollen ihnen Kontakte verschaffen und sie vernetzen." So landete beispielsweise eine Maskenbildnerin, die erst noch ihre Ensemblemitglieder vor der unverputzten Wand des City Clubs für die Vorstellung bereit machte, bei der renommierten Theaterakademie Everding in München und schminkt nun an den Sets für große Hochglanzproduktionen. "Wir wollen alles in einem professionellen Kontext machen, aber ohne Spaß läuft gar nichts", stellt Schmidt klar und betont, dass alle, die Lust auf Theater haben, jederzeit herzlich willkommen sind.
Auch Menschen mit Interesse an Film oder Licht- und Tontechnik sind willkommen
Jeden Freitag ist Ensembleprobe, dazu gibt es nun Workshops mit Profis, die alle vier Wochen die Probe leiten. Dabei steht nicht nur das Schauspiel im Zentrum, auch Menschen mit Interesse an Film, Licht- und Tontechnik oder Eventmanagement im Kulturbereich können sich bei theter versuchen. Die Dynamik der Gruppe steckt Neuankömmlinge schnell mit dem Geist des Ensembles an. "Bestenfalls landen sie gleich in einer neuen Produktion", doch auch als helfende Hand wird man schnell Teil der eingeschworenen Gemeinschaft.
Bei den Filmaufnahmen zur neuesten Produktion "Der Sandmann" nach E.T.A. Hoffmann kamen alle Neuen als Helfer an einem Freitag an und am Sonntagabend fühlte es sich so an, als kenne man sich schon ewig, erzählt Seeger und das Glänzen in ihren Augen möchte einfach nicht verschwinden. Die Inszenierung von Hoffmanns Schauerroman fügt sich nahtlos in den nicht geplanten, aber durch die aktuellen Umstände automatisch gesponnenen roten Faden der Spielzeit 22/23 ein.
Bei "Smells Like Theter 3.0" zur Eröffnung der Spielzeit trug ein alles beherrschender Supercomputer den gleichen Namen wie Hoffmanns Automate „Olimpia“, die Motive waren und sind Entmenschlichung, Künstlichkeit, emotionale Entfernung in einer dystopischen Welt. Dazu liefert das Augenmotiv im "Sandmann" die Quintessenz für die Arbeit des Ensembles. Der Germanist Wulf Segebrecht schrieb dazu, dass die Voraussetzung für künstlerische Arbeit ist, "ein Auge zu haben, ein äußeres Phänomen zu durchdringen und das im Inneren Gesehene zur Anschauung zu bringen". Nichts dazu zu fügen, bescheiden Seeger und Schmidt, "das ist das Fruchtbare an der Theaterarbeit". Der Kö leuchtet unter den großen Fenstern, im Hintergrund laufen leise Beats, die Probe für die anstehende Premiere geht gleich los. „Uns geht es gut“, sagt Iris Schmidt. Die Ära ist nicht zu Ende, sie geht einfach unter zwei hochmotivierten Frauen weiter.
Info: Der Sandmann im City Club am 07.12.2022 und ab 12.01.2023. Karten: theter.de