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Kundgebung: Dieser Musiker tritt auf dem Rathausplatz auf - aus Dankbarkeit

Kundgebung

Dieser Musiker tritt auf dem Rathausplatz auf - aus Dankbarkeit

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    Farhad Sidiqi Jooyenda  spielt gerne Klavier, was er hier symbolisch mit dem verschiedenfarbigen Kopfsteinpflaster zeigt. Am Samstagnachmittag tritt er bei der Kundgebung gegen die AfD auf dem Rathausplatz auf.
    Farhad Sidiqi Jooyenda spielt gerne Klavier, was er hier symbolisch mit dem verschiedenfarbigen Kopfsteinpflaster zeigt. Am Samstagnachmittag tritt er bei der Kundgebung gegen die AfD auf dem Rathausplatz auf. Foto: Klaus Rainer Krieger

    Am Samstag vereinen sich auf dem Augsburger Rathausplatz die Menschen aus gleich zwei Protestzügen, um auf einer großen Kundgebung gegen den AfD-Parteitag zu demonstrieren. Dabei wird am Nachmittag auch ein Musiker auftreten, der noch gar nicht so lange ein Augsburger ist.

    Kundgebung auf dem Rathausplatz: Musiker Farhad ist dabei

    Wenn Farhad Sidiqi Jooyenda durch Augsburg läuft, trifft er meist auf einen Bekannten. Klar, die Fuggerstadt ist sein Zuhause. Vergangenen Oktober hat der 37-jährige Musiker hier geheiratet. Ende des Jahres erwarten seine Frau und er ein Kind. Sein nächstes Musikprojekt will er Bertolt Brecht widmen. Farhad mochte den Lyriker schon, als Afghanistan noch seine Heimat war. Dort lernte er Brecht im Schulunterricht kennen.

    Sechs Jahre sind vergangen, seitdem der Musiker aus dem Land floh, weil er um sein Leben fürchtete. Er landete in der Asylunterkunft in der Proviantbachstraße, teilte sich einen Raum mit vier weiteren Männern. Sechs Jahre sind keine lange Zeit, um sich in einem fremden Land ein neues Leben aufzubauen, eine fremde Sprache zu lernen, Freunde kennen zu lernen und – eine neue Heimat zu finden. Farhad hat es geschafft. Er sagt, er kann sich kaum noch daran erinnern, was er bei seiner Ankunft in der Asylunterkunft damals gefühlt hatte. So viel ist seitdem passiert. „Ich bin kein Flüchtling mehr. Ich bin ein Augsburger.“ Der Weg bis dahin war steinig. Der sympathische Mann ist überzeugt, ohne die Augsburger hätte er das nie geschafft.

    Im Grandhotel Cosmopolis findet Farhad Raum zum Texten

    Zu fünft in einem Zimmer – in der Asylunterkunft hält er es kaum aus. „Einer sah die ganze Nacht Fernsehen, der andere rauchte permanent, ein anderer hörte tagsüber nur laute Musik.“ Farhad bittet bei der Diakonie um Hilfe. „Ich sagte, ich bin Künstler und suche in Augsburg ein Netzwerk von Künstlern.“ Der Afghane erhält die Adresse des Grandhotel Cosmopolis, das Hotel im Domviertel, in dem Geflüchtete und Touristen unter einem Dach wohnen. Das ist sein Glück. „Ich bekam ein Atelier, in dem ich Musik machen und auch schlafen konnte.“ Vor allem aber erfährt Farhad, der im Betrieb des Grandhotels mithilft, menschlichen Zuspruch. Hier findet er Wärme, die ersten Freunde. Sie stellen sich hinter ihn, als er wenige Monate später abgeschoben werden soll, und starten eine Petition.

    Ausländer und Migranten in Augsburg: Zahlen und Fakten

    Ausländer Ende des Jahres 2017 lebten 295 895 Menschen in Augsburg. Davon hatten 21,8 Prozent keinen deutschen Pass. Der Anteil der Ausländer ist zuletzt gestiegen. 2009 lag er noch bei 16 Prozent.

    Wo kommen die Ausländer her? Die meisten Augsburger ohne deutschen Pass waren im Jahr 2017 türkische Staatsbürger (11 701). Mit 7242 Frauen und Männern stellen die Rumänen inzwischen die zweitgrößte Gruppe; ihre Zahl war in den vergangenen Jahr deutlich gestiegen. 4280 Menschen haben einen italienischen Pass. Deutlich gestiegen ist die Zahl der Syrer – von 391 im Jahr 2014 auf 2392 (2017).

    Wo leben die meisten Ausländer? Im Viertel links der Wertach Nord (im Umfeld der Rentenversicherung) liegt der Ausländeranteil bei 52,1 Prozent. Am niedrigsten ist er im Stadtteil in Bergheim (3,7).

    Leben in Augsburg besonders viele Ausländer? In einer Auswertung des Statistischen Bundesamtes kam Augsburg im Jahr 2015 auf den elften Rang. Den höchsten Ausländeranteil hatte Offenbach bei Frankfurt mit über 30 Prozent. München kam Ende 2017 auf 27,6 Prozent. Bundesschnitt: 10,9 Prozent (2016).

    Menschen mit Migrationshintergrund In diese Gruppe fallen neben den Ausländern auch deutsche, die entweder selbst aus einem anderen Land stammen oder mindestens ein Elternteil. Ende des Jahres erfüllten 45,8 Prozent der Augsburger diese Kriterien. Auch hier gab es zuletzt ein Plus. 2009 lag der Wert noch bei 40,7 Prozent.

    Wo kommen die Migranten her? Die größte Gruppe (Ausländer und Migranten) stammt aus der Türkei (21 078). Es folgen Rumänen (16 497), Polen (9909) und Russen (9344). Viele russischstämmigen Augsburger haben einen deutschen Pass (mehr als 80 Prozent).

    Leben Augsburg besonders viele Menschen mit Migrationshintergrund? Zum Vergleich: Offenbach kommt auf mehr als 60 Prozent, München auf etwa 43 Prozent. Bundesschnitt: 22,5 Prozent (2016). (mb)

    Auch Studenten der Hochschule, wo der Afghane bei einem interkulturellen Projekt mitwirkt, unterstützen ihn. „In nur einer Woche wurden knapp 4000 Unterschriften gesammelt“, erinnert er sich. Etliche Augsburger kämpfen für ihn, und er für sich. Vor dem Petitionsausschuss des Landtags erzählt Farhad, warum er in Afghanistan Angst haben muss. Farhad war in seiner Heimat offenbar ein bekannter Sänger und Songwriter. Er trat auch für die Amerikaner auf. In seinen Musikvideos tanzten Mädchen ohne Kopftücher.

    Das stieß den Taliban auf, sie bedrohten den Mann, wie er erzählt. Zusätzlich geriet er ins Visier eines afghanischen Warlords, weil er sich in ein Mädchen dieser Familie verliebte. „Ein Mann darf in Afghanistan nicht einfach so Kontakt zu einer Frau haben.“ Auch von Seiten dieser Familie erhielt er Morddrohungen. Seine Mutter drängte ihn, das Land zu verlassen. Das alles trägt er im Landtag vor und stößt auf Wohlwollen. Der Fall landet vor dem Verwaltungsgericht. Dieses untersagt der Ausländerbehörde, den 31-Jährigen nach Afghanistan abzuschieben, weil ihm dort Folter oder unmenschliche Behandlung drohen. Das Bangen bis zu dieser Entscheidung reibt seine Nerven auf. Farhad geht in dieser Zeit morgens oft in den Siebentischwald.

    Gegen die AfD will Musiker Farhad ein Zeichen setzen

    „Als es um meine Abschiebung ging, bekam ich eine Depression. Der Arzt sagte mir, ich müsse weinen. Es habe sich so viel in mir angestaut.“ Farhad aber kann nicht weinen. Er sagt, er habe das nie gelernt. Im Siebentischwald findet er ein Plätzchen, an dem kaum Menschen vorbeikommen. Hier schreibt der Afghane Songtexte, singt seine Lieder. Irgendwann kann er im Schutz der Bäume auch weinen. „Der Siebentischwald ist einer meiner Lieblingsplätze geworden. Aber auch der Botanische Garten und der Rathausplatz.“

    Der Musiker betrachtet es als Glück, dass er ausgerechnet nach Augsburg kam. „Diese Stadt hat so viel Kunst und Kultur.“ Mit seiner Frau, einer gebürtigen Nürnbergerin, lebt er in einer Wohnung in der Innenstadt. Farhad spielt in mehreren Bands, tritt als Solokünstler auf. Etwa beim Brechtfestival oder bei Modular. Mit Konstantin Wecker hat er musiziert, fährt auf Gigs bis nach Österreich. Musik ist sein Leben.

    Reich wird er davon nicht. Als Bedienung in einem Café verdient er Geld. Aber er lebt in Freiheit und Frieden. Das bedeutet ihm alles. Darum ist es für ihn selbstverständlich, dass er am Samstag auf dem Rathausplatz als Musiker auftritt, um ein Zeichen gegen die Politik der AfD zu setzen, die den Hass gegen Flüchtlinge schürt. „Ich bin glücklich, dass ich hier meinen Platz gefunden habe. Ich fühlte mich in Augsburg immer willkommen.“

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