Herr Enninger, der Münchner Stadtrat hat das erweiterte Olympia-Konzept verabschiedet, mit der WWK-Arena für den Frauenfußball und mit dem Eiskanal als Bestandteile. Hätten sie das Projekt Olympia-Bewerbung gerne weitere sechs Jahre begleitet als Sport- und Kultur-Referent?
JÜRGEN ENNINGER: Natürlich. Ich hoffe, dass München im September den Zuschlag als deutscher Bewerber bekommt. Schon die Bewerbung stärkt Augsburg als Olympia-Stadt. Mit Eiskanal und WWK-Arena sind zwei zentrale Standorte eingebunden. Das zeigt, wie eng Sport, Kultur und Stadtidentität zusammenhängen.
Können Sie nachvollziehen, dass man in Augsburg Sport und Kultur getrennt hat? Es gibt jetzt das Referat für Soziales und Sport und das Referat für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Welterbe.
ENNINGER: Nein. Sport und Kultur verbindet sehr viel: Freiwilligkeit, Ehrenamt und die Energie von Menschen, die sich mit Leidenschaft für ihre Stadt engagieren. Genau deshalb hat dieser Zuschnitt aus meiner Sicht hervorragend funktioniert. Augsburg war damit sehr zukunftsweisend aufgestellt. Viele moderne Städte setzen bewusst auf diese Verbindung, weil sie gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt und Teilhabe schafft.
Aber Sport und Kultur gehören beide zu den freiwilligen Leistungen einer Stadt. Standen sich da nicht zwei Konkurrenten in einem Referat gegenüber?
ENNINGER: Im Gegenteil: Gemeinsam konnte man Sport und Kultur gegenüber dem Kämmerer deutlich stärker vertreten. Beide Bereiche gehören zu den wenigen Feldern, in denen Kommunen tatsächlich ihre Stadt gestalten können. Genau deshalb war die Verbindung so sinnvoll. Sport und Kultur sind keine Randthemen, sondern zentrale Faktoren für Lebensqualität, Stadtidentität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn man sie organisatorisch an große Pflichtaufgaben anhängt, besteht die Gefahr, dass ihr eigenständiger Gestaltungsanspruch verloren geht.
Was bedeutet das?
ENNINGER: Pflichtaufgaben muss eine Stadt erfüllen. Aber ihre Identität entsteht woanders: in Kultur, Sport und dem Engagement der Menschen. Augsburg lebt von Menschen, die sich in Vereinen, Initiativen und im Ehrenamt einbringen. Dort entstehen Zusammenhalt, Identifikation und am Ende die Identität dieser Stadt. Deshalb brauchen Sport und Kultur eine eigenständige, starke und wahrnehmbare Stimme. Verwaltet man nur Pflichtaufgaben, funktioniert eine Stadt; gestaltet man Sport und Kultur, bekommt sie ein Gesicht.
Sie haben um das Amt des Kultur-Referenten gekämpft, sind in einer Kampfabstimmung gegen Tatjana Dörfler angetreten. Ihr Kampfeseifer beim Sport gegen den 2. Bürgermeister Dirk Wurm war nicht so groß. Warum?
ENNINGER: Ich musste mich fokussieren. Außerdem waren die Voraussetzungen politisch sehr unterschiedlich. Bei einem Referat, das direkt einem Bürgermeister zugeordnet wird, sind die Einflussmöglichkeiten andere. Beim Bildungs- und Kulturreferat war es eine Wahlentscheidung auf Augenhöhe. Eine gewisse Nachdenklichkeit bleibt natürlich, wenn man sieht, wie viel Rückhalt und Vertrauen mir die Bürgerinnen und Bürger bei der Stadtratswahl entgegengebracht haben.
Warum haben Sie jetzt ein Eilverfahren gegen die Besetzung des Kultur- und Bildungsreferates eingeleitet?
ENNINGER: Zu einem laufenden Verfahren äußere ich mich grundsätzlich nicht.
Sie sind studierter Kulturwirt und Religionspädagoge, hatten vor ihrer Amtszeit hier in Augsburg keine großen Berührungspunkte mit der Stadt. Wie hat sich ihre Sichtweise, gerade auf den organisierten Sport, verändert?
ENNINGER: Mich hat dieses starke Zusammengehörigkeitsgefühl begeistert und die Selbstverständlichkeit, mit der man in den Vereinen aufgenommen wird. Gerade im organisierten Sport habe ich diese Nähe in Augsburg wieder neu gespürt. Dort entstehen Verantwortung, Vertrauen und echter gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Enninger: „Corona-Zeit war krass“
Was waren die prägenden Momente in diesen sechs Jahren als Sportreferent?
ENNINGER: Ich bin mitten in der Corona-Zeit nach Augsburg gekommen. Persönliche Begegnungen waren damals kaum möglich, und genau dieser direkte Kontakt hat am Anfang gefehlt. Gleichzeitig war schnell klar: Wir mussten die Vereine durch diese Zeit bringen. Das bedeutete vor allem Beratung und Orientierung. Oft kamen die neuen Regelungen am Sonntagabend, wir haben sie aus dem Juristendeutsch übersetzt und am Montag direkt digitale Schulungen angeboten. Das war eine krasse Zeit. Gleichzeitig hat sie gezeigt, wie viel Verantwortung und Zusammenhalt im Augsburger Sport steckt.
Dann kam die Kanu-WM 2022…
ENNINGER: Da war wieder dieses Gefühl da, dass die Welt so ist, wie sie sich gehört. Die Kanustrecke war saniert, wir hatten internationale Gäste in der Stadt und der Sport stand endlich wieder im Mittelpunkt. Nach dieser langen Corona-Zeit war das für Augsburg ein ganz besonderer Moment.
Gab es sonst noch ein Highlight?
ENNINGER: Für mich war das die Eröffnung des Sporttreffs in Oberhausen. Dort sieht man, was moderne Sportpolitik leisten kann: ein offener Ort im Stadtteil, vom Spielplatz bis zum Leistungssport. Solche Orte schaffen Begegnung, Bewegung und Zusammenhalt über Generationen hinweg. Und natürlich gehört auch die Fertigstellung der Surfwelle dazu. Dies zeigt, wie urban, offen und lebenswert sich Augsburg in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Gute Sportpolitik ist eben immer auch Stadtentwicklung.
Was war die größte Niederlage?
ENNINGER: Das war für mich das Thema Centurions und die Nutzung des Rosenaustadions. Da habe ich die Dynamik unterschätzt. Ich war immer der Überzeugung, dass man gegenüber den Einschätzungen der Verwaltung loyal sein muss, wenn klar kommuniziert wird: Es geht nicht. Rückblickend habe ich daraus gelernt, politische Dynamiken früher mitzudenken.
War das frühe Nein zu einer Bewerbung Augsburgs für die Frauen-EM 2029 auch ein Fehler?
ENNINGER: Das war keine Entscheidung meines Referats.
Der Augsburger Sport steht auf den Säulen städtische Sportstätten, Vereine und freier Sport. Wie fällt ihre Bilanz nach sechs Jahren bei den Sportstätten aus?
ENNINGER: Wir haben in den vergangenen Jahren viel bewegt, vom Sporttreff in Oberhausen über die Surfwelle bis hin zur Zukunftssicherung des Eiskanals. Gleichzeitig haben wir die Vereine bei ihren eigenen Anlagen massiv zusätzlich unterstützt, z.B. bei energetischen Sanierungen, denn ohne dieses Engagement wäre der Augsburger Sport nicht denkbar. Klar ist aber auch: Der Investitionsbedarf bleibt hoch. Augsburg braucht langfristig eine weitere Bezirkssportanlage, und die bestehenden städtischen Anlagen müssen konsequent weiter saniert werden.
Die prominentesten Sanierungsfälle sind die Erhard-Wunderlich-Halle und das Rosenaustadion. Da muss viel Geld aufgewendet werden, um Sportstätten zu erhalten, die nicht mehr zeitgemäß sind.
ENNINGER: Über all dem steht das Thema Denkmalschutz. Die Erhard-Wunderlich-Halle oder auch das Rosenaustadion sind architektonisch und stadtgeschichtlich prägende Orte, gleichzeitig aber mit enormen Anforderungen verbunden. Das Fachreferat übernimmt hier große Verantwortung, ohne grundlegende Rahmenbedingungen selbst verändern zu können. Ich finde die Architektur der Erhard-Wunderlich-Halle bis heute beeindruckend, gleichzeitig ist natürlich klar, dass sie nicht den Standards einer modernen Sporthalle entspricht. Genau darin liegt die Herausforderung.
Was kann man damit machen?
ENNINGER: Man muss jetzt einen realistischen Bedarfsplan entwickeln und sehr genau schauen, wie diese Gebäude künftig genutzt werden können. Die Herausforderung besteht darin, Denkmalschutz, finanzielle Möglichkeiten und die Anforderungen eines modernen Sportbetriebs sinnvoll zusammenzubringen.
Ähnlich wird es wohl auch am Rosenstadion sein.
ENNINGER: Das Rosenaustadion ist ein echtes Juwel unserer Sportgeschichte. Gleichzeitig werden dort wahrscheinlich eher behutsame Weiterentwicklungen als große Modernisierungsschritte möglich sein. Umso mehr möchte ich mich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Sport- und Bäderamts bedanken. Mit ihrer Kompetenz, Kreativität und enormen Einsatzbereitschaft halten sie unsere städtischen Sportanlagen seit Jahren am Laufen.
Spickelbad: „Ich hoffe, das Gesamtpaket wird nicht wieder aufgeschnürt“
Stichwort Bäder. Es sieht ja jetzt danach aus, dass das neue Spickelbad jetzt endlich kommt.
ENNINGER: Wir haben unter umfassender Einbeziehung der Bevölkerung einen tragfähigen Beschluss für das neue Spickelbad erreicht. Deshalb kann ich nur hoffen, dass dieses Gesamtpaket nicht wieder aufgeschnürt wird. Denn jede neue Grundsatzdiskussion kostet Zeit, Geld und am Ende vor allem Vertrauen. Gleichzeitig wissen wir alle, wie dringend der Handlungsbedarf ist, gerade mit Blick auf das Haunstetter Hallenbad. Deshalb muss jetzt endlich umgesetzt werden. Wenn wir dieses Gesamtpaket jetzt wieder aufschnüren würden, wäre das aus meiner Sicht ein schwerer politischer Fehler.
Wie ist ihr Fazit nach sechs Jahren Arbeit mit dem Vereinssport?
ENNINGER: Der Austausch mit den Vereinen vor Ort war intensiv und für mich unglaublich wertvoll, gerade bei den Sportstammtischen. Dort bekommt man direkt mit, was die Menschen bewegt. Mir war immer wichtig, nahbar zu sein und den Vereinen das Gefühl zu geben, dass ihre Anliegen ernst genommen werden und sie tatsächlich etwas bewegen können. Sportpolitik heißt für mich nicht nur Hallen und Zuschüsse, sondern Menschen zusammenzubringen. Ich glaube, das ist uns gelungen. Gleichzeitig sehe ich beim Sportbeirat Reformbedarf. Dort sollte aus meiner Sicht die Vielfalt des Augsburger Sports noch breiter abgebildet werden.
Sie hatten jetzt unter den Vereinsfunktionären nicht den Ruf des Anpackers als Sportreferent.
ENNINGER: Das halte ich ehrlich gesagt für einen Mythos. Lösungen entstehen in der Kommunalpolitik nicht durch große Auftritte, sondern in vielen Gesprächen, Abstimmungen und Detailarbeiten im Hintergrund. 90 Prozent davon sieht man nicht. Man kann sich natürlich auf den Rathausplatz stellen und große Ankündigungen machen, aber davon hat am Ende kein Verein etwas. Mit verlässlicher Arbeit im Hintergrund erreicht man deutlich mehr. Dieses plakative Verständnis von „Anpacken“ war nie mein Politikstil.
Ein großes Anliegen war Ihnen der freie Sport.
ENNINGER: Freie Sportinitiativen haben in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Mir war immer wichtig, diese Energie ernst zu nehmen und gleichzeitig Brücken zu den Vereinen zu bauen. Denn dort gibt es langfristige Strukturen und Förderung. Augsburg ist aus meiner Sicht immer dann besonders stark, wenn freier Sport und Vereinsleben voneinander profitiert haben.
Ein Projekt ist „Mädchen an den Ball“. Es verwundert, dass es von einer Agentur aus München angeboten wird. Warum?
ENNINGER: Weil das dort professionell und verlässlich umgesetzt wird. Mädchen brauchen einen niedrigschwelligen Zugang zum Fußball. Gleichzeitig war mein Ziel immer, daraus langfristig stärkere lokale Strukturen entstehen zu lassen. Deshalb begrüße ich sehr, dass sich auf unsere Initiative hin inzwischen eine Interessengemeinschaft Frauenfußball gegründet hat. Ich hoffe, dass daraus künftig noch mehr eigene Angebote aus Augsburg heraus entstehen.
Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen?
ENNINGER: Einiges. Aber meine Grundhaltung hätte ich nicht verändert. Mir war immer wichtig, ansprechbar zu sein, das Wissen unseres Sport- und Bäderamts in die Vereine zu transferieren, niederschwellige Angebote zu schaffen und Sport als Auftrag zur Stadtgestaltung zu verstehen. Vereine brauchen einen verlässlichen Partner. Gerade dieser direkte Austausch mit den Menschen vor Ort war für mich der richtige Weg.
Was machen Sie jetzt persönlich?
ENNINGER: Ich führe aktuell viele spannende Gespräche und habe mehrere interessante berufliche Optionen. Nach intensiven Jahren in Augsburg nehme ich mir jetzt bewusst etwas Zeit, um eine gute Entscheidung zu treffen. Gleichzeitig freue ich mich darauf, wieder etwas mehr Freiraum für Familie, Freunde und neue Ideen zu haben.
Bleiben Sie in Augsburg?
ENNINGER: Augsburg ist für mich in den vergangenen Jahren sehr stark zu einer Heimat geworden. Gleichzeitig hängt natürlich auch vieles davon ab, wie sich die nächsten beruflichen Schritte entwickeln.
Was werden Sie vom Sport am meisten vermissen?
ENNINGER: Die Klarheit: Beim Sport heißt es: Erstens, Zweitens, Drittens und wo ist das Bier. In der Kultur heißt es: Erstens, Zweitens, Drittens und könnten wir dann noch einmal über Erstens, Zweitens, Drittens reden und wo ist der Wein. (lacht). Im Ernst: am meisten wird mir das Zugehörigkeitsgefühl fehlen, dieses Miteinander, die Leidenschaft. Ich bin an der Grenze zwischen Nieder- und Oberbayern mit Sportschießen und Kegeln aufgewachsen. Und plötzlich war in Augsburg das Gefühl wieder da, es ist wie Dahoam.
Jürgen Korbinian Enninger war von Oktober 2020 bis Mai 2026 berufsmäßiger Stadtrat und Referent für Kultur, Welterbe und Sport der Stadt Augsburg. Der studierte Religionspädagoge (Universität Eichstätt) und Diplom-Kulturwirt leitete vor seinem Wechsel nach Augsburg sechs Jahre lang das referatsübergreifende Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München. Der 54-jährige gebürtige Niederbayer lebt mit seinem Mann mitten in Augsburg.
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