Robert (Name geändert) hat einen der besseren Plätze bekommen. An einem Durchgang unweit vom Rathausplatz, wo gerade für den Christkindlesmarkt aufgebaut wird, hat er sich dick eingemummelt auf ein Stück Karton gesetzt. Vor ihm steht ein abgegriffener Plastik-Becher, der noch oder wieder leer ist. Reden will er nicht viel darüber, wie es ihm geht, wie er in Obdachlosigkeit geraten ist. Auch um die anderen kümmere er sich normalerweise wenig, „ich mache da eher mein Ding“. Doch ihm sei in letzter Zeit schon etwas aufgefallen: dass es einigen von den anderen schlechter gehe. „Manche sind komplett weg – wie Zombies.“
Die Grenzen zwischen Obdachlosigkeit und Betteln sind teils hart, teils fließend. Die Zahl der Obdachlosen dürfte in Augsburg mindestens im niedrigen dreistelligen Bereich liegen. Bettlerinnen und Bettler werden in der Vorweihnachtszeit präsenter, grundsätzlich stellt die Stadt derzeit aber keine auffällige Häufung fest. Auch die Zahl der Personen, die in städtischen Einrichtungen für Obdachlose untergebracht sind, ist „vergleichbar mit den Vorjahren“, sagt Sozialreferent Martin Schenkelberg. Im städtischen Übergangswohnheim für Männer seien mehr als 20 von insgesamt knapp 100 Plätzen frei, die entsprechende Einrichtung für Frauen mit rund 30 Plätzen sei nahezu ausgelastet. Obdachlosenübergangswohnungen stünden „ausreichend zur Verfügung“.
Obdachlose, Bettler und Co: „Mehr Menschen mit multiplen Problemlagen“
Trotzdem hat sich etwas verändert. Einerseits geraten offenbar mehr Menschen in finanzielle Schieflage – und damit in die Nähe der Straße. So stellt etwa der Katholische Verband für soziale Dienste (SKM) in Augsburg fest, dass sein Angebot – von Beratungsstellen bis hin zur Wärmestube – zunehmend in Anspruch genommen wird. Gründe, sagt Verena Ryssel, Bereichsleiterin Wohnungsnotfallhilfe beim SKM, seien „unter anderem die gestiegenen Lebenshaltungskosten und Inflation.“ Einen generellen Anstieg an obdachlosen, bettelnden Personen sehe man zwar nicht. „Was sich aber im Bereich der Wohnungsnotfallhilfe beobachten lässt, ist, dass zunehmend mehr Menschen mit multiplen Problemlagen und teils starken psychischen Belastungen zu kämpfen haben.“
Auch die Johanniter stellen eine „Zunahme psychischer Erkrankungen in dieser Personengruppe“ fest. Woher diese Verschlechterung kommt, ist offenbar schwer zu beantworten. Wer sich unter Augsburger Fachleuten umhört, bekommt als mögliche Ursache härtere und diversere Drogen genannt, die im Umlauf seien, teils aber auch ein Geflecht aus Pandemie-Folgen, finanziellen Nöten und auch Kriegssorgen.
Manchmal verschlechtert sich der Zustand Einzelner so massiv, dass Rettungseinsätze erforderlich sind, zuletzt etwa auch am Rathausplatz. Die Betroffenen wirken teils stark benommen, manche sind nicht ansprechbar. Im Rettungsdienst nehme man das Aufkommen solcher Fälle „eher wellenartig wahr“, sagt Björn Flocken, Leiter Rettungsdienst beim BRK in Augsburg. Man habe schon immer mit Obdachlosen und Drogenabhängigen zu tun gehabt, wobei sich in der Drogenszene Veränderungen eingestellt hätten. So sei etwa Heroin dem Konsum anderer Substanzen „gewichen“. Bettler erlebe man eher „weniger als Einsatzgrund, eher in der Wahrnehmung. Auch hier gab es mal mehr und weniger.“ Vor 10 bis 15 Jahren sei die Klientel vergleichsweise konstant gewesen, inzwischen stelle man eine größere „Fluktuation“ fest.
Viele Bettler in Augsburg kommen aus Südosteuropa
Zahlreiche Bettler stammen aus Südosteuropa. Ein Mann, der auf eine Krücke gestützt und mit Becher durch die Innenstadt geht, sagt, er stamme aus Rumänien und habe dort Frau und Kind. Ein anderer, der in einer Gasse sitzt, ist nach eigener Auskunft kürzlich aus Ungarn gekommen. Mehr wollen die Männer nicht sagen, sie verweisen auf fehlende Deutschkenntnisse. Betteln ist grundsätzlich erlaubt, es kommt aber auf die Art an. Als verboten gilt etwa, wenn es organisiert oder unter Vortäuschen körperlicher Beeinträchtigungen betrieben wird. Nicht immer halten sich alle daran. Bei kleineren Vergehen greift das Ordnungsamt ein, dabei kann es etwa erbetteltes Geld einziehen.
Stehen schwerwiegendere Delikte im Raum, kommt die Polizei ins Spiel. Die Zahl der Straftaten, Ordnungswidrigkeiten oder Vorfälle, an denen Bettler beteiligt waren, ging in Augsburg zuletzt zurück. Nach Auskunft eines Sprechers lag sie 2022 noch im oberen, 2023 im mittleren zweistelligen Bereich. Im laufenden Jahr sei keine Zunahme erkennbar. Meist gehe es um den Anfangsverdacht der organisierten Bettelei, vereinzelt auch um Hausfriedensbruch, Streitigkeiten oder Eigentumsdelikte. Zudem seien Überprüfungen, Personalienfeststellungen oder Platzverweise inbegriffen. Nur jeder sechste Betroffene habe dabei die deutsche Staatsangehörigkeit.
Der Winter naht: SKM, Johanniter, Diakonie und Stadt helfen
Das Hilfsnetz für Menschen in prekären Situationen ist in Augsburg eng – und dürfte nun, da es Winter wird, zunehmend gefordert sein. Der SKM setzt etwa Streetworker und einen „Kältebus“ ein, die Stadt betreibt Unterkünfte, die Diakonie die Bahnhofsmission. Befinden sich Betroffene in einer hilflosen Lage, ist nach Auskunft von SKM-Mitarbeiterin Verena Ryssel wichtig, die Person „umgehend anzusprechen“. Reagiere sie nicht, solle man den Rettungsdienst informieren, weitere Passanten um Unterstützung bitten und Erste Hilfe leisten. Oft seien diese Tätigkeiten „mit Hemmungen verbunden“ – sie könnten aber Leben retten.
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