Das Touristenpaar aus Berlin ist mehr als irritiert. „Das soll eine stabile Welle sein?“, fragt der Mann, der selbst schon mal in Dänemark Wellenreiten war, und schaut auf das flache, weiße Schäumchen. Nein, es ist keine stabile Welle. Die Berliner Urlaubsgäste haben es noch nicht mitbekommen, doch schon seit mehr als einer Woche ist die berühmte Münchner Eisbachwelle abgeebbt. Nachdem Mitarbeitende der Stadt München das Bachbett gesäubert hatten, muss sich etwas an der Strömung verändert haben. Das jedenfalls ist gerade die gängigste Vermutung. Der Mann aus Berlin kann die Enttäuschung der Surfgemeinschaft nachfühlen: „Es ist schon toll, wenn die Welle schiebt.“
Seit Tagen bemüht man sich um neuen Schub: Das Baureferat erhöhte den Wasserpegel, tüftelte an den Zuflüssen, Fachleute aus Hamburg reisten mit einem Spezialbötchen zur Strömungsmessung an. Jetzt müssen dem Baureferat zufolge . Übers Wochenende finden keine neuen Maßnahmen statt. Dabei ist der Stadtspitze sehr daran gelegen, dass die Welle zurückkehrt. Sie weiß, wie wichtig sie fürs Münchner Lebensgefühl ist. Was wäre, wenn sie nie wieder...? Den Gedanken lässt noch niemand zu.
„Immer, wenn ich im Urlaub bin, werde ich auf das River Surfing angesprochen. Nur beim Oktoberfest bekomme ich mehr internationale Presseanfragen.“
Dieter Reiter, SPD-Oberbürgermeister
„München ohne die Welle? Das wäre wie München ohne Oktoberfest!“ sagt einer, der sich hier auskennt. Matthias heißt er, steht hinter der Theke im nahen Kiosk „Fräulein Grüneis“ und schraubt an der Siebträgermaschine. Sein Thekenkollege Daniel ergänzt: „Die Welle gehört zum Flair von München.“ Und der Kiosk gleich nebenan damit auch. „Hier kommen sonst klitschnasse Leute in ihren Neoprenanzügen rein, im Sommer sitzen die Gäste in Bikini und Badehose bei uns.“ Und jetzt: Leere. Keine Surfer, keine Schaulustigen, die sich einen Kaffee zum Aufwärmen holen.
Dass der Vergleich mit der Wiesn schon legitim ist, zeigt eine Anfrage bei Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter: „Immer, wenn ich im Urlaub bin – ob in Irland, Österreich oder Griechenland – werde ich auf das River Surfing angesprochen. Nur beim Oktoberfest bekomme ich mehr internationale Presseanfragen“, sagt der SPD-Politiker. „Die Eisbachwelle ist definitiv eines der bekanntesten Münchner Wahrzeichen. Deshalb tun wir alles, damit sie bald wieder läuft.“
Für Nicht-Münchner ist schwer zu verstehen, wie eine Welle einer Stadt so viel bedeuten kann. Es ist nicht der Sport allein. Es sind die Menschen aus aller Welt, die sich auf einer kleinen Brücke und am Ufer drängen, fasziniert die Surfer beobachten, die für ein paar Sekunden zu Stars auf der Welle werden. Es ist der Anblick der Sportlerinnen und Sportler, die selbst im Schnee durch die Stadt zur Welle radeln, das Brett unterm Arm oder mit einer selbstgebauten Spezialvorrichtung am Fahrrad befestigt. Und es ist die Nostalgie, mit der am Freitag auch Kiosk-Mitarbeiterin Joi erzählt: „Die Welle gibt es seit über 40 Jahren. Schon mein Vater ist darauf gesurft.“ Die Stadt müsse so lange weiterforschen, bis die Welle wieder da ist. „Sonst würden die Münchner einen Aufstand machen“, sagt sie und lacht. Unwahrscheinlich ist das nicht. Wie viel ohne die Welle fehlt, hat man im Frühsommer gesehen, als nach dem Tod einer verunglückten Surferin der Eisbach wochenlang gesperrt war.
Für den Tourismus ist die Eisbachwelle ein wichtiger Faktor
Doch nicht nur das ganz spezielle München-Gefühl steht und fällt mit der Welle, auch touristisch ist sie ein Faktor. Die Stadt selbst listet sie als „Top-Sehenswürdigkeit“ auf ihrer Homepage auf, preist sie als „perfekten Spot“ für Instagram-Schnappschüsse. Und dass Instagrammer durchaus für ein einziges Bild irgendwo hinpilgern, zeigt sich nicht nur auf überfüllten Berggipfeln in den Alpen.
Oberbayern ist im Freistaat das beliebteste Reiseziel, ganz besonders München mit Frauenkirche, Viktualienmarkt, Residenz und eben der Eisbachwelle. Allein im ersten Halbjahr 2025 kamen 4,14 Millionen Urlaubsgäste und bescherten der Stadt 8,79 Millionen Übernachtungen. „Die Welle steht in jedem Reiseführer!“, bestätigt eine Spaziergängerin, die am Freitag an der verwaisten Surfstelle Halt macht. Ihre Begleiterin, die in der Nähe der Eisbachwelle wohnt, erzählt, dass sie mit ihren eigenen Gästen eigentlich immer an der Welle vorbeigeht. „Die Welle ist – oder war –, ein Faszinosum. Ich bin jedes Mal stehen geblieben und habe gerne zugeschaut. Immer hat man hier Surfer gesehen, egal um welche Zeit.“
Glaubt man Hydrologen und Ingenieurinnen, ist es noch zu früh, um sich an eine Stadt ohne Eisbachwelle zu gewöhnen. Momentan dominiert die Zuversicht, dass das Faszinosum wiederhergestellt werden kann.
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