Sie zählen mit, und sie stehen bei 27.900, das ist der Stand am Dienstagmittag – einer, der sich laufend ändert. Am Ende, wenn alles vorbei ist, werden die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes „Agentur EMV“ wohl über 30.000 Mal einen der 450 Kilogramm schweren Poller verschoben haben, um Platz für eine Straßenbahn der Linie 1 oder 2 zu machen, die über den Rathausplatz muss. Die Securityleute standen aufgrund ihres Jobs und des ungewöhnlichen Konzeptes, das sich die Stadt zum Schutz des Christkindlesmarktes überlegt hatte, ungeahnt im Fokus enormer Aufmerksamkeit. Medien in Spanien, Österreich und auch die New York Times berichteten. Wer dieser Tage mit Matthias Hemmerle spricht, dem Chef der zuständigen Sicherheitsfirma, der merkt schnell: Es reicht ihm und seinen Mitarbeitern so langsam.
Die Poller, das ist die Idee, sollen den Christkindlesmarkt im Zweifelsfall vor einem Anschlag mit einem Auto oder Lastwagen bewahren. In den vergangenen Jahren hatte es Betonsperren entlang des Markts gegeben, 2025 wurde während der Marktzeiten erstmals der Bereich vor dem Rathaus komplett gesperrt, nur Straßenbahnen und Einsatzfahrzeuge durften hindurch. Die Umsetzung war allerdings mit Aufwand verbunden: Jedes Mal, wenn eine Tram kam, musste ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes am Perlachberg und am Moritzplatz einen der Poller mithilfe eines Handwagens anheben und zur Seite fahren, was beim 7,5-Minuten-Takt faktisch bedeutet: gut einmal die Minute.
Ständiges Pollergeschiebe also, ein ungewohnter Anblick. Auf Anfrage hatte die Stadt die Lösung im Sicherheitskonzept mehrfach verteidigt. Ordnungsreferent Frank Pintsch (CSU) sagte etwa, er verstehe, wenn sich Passanten erst einmal wunderten. Das Konzept stelle aber Sicherheit und Nahverkehr sicher und greife gleichzeitig weniger in die Atmosphäre ein als Betonquader.
Bei vielen Besuchern des Christkindlesmarktes und im Internet fruchteten derlei Argumente indes nur bedingt. Verschiedene Zusammenschnitte des Poller-Gehieves wurden teils millionenfach geklickt, die mediale Berichterstattung war nicht immer freundlich, die Kommentare in den sozialen Netzwerken waren es mitunter noch viel weniger. „Poller-Irrsinn“ titelte die Satire-Sendung „Extra3“, RTL sprach vom „Poller-Wahnsinn am Augsburger Weihnachtsmarkt“. Jeder kam, sah und filmte.
Sicherheitskonzept am Christlkindlesmarkt in Augsburg erregt bundesweit Aufmerksamkeit
Für Matthias Hemmerle und seine Mitarbeiter war das oft unangenehm. „Die letzten Wochen waren ein bisschen anstrengend“, so formuliert er es. Er habe noch nie so viele Sicherheitsexperten erlebt wie jetzt am Rathausplatz; „jeder weiß es besser“. Er und seine Mitarbeiter hätten „viel schlucken müssen“, sie hätten „viel überhört“. Man sei zuweilen beschimpft und beleidigt worden, habe auf Durchzug schalten müssen, um überhaupt arbeiten zu können. Es habe auch freundliche Worte gegeben, sagt Hemmerle, und Unterstützung. Viele Leute hätten aber auch im Vorbeigehen von „Steuerverschwendung“ oder dergleichen geraunt. Dabei stammt das Konzept für den Schutz des Weihnachtsmarktes nicht von Agentur EMV – die Sicherheitsfirma setzt es nur um.
Es gibt dankbarere Jobs; die Temperaturen winterlich, die Arbeit körperlich anstrengend trotz der Hubwagen. An und an bleibt jemand stehen, zückt ein Handy, filmt oder fotografiert es, wenn eine Straßenbahn kommt und ein Poller hin und her gewuchtet wird, schüttelt demonstrativ den Kopf. So ist es selbst an diesem Dienstag noch, dabei ist der Markt fast vorbei. Für den Christkindlesmarkt waren die Poller und die Aufmerksamkeit, die sie mit sich brachten, nach Auskunft einiger Standbetreiber sogar ein erfolgreicher Werbeeffekt. Der Umsatz stimmte offenbar bei den meisten Händlern.
Poller am Christkindlesmarkt: Wiederholt sich nächstes Jahr der Einsatz?
Wer weiß, ob sich all das nicht im kommenden Jahr wiederholt: Noch hat die Stadt keine Entscheidung darüber getroffen, wie das Sicherheitskonzept für 2026 aussehen könnte, ob man die „Poller-Posse“ noch einmal haben will – und damit auch, das müsste man in dem Fall berücksichtigen, Securityleute enormer Aufmerksamkeit aussetzt. Matthias Hemmerle sagt, er habe seinen Leuten irgendwann geraten, nicht mehr mit den Medien zu sprechen. Wenn einer versehentlich einen blöden Satz sagt, den man verdrehen oder missverstehen kann, dann sollte er das sein, der Chef.
Am Mittwochnachmittag ist es ja auch ohnehin vorbei. Um 14 Uhr endet der Weihnachtsmarkt, wenig später packen auch die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma ihre Sachen. Und dann, sagt Matthias Hemmerle, „sind wir ganz schnell weg“.
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