Sein Leben ist dargestellt auf einem Bootssteg. Nahezu 70 Jahre, verteilt in Stationen auf 25 Metern Holzplanken.
Gerhard Polt selbst sinniert in einem gut zwölfminütigen Film über seine eigentliche Berufung: Bootsverleiher („Mein ganzes Leben war ein Bootsverleih-Studium“). Bayerns größter lebender Kabarettist sitzt dabei mitten im Winter vor einem Bootshaus und begründet in seiner unnachahmlichen Weise die Liebe zu seiner, wie er sagt „radikalen Gegenwelt“, in der das Thema Zeit keine Rolle spielt. Eine Welt, in der er dem Eis beim Zufrieren zuschaut. „Ich kenn’ kaum was, was den Menschen mehr erregen kann.“ Den Bootsverleiher erleichtert es seelisch, wenn er Rudernde mit einem festen Tritt auf den See hinaus schubsen kann. Viele Menschen, erzählt Polt, „rudern falsch – gegen den Strom ...“.
Auch bei der Eröffnung der biografischen Ausstellung im Münchner Literaturhaus anlässlich seines anstehenden runden Geburtstages wirkt der gebürtige Münchner schlagfertig wie immer. Aber er, der auf der Bühne so krachledern-hintersinnig daherreden kann, ist privat scheu. Interviews lehnt er zurzeit ab: „Tschuldigen’S, ich muaß rauf in den dritten Stock“, sagt er und lässt alle, die ihn gerne mehr gefragt hätten, hinter sich zurück. Immerhin, bei der Pressekonferenz stellt er später gut gelaunt die multimediale Schau „Braucht’s des?!“ vor, die ihn „und sein unvollständiges Werk“ präsentiert.
Es soll kein Nachruf sein, eher eine Art Vorlass. Polt sagt: „Besser eine Ausstellung, als wenn man ausg’stopft wird.“ Davor hat der Kabarettist Angst. An den Tod denkt er (noch) nicht. Zumal sein Arzt ihm versprochen habe, er würde den heutigen Tag überleben, witzelt er geistreich und mit abgründigem Humor – Polt will irritieren, die Menschen zum Nachdenken zwingen. Per Videobotschaften führt er auch persönlich durch die Ausstellung. Die meisten der Filmdokumente wurden von ihm zusammen mit der TV-Journalistin und Kuratorin Sandra Wiest bei Polt daheim am Schliersee neu aufgenommen. Darunter sind auch Klassiker wie der „Schwedische Kaffee“.
Geht der Besucher am Bootssteg entlang, so wird er durch die fiktive und echte Biografie Polts geleitet. Die Stationen heißen „Schwabing“, „I sag’ nix“ oder „Identität“. Das Leben ist nicht vollständig und nicht immer chronologisch aufbereitet. Die Schau sei „unter ständiger Einmischung“ Polts entstanden, steht in der Pressemitteilung. Das spürt man – an der Liebe zum Detail.
Zeit zum Anschauen sollte man in jedem Fall mitbringen. Obwohl der Ausstellungsraum übersichtlich ist, kann man gut und gerne mehrere Stunden darin verbringen, ohne sich zu langweilen. Um ein Gefühl für die Schau zu bekommen, lesen Sie hier den von Polt selbst verfassten eigenen Lebenslauf: „Ich wurde am 7. Mai 1942 geboren, und zwar in München. Nach einiger Zeit unsteten Verweilens, unter anderem in meiner Kindheit, beschloss ich dann doch, den Beruf des angewandten Komikers zu übernehmen. Diesen Beruf übe ich heute noch aus.“
Diese subtile Form des Humors begleitet einen beim Gang rund um den Steg. Die Schau sei eine Begegnung mit dem Übersetzer, Lehrer, Autor, Kabarettisten, Schauspieler und Philosophen, heißt es in der Ankündigung. Das ist wahr. Die Frage: „Braucht’s des?!“ erübrigt sich. Sie ist eher rhetorisch gemeint.