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Opfer von Gewalt in Straßenbahn elf Jahre alt: Fehlt es in Augsburg an Zivilcourage?

Augsburg

Elfjährige in Tram verprügelt, niemand greift ein: Fehlt es in Augsburg an Zivilcourage?

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    In Augsburger Straßenbahnen kam es zuletzt zu zwei Gewalttaten, bei denen umstehende Fahrgäste nicht eingriffen.
    In Augsburger Straßenbahnen kam es zuletzt zu zwei Gewalttaten, bei denen umstehende Fahrgäste nicht eingriffen. Foto: Sarah Schöniger (Symbolbild)

    Eine Gruppe Jugendlicher betritt eine Straßenbahn der Linie 1 Richtung Lechhausen. Was alltäglich klingt, wird am Dienstagnachmittag vergangener Woche zum Beginn einer verstörenden Straftat. Denn die fünf bis sechs Jugendlichen – so wird es die Polizei kurz danach mitteilen – gehen auf zwei elfjährige Fahrgäste los. Erst provozieren sie die beiden, dann folgen Schläge und Tritte. Die beiden Elfjährigen erleiden leichte Verletzungen, sie steigen an der Haltestelle Ulrichsbrücke fluchtartig aus und rennen davon. Niemand in der gut besetzten Straßenbahn ist ihnen zu Hilfe gekommen. Es ist ein Vorfall, der Fragen aufwirft – zu Sicherheit im Nahverkehr, aber auch zu Zivilcourage.

    Im Augsburger Nahverkehr sind schwerwiegende Delikte wie Gewalttaten selten. Doch es gibt sie – etwa einmal pro Woche. Wie die Polizei auf Anfrage mitteilt, registrierte sie 2025 insgesamt 49 Gewalttaten, die sich im ÖPNV im Stadtgebiet abspielten. Im Vorjahr waren es exakt genauso viele. Davor hatte sich die Zahl entsprechender Delikte auf etwas niedrigerem Niveau bewegt (39 im Jahr 2023). Grundsätzlich, so ein Polizeisprecher, lasse die Entwicklung der Gewaltkriminalität im ÖPNV aber „keine Auffälligkeiten erkennen“.

    Polizei ermittelt nach Attacke von Jugendlichen auf Elfjährige

    Im Fall von vergangener Woche konnten nach Polizeiangaben bisher keine Tatverdächtigen ermittelt werden. Wie die beiden Elfjährigen geschildert hätten, seien sie unvermittelt angegangen worden, ohne vorherige Auseinandersetzung. Einer Beschreibung zufolge waren die Jugendlichen 15 bis 16 Jahre alt. Die Ermittlungen wegen Körperverletzung laufen.

    Womöglich ergeben sich noch neue Erkenntnisse durch die Auswertung von Bildmaterial. In Linienbussen und Straßenbahnen sind Videokameras angebracht, die mitlaufen sollten. „Die Aufzeichnungen können bei dem Verdacht auf eine Straftat oder bei einer Anzeige von der Polizei ausgewertet werden“, bestätigt ein Sprecher der Stadtwerke (swa). Das Fahrpersonal habe diese Aufnahmen nicht live im Blick. Es müsse sich „auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren und könnte gar nicht gleichzeitig zig Kameras aus dem Fahrgastraum einer 40 Meter langen Straßenbahn im Auge haben. Wenn das Fahrpersonal Straftaten oder Belästigungen mitbekommt, greift es natürlich angemessen ein, ob mit direkter Ansprache oder Anfordern der Polizei.“

    Gewalttaten im ÖPNV deuten auf mangelnde Zivilcourage hin

    Dass Fahrgäste dazwischengehen, wenn etwas passiert, ist offenbar keine Selbstverständlichkeit. Zum aktuellen Fall auf der Linie 1 teilt ein Polizeisprecher mit, es sei „bedauerlich, dass keiner der anwesenden Fahrgäste in der offenbar gut besetzten Straßenbahn hier zumindest verbal eingegriffen oder den polizeilichen Notruf gewählt hat. Ein lautes Intervenieren und Ansprechen der Täter wäre wünschenswert gewesen – im Idealfall unter Einbindung anderer Fahrgäste, indem man diese direkt und laut anspricht.“ Zwar stehe Eigenschutz an erster Stelle. Das Absetzen eines Notrufs sei aber „das Mindeste“, was jeder mit einem Smartphone tun könne.

    Zivilcourage hätte sich auch eine 71-Jährige gewünscht, die kürzlich Opfer einer ähnlichen Tat im Nahverkehr wurde. Anfang März saß sie in einer Straßenbahn, die gerade am Königsplatz losfuhr, als eine Frau nebenan in eine psychische Ausnahmesituation geriet. Die Frau versuchte, ihr eine EC-Karte zu stehlen, schrie sie an, entriss ihr die Handtasche und schlug anschließend „wie besessen“ auf ihren Kopf ein, wie die 71-Jährige schildert. Sie erlitt eine Gehirnerschütterung und weitere Verletzungen am Kopf.

    Opfer von Tram-Delikt in Augsburg: „Niemand drehte sich um“

    Gegenüber der Täterin hege sie keinen Groll, sagt die 71-Jährige. Was sie aber bis heute verfolgt, ist die Ignoranz der anderen Fahrgäste. „Ich rief ein paar Mal laut um Hilfe, in der fast vollbesetzten Straßenbahn drehte sich aber niemand auch nur um. Nicht mal Leute in den Reihen vor mir“, schildert sie. Als irgendwann doch Fahrgäste eingriffen, hätten sie fälschlicherweise sie für die Täterin gehalten und nicht die Frau im Ausnahmezustand. Die „echte“ Täterin sei geflohen. Zwei Stationen nach Beginn des Vorfalls, am Roten Tor, habe sie schließlich den Tramfahrer überzeugen können, die Polizei zu alarmieren.

    Immer wieder, erzählt die 71-Jährige, erlebe sie „Flashbacks“ der Szene. „Die Frau schlägt auf mich ein, ich rufe laut um Hilfe und niemand dreht sich um“, erzählt sie. „Alle blicken gerade nach vorne und haben etwas merkwürdig gereckte Halswirbelsäulen. Wenn die Frau mich mit einem Messer attackiert hätte, wäre nichts anders gewesen.“ Das Verhalten der anderen Fahrgäste sei eine „traumatisierende Erfahrung“ gewesen.

    Wobei fehlende Zivilcourage kein ÖPNV-spezifisches Problem ist, wie der swa-Sprecher betont. Sie sei „ganz allgemein eine Einstellung, die überall und eben auch im ÖPNV zu beobachten ist.“ Mit Schülerprojekten versuche man, gezielt Zivilcourage zu fördern.

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