Günter Kirchner schenkte sie seiner Frau Gabi zum Hochzeitstag. Die Pinzgauer-Kuh "Mary". Sie weidet heute mit zwei anderen Artgenossen im Lichten Kiefernwald bei Lechbruck (Ostallgäu) – mit großem Erfolg. Stephan Günther, Gebietsbetreuer des Vereins Lebensraum Lechtal, ist begeistert. Die Magerrasen – Wald und Heide sind hier untrennbar verbunden – entwickeln sich prächtig. Der Frauenschuh profitiert, die Türkenbundlilie hat ihren Bestand erweitert wie viele andere Arten auch.
Gabi und Günter Kirchner sind keine Landwirte, haben vielmehr ein Geschäft in Lechbruck. Aber ihnen macht die Landschaftspflege mit den Tieren Spaß. Jeden Tag schauen sie nach ihren Pinzgauern. Wenn diese das Auto hören, kommen sie zum Zaun. Unweit entfernt weiden die Ziegen. Insgesamt haben sie 25 Stück und 30 Schafe.
Das Bodenrelief spiegelt den alten Flusslauf wider
Das Bodenrelief auf den Heiden spiegelt den Verlauf des Lechs in früheren Zeiten wider. Er hat es modelliert. Man sieht, wo Altwässerrinnen und Gräben verliefen. Bis in den 60er Jahren, bevor der Forggensee bei Füssen gebaut wurde, trat der Fluss hier regelmäßig über die Ufer. Der Wald stand immer wieder unter Wasser. Es wurden Kies und Schotter angeschwemmt. Das Hochwasser sorgte dafür, dass die Flächen nicht zuwucherten, die seltenen Pflanzen nicht verdrängt wurden. Außerdem holten die Leute dort die Streu für den Stall.
Auf die Idee, die wertvollen Flächen zu beweiden, brachte die Kirchners der Rentner Wilfried Götz, seit vielen Jahren ein engagierter Naturschützer. Er machte sich Sorgen um die Zukunft dieses bedeutenden Lebensraums. "Bitte, macht es zusammen mit mir", bat er und ließ nicht locker. Schließlich stimmten die Kirchners "nach einigen schlaflosen Nächten" zu.
Im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts "Lebensraum Lechtal" von 1998 bis 2005 waren die Flächen am Lech ausgeholzt worden. "Dann ist nichts mehr passiert", beklagt Götz. "Es hat schlimm ausgeschaut." Die Magerrasen waren wieder verbuscht, das Gras ließ keine Blumen mehr aufkommen. Kirchners versuchten es zunächst mit Schafen und Haflingern als Landschaftspfleger. Doch es zeigte sich bald, dass dies keine gute Lösung war. Dann kamen die Pinzgauer zum Einsatz, die früher von den Bauern vor den Pflug gespannt wurden. Heute halten nur noch Liebhaber diese selten gewordene Rinderrasse, weil sie weniger Milch produziert. Insofern ist die Beweidung mit den Tieren Artenschutz im doppelten Sinn.
Die Familie bekommt für die Beweidung eine staatliche Förderung über das bayerische Vertragsnaturschutzprogramm. "Wir machen kein Geschäft", sagt Gabi Kirchner. Es würden gerade mal die Unkosten gedeckt. Der Winter im Allgäu ist lang. Von November bis Ende Mai stehen die Pinzgauer im Stall und müssen gefüttert werden. Allein das Heu kostet über 2000 Euro und es wird immer teurer. Wegen des Booms der Biogasanlagen gebe es fast kein Stroh mehr zu kaufen.
Botaniker sollen den Erfolg dokumentieren
Für Günter Kirchner ist die Landschaftspflege keine Arbeit. Es ist Idealismus. Deshalb hat das Ehepaar den Vertrag mit dem Amt für Landwirtschaft und Forsten um weitere fünf Jahre verlängert. Gebietsbetreuer Günther ist froh, dass es Leute wie die Kirchners gibt. "Gute Ideen und Pläne allein helfen dem Naturschutz nicht – es braucht auch tatkräftige Helfer für die Umsetzung der Maßnahmen." Er möchte im Übrigen erfahrene Botaniker auf die Fläche schicken, damit sie die Pflanzen kartieren und den Erfolg der Beweidung dokumentieren.
Gabi und Günter Kirchner haben schon ein neues Projekt im Blick. Vom Altenheim in Lechbruck wurden die beiden gefragt, ob sie nicht ein paar Schafe in den Garten stellen würden, um den Senioren eine Freude zu machen. "Natürlich", haben sie gesagt. Der Zaun für den Pferch ist schon gekauft.