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100 Jahre VHS
13.02.2019

Wie die Volkshochschule das Leben eines Memmingers prägte

Michael Trieb war schon als kleiner Junge bei der VHS aktiv.
Foto: Michael Trieb

Die Volkshochschulen feiern 100. Geburtstag. Das Leben des Wahl-Memmingers Michael Trieb wäre ohne VHS womöglich ganz anders verlaufen. 

Herr Trieb, die deutschen Volkshochschulen werden 100 Jahre alt. Heute ist der Festakt in Frankfurt. Berührt Sie dieses Jubiläum?

Michael Trieb: Ich freue mich darüber, dass eine Institution, die die Demokratie trägt, so lange existieren kann. An den Volkshochschulen wird Weltoffenheit gelehrt und gelernt.

Sie selbst leiten seit fast 15 Jahren die Volkshochschule (VHS) in Memmingen. Wie haben Sie persönlich die VHS kennengelernt?

Trieb: Ich bin schon im Alter von sieben Jahren mit der VHS in Berührung gekommen. Mein Vater war ehrenamtlich Vorsitzender der Volkshochschulen im Landkreis Unterallgäu – ein Amt, bei dem früher die ganze Familie eingespannt war. Ich habe Flyer ausgetragen, um mein Taschengeld zu verbessern, habe Dias geschoben, Filme vorgeführt, war bei Jugendfreizeiten dabei. Später wurde ich selbst Referent und habe Firmenschulungen gegeben. Bis heute bin ich Mitglied in einer Theatergruppe, die sich an der VHS gegründet und dann verselbstständigt hat, „Die Gaukler“ in Buxheim. Man kann sagen: Die VHS hat mein Leben geprägt.

Sie hatten also in jeder Lebenslage und in jedem Alter mit der VHS zu tun?

Trieb: Ja, und genau das ist es, was die Volkshochschule ausmacht. Sie separiert nicht, sie bringt Menschen zusammen. In allen Altersgruppen, aus allen sozialen Schichten. Man trifft in den Kursen Gleichgesinnte und Leute, die anders denken, aber mit denen man sich genauso auseinandersetzen kann. Manche Kurse bestehen über Jahrzehnte, Freundschaften sind entstanden. Die Volkshochschule lehrt nicht nur, sie ist ein sozialer Treffpunkt – auch wenn manche Städte und Gemeinden das lange nicht erkannt haben.

Wie meinen Sie das?

Trieb: Man darf die VHS nicht auf ihre Kurse reduzieren. Die Teilnehmer wollen sich zusammensetzen, diskutieren. Man braucht einen Bereich, in dem man Kontakte knüpfen kann. Aber darauf sind die Räume, die manche Städte und Kommunen bereitstellen, nicht immer ausgerichtet. Das muss sich ändern.

In Bayern gibt es 200 Volkshochschulen, in Schwaben 25. Merkt man einer Stadtgesellschaft oder Dorfgemeinschaft an, wenn es eine VHS gibt?

Trieb: Ja, ich denke schon. Wenn es eine gute Volkshochschule mit tollen Räumen gibt, womöglich noch im Mittelpunkt der Stadt, dann ist das gelebte Bildungspolitik. Die Volkshochschulen bringen Leute zusammen, die sonst nie zusammenkämen. Man kann einfach hingehen und sich über die Kurse in die Gesellschaft integrieren. Ohne VHS wären Städte und Landkreise ärmer.

1946 eröffnete die VHS in Memmingen. In Ulm war Inge Aicher-Scholl (Mitte) die erste VHS-Leiterin. Sie ist die Schwester der Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl.
Foto: Archiv

Viele Volkshochschulen haben sich gegründet, nachdem der Staat 1919 begann, die Erwachsenenbildung zu fördern. Die Memminger VHS kam nach dem Zweiten Weltkrieg dazu. Welche Kurse gab es denn ganz am Anfang?

Trieb: Nach dem Krieg haben die Kurse Menschen beim alltäglichen Überleben geholfen. Man musste ja ganz neue Strukturen aufbauen. Die Leute haben gelernt, wie man aus Kisten neue Regale baut – Dinge, die sie im Alltag brauchen konnten. Sie lernten die Sprachen der Besatzungsmächte, Russisch, Französisch, Englisch. Die Alliierten haben schnell erkannt, dass die im Nationalsozialismus verbotenen Volkshochschulen ein perfektes Mittel waren, um die Gesellschaft wieder zu demokratisieren.

Und welche Kurse standen auf den Flyern, die Sie Anfang der siebziger Jahre als Kind verteilt haben?

Trieb: Der Sprachenbereich war weiter wichtig – und ist es bis heute. In den Siebzigern haben die Leute die Sprachen ihrer Partnerstädte gelernt. Man wollte Europa aufbauen. Gleichzeitig gab es auch damals schon Yogakurse. Ich mache Yoga, seit ich fünf Jahre alt bin. Meine Mutter ist heute 82. An der VHS Mindelheim und in Memmingen gibt sie bis heute Yoga-Kurse. Anfang der Achtziger kam die Discowelle auf – und plötzlich waren ganze Turnhallen belegt mit Menschen, die an der VHS Callanetics gemacht haben. Das ist ein Programm, bei dem durch wiederholte Bewegungen der Körper gestrafft werden soll.

Hatte es die VHS damals leichter als jetzt? Heute gibt es ja Fitnessstudios und reihenweise private Anbieter…

Trieb: Stimmt, die Privaten waren noch nicht da. Es gab die Vereine und die VHS. In den Achtzigern sind die Volkshochschulen besonders stark gewachsen – auch im kreativen Bereich. Man hat Strickkurse angeboten, Malkurse, in Mindelheim sogar Spinnräder angeschafft. Das hängt uns heute noch ein bisschen nach. Manche Politiker reduzieren uns auf solche Angebote.

Heute arbeiten Sie mit Universitäten zusammen, bieten Kurse zum perfekten Make-up an und erklären Senioren WhatsApp. Warum muss das Programm sich ständig verändern?

Trieb: Die Gesellschaft spielt uns die Themen zu, die wir anbieten müssen. Volkshochschulen helfen den Menschen, sich selbst zu entdecken, aber auch die Welt zu verstehen und sich sicher in der Gesellschaft zu bewegen. Die Herausforderungen heute sind natürlich andere als vor 70 oder 100 Jahren.

Gerade ist die Welt besonders schwer zu verstehen, Europa driftet auseinander, die Einstellung gegenüber Asylbewerbern treibt einen Keil zwischen die Menschen in Deutschland – besonders viel zu tun also für die VHS?

Trieb: Wer die Welt einfach erklärt, ist im Vorteil – vor allem heute, wo man sich den Durchblick hart erarbeiten muss. Der Rattenfänger von Hameln hat die Welt einfach erklärt. Heute gibt es viele Rattenfänger, gerade in der Politik. Wir wollen dem mit Wissen entgegentreten. Wenn jemand zur Verfassung stehen soll, muss er erst einmal wissen: Was ist die Verfassung? Und wir wollen Menschen zu einer eigenen Position bringen, die nicht abhängig ist von einer Ideologie, einer Religion oder einer Partei. Wir wollen ihnen zeigen, dass man selber denken darf.

Zur Person Michael Trieb, geboren 1964, leitet seit 2004 die VHS Memmingen. Bis zu 12000 Menschen besuchen jährlich die Kurse.

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