Gott sei Dank gibt es den Frühling nicht nur bei den Jahreszeiten, sondern auch in übertragenen Zusammenhängen. Etwa, wenn ein Herz um schöner Dinge willen höher schlägt; oder wenn uns frühlingshaft zumute ist, weil wir Musik hören, die uns herrlich leicht und belebend entgegenweht. In solch erweitertem Sinn war auch das „Frühlingserwachen“-Motto des 6. Sinfoniekonzerts der Augsburger Philharmoniker zu verstehen. Denn Robert Schumanns 1. Sinfonie, die zwar den Beinamen „Frühlingssinfonie“ trägt, jedoch in einem Winter entstand, bildet nicht die knospende Jahreszeit musikalisch nach, sondern hebt auf das Glücksgefühl infolge der Beziehung Schumanns zu seiner heiß geliebten Clara ab. Aber auch die beiden im Konzert vorausgehenden Stücke französischer Provenienz, Cécile Chaminades „Callirhoe“-Suite und das Flötenkonzert von Jacques Ibert, setzten ebenso wenig die Jahreszeit in Szene, dennoch sind sie in ihrer klingenden Anmutung, zumindest teilweise, frühlingshaft durchpulst.
Cécile Chaminade war als Komponistin schon eine Größe lange bevor sich der Interessensfokus verstärkt wie nun seit ein paar Jahren auf komponierende Frauen richtete. Und dies mit Recht, wie Chaminades „Callirhoe“ – benannt nach einer Figur der griechischen Mythologie – zeigt: Dafür, dass es sich bei der viersätzigen Suite um hinreißend saftige Musik handelt, kommt sie zumindest hierzulande viel zu selten auf die Spielpläne. Wunderbar quirlig die Skalen der Violinen gleich im Prélude, betörende Élégance im folgenden Walzersatz, das Scherzettino ein feingliedrig säuselnder Feen-Spuk, während der Finalsatz dann zwar etwas wuchtigere Saiten aufzieht, mit seiner tänzerischen Rhythmik aber nichts weniger als mitreißend ist.
Dirigent Beykirch legt Wert auf transparenten Klang
Dominik Beykirch als Gastdirigent legt viel Wert auch das Herausarbeiten eines hellen, transparenten, Chaminades Musik passend einkleidenden Kolorits. Vielleicht hätte er das Orchester an der ein oder anderen Stelle (beim Walzer etwa) noch ein wenig mehr schwelgen lassen können, hätte der finale „Pas des Cymbales“ durch ein Quentchen zusätzlicher artikulatorischer Finesse noch spritziger geraten können. Doch egal, die „Callirhoe“ gelang als – wenn man so will: frühlingshaft – hochgestimmte Eröffnung des Programms im Kongress am Park.
Jacques Iberts Konzert für Flöte und Orchester ist in seinem ersten Satz ein Stück, das sich kaum fassen lässt, so sehr wuseln die Passagen der Soloflöte und der orchestralen Register hier kunstvoll zusammen. Vor diesem Hintergrund nimmt sich der langsame Satz in der Mitte des Konzerts regelrecht befriedet aus. Gerade hier gelingt es der Solistin Rozália Szabó, die melodischen Bögen voll inwendiger Spannung zu formulieren. Auch bei diesem Auftritt überzeugt die Flötistin – in dieser Saison Artist in Residence der Philharmoniker – durch ihren festgefügten, nie diffundierenden Ton, aber auch durch den spürbaren Primat des Ausdruck vor aller Virtuosität. Die Philharmoniker unter Dominik Beykirch begleiten präzise gerade auch im Finalsatz mit seinem prägnanten Wechsel zwischen solistisch-kadenzierenden und orchesterbegleiteten Abschnitten. Am Ende Jubel für die sympathische Solistin, die es in ihrer Zugabe, nunmehr unbegleitet, wieder ruhiger angehen ließ mit einer „Méditation“ von Jindřich Feld.
Das Scherzo kernig, aber nicht massig
Nach dem französischen Doppel dann der Wechsel aufs andere Rheinufer mit Schumanns 1. Sinfonie. Wo dann nicht wenig überraschte, in welch ergiebiger Weise der dirigierende Gast – Dominik Beykirch leitete etliche Jahre die Staatskapelle Weimar, inzwischen arbeitet er frei – und Augsburgs Philharmoniker zusammenfanden, geradezu harmonierten. Das prägnante punktierte Motiv der langsamen Einleitung blieb den ganzen ersten Satz hindurch als musikalisches Motto kenntlich, die Durchführung war hervorragend gestaffelt und von bezwingender musikalischer Stringenz. Beykirch, stets energisch in der Zeichengebung, versteht sich vor allem darauf, den Orchesterklang abzudämpfen und damit zugleich Spannung zu erzeugen. So war im langsamen Satz neben dem Thema auch der Variantenreichtum der rahmenden Begleitfiguren stets hörbar, kam das Scherzo zwar kernig, aber nicht massig daher. Das Finale bündelt dann hoch überzeugend Beykirchs Bemühen um Transparenz bei griffigem Klang, um artikulatorische Leichtigkeit, nicht zuletzt um formale Schlüssigkeit des sinfonischen Gebildes. Auch dieser dritte und letzte Programmpunkt des Abends: Ein starkes Stück von Dirigent und Orchester.
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