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Ausgangsbeschränkungen

22.03.2020

Bayern bleibt zu Hause: Gespenstische Stille über dem Freistaat

Am Hopfensee ist die Mahnung nicht nötig – kein Mensch ist dort.
Bild: Martina Diemand

Plus Corona-Stille liegt über dem Freistaat. Wie die Menschen die ersten Tage der Ausgangsbeschränkungen erleben. Und was Metzgereien und Friedhöfe gemeinsam haben.

Jetzt hilft nur noch Beten. Sagt man oft so. Aber Silvia Hammerschmidt ist überzeugt davon. Und deshalb lässt sie sich das Beten auch nicht nehmen. Nicht von Sturm, nicht von Schnee, nicht vom Coronavirus, das die Menschen in ihre Wohnungen und Häuser zwingt.

Bayern macht dicht, fährt herunter, wird still. Auch weil es muss. Um die Pandemie und ihre Folgen in den Griff zu bekommen. Und weil Ministerpräsident Markus Söder weitgehende Ausgangsbeschränkungen verhängte. „Wir dürfen nicht zögern“, sagte er am Freitagmittag bei einer Pressekonferenz. Es gehe um Leben und Tod. Innenminister Joachim Herrmann kündigte an, die Polizei werde kontrollieren und jedem drohe ein Bußgeld, der sich nicht an die neuen Regeln halte. Sie traten am Samstag, 0 Uhr, in Kraft. Für 14 lange Tage. Wer Wohnung oder Haus verlässt, braucht triftige Gründe. Spaziergänge bleiben vorerst erlaubt. Aber nur alleine oder mit der Familie.

Bayern bleibt zu Hause: Gespenstische Stille über dem Freistaat

Silvia Hammerschmidt kommt seit 45 Jahren an den Wallfahrtsort Maria Vesperbild im Kreis Günzburg, alle acht Tage ungefähr. Sonst ist sie eine von 400.000 Gläubigen, die sich im Laufe eines Jahres zu Füßen der Schmerzhaften Muttergottes begeben. Am Sonntag muss man fünf Nullen wegnehmen. Sie ist eine von vieren. „Wir beten, dass die Krise schnell rumgeht“, sagt die Augsburgerin. Sie denkt vor allem an die Menschen in Italien, wo das Coronavirus zuletzt an einem Tag 800 Menschen das Leben kostete.

Bayern erlebt das erste Wochenende, an dem die Bewegungsfreiheit seiner Bürger empfindlich eingeschränkt wurde. Es ist eine Maßnahme, wie es sie noch nie gab.

Und sie wirft Fragen auf, die man sich zum ersten Mal stellt: Ist Pilgern in diesen Zeiten erlaubt? Ist das nur eine besondere Form des Spazierengehens? Denn so konkret wird die „Allgemeinverfügung“ nicht. Silvia Hammerschmidt weiß nur, und das sagt sie eben auch mit aller Entschiedenheit: „Das Beten lasse ich mir nicht nehmen.“

Jetzt hilft nur noch beten - zum Beispiel in Maria Vesperbild

Seit Jahren ist sie krank. Der Gedanke, dass sie auf unbestimmte Zeit ihre Enkel nicht sehen kann, treibt ihr Tränen in die Augen. In der verlassenen Mariengrotte im stillen Wald von Maria Vesperbild klingt ihre Stimme lauter, als sie ist. „Ich hoffe, aus der Krise kommt irgendwas Gutes raus. Was bin ich? Was besitze ich? Vielleicht merken die Leute, dass es nicht immer nur darum geht“, sagt sie und geht ihrem Mann hinterher zu den vielen Kerzen und Votivbildern.

Das erste Wochenende mit Ausgangsbeschränkungen: Am Wallfahrtsort Maria Vesperbild haben Gläubige Kerzen aufgestellt, um den Beistand der Gottesmutter zu erbitten.
Bild: Marcus Merk


Der Wallfahrtsort ist abgelegen, auf den Landstraßen begegnet man keiner Menschenseele. Doch, im Gegenlicht: ein Autofahrer, mit Mundschutz am Steuer. Ein Anblick, an den man sich erst gewöhnen muss. Der Weg des Mannes führt in Richtung Augsburg, in die Stadt, in der Friedhöfe und Metzgereien gerade mehr gemeinsam haben als sonst: Exakt das gleiche Schild hängt am Eingang der Metzgerei Happacher im Augsburger Stadtteil Spickel und an der Aussegnungshalle des Neuen Ostfriedhofs wenige Kilometer weiter. Es kommt sozusagen direkt aus dem Rathaus: „Augsburg, schütz dich und andere“ steht darauf, verbunden mit der Aufforderung: „Abstand halten“.

Doch während auf dem Friedhof kein einziger Lebender zu sehen ist, brummt das Geschäft in der Traditionsmetzgerei Happacher und Sohn. „Es läuft sehr gut“, sagt Seniorchef Peter Happacher am Samstag. Trotzdem plant auch er nur von Tag zu Tag. In seinem Laden treffen sich die einzelnen Menschen von draußen.

Für eine Sekunde schwappen sie am Eingang zusammen, um dann sofort wieder auf Abstand zu gehen. „Die Leute halten die Regeln ein. Und sie kaufen mehr als sonst“, sagt der Chef – „besonders Konserven“. 1000 Dosen befüllen seine Metzger täglich. Einige davon kommen in den „Gourmat“ vor der Tür – einen Automaten mit Münzschlitz, an dem sich die Kunden bedienen können, rund um die Uhr. Vor ein paar Tagen waren die Happachers deswegen groß in den Medien, denn neben haltbarer Wurst und Dosen konnte man sich auch Klopapier aus dem Gourmat ziehen. Jetzt ist es nicht mehr im Sortiment. „Das war ein Spaß. Aber mittlerweile ist das alles nicht mehr lustig“, sagt Peter Happacher.

Nein, das Coronavirus und seine Folgen sind nicht lustig. Sie drücken aufs Gemüt. So wie eine Szene in Königsbrunn im Kreis Augsburg: An der riesigen Bushaltestelle „Zentrum“ steht einsam eine Frau. Nur ihr rosa Rucksack verhindert, dass sie zwischen den Metallstelen der Busstation gänzlich verschwindet.

Der Bushalt in Königsbrunn – fast menschenleer.
Bild: Marcus Merk


Gleich in der Nähe nutzt Edith Meier die Sonne am Sonntagnachmittag, um mit ihrem Mann ein bisschen rauszugehen. Die Stadt haben sie fast für sich allein. Die Frau – gelber Mantel, Sonnenbrille – weiß, wie man sich nach Monaten daheim so fühlt. „Ich habe mir nach Neujahr meine rechte Hand schwer verletzt“, erzählt sie. Sie habe also bereits Erfahrung mit der „Entschleunigung“. Diese bringe einen aber auch zum Nachdenken. „Man wird geerdet.“ Es hört sich auch ein wenig positiv an. Sorgen macht Edith Meier sich um ihre 82-jährige kranke Mutter. Später will sie noch zu ihr radeln, sie bringt regelmäßig Einkäufe vorbei. „Ich stelle sie vor die Tür und gehe nicht rein. Das tut mir unheimlich leid.“ Um sie herum sieht es traurig aus: eine riesige Wiese ohne Leute und ein Spazierweg, auf dem man das Gefühl hat, ganz allein ins Endlose laufen zu können.

Kaufbeuren hält sich besonders an die Regeln, scheint es

Oder nach Kaufbeuren mitten im Ostallgäu. Die gute Stube der 44.000-Einwohner-Stadt ist die Kaiser-Max-Straße, in der vor 500 Jahren der deutsche Kaiser mehrfach einzog und Hof hielt. Dort sind an einem Samstagmorgen eigentlich immer zahlreiche Menschen unterwegs, um einzukaufen oder in den Straßencafés zu verweilen. Doch an diesem Samstag ist die von jahrhundertealten Patrizierhäusern gesäumte Kopfsteinpflasterstraße so ausgestorben wie wohl selten in der langen Geschichte der Stadt. Tatsächlich ist überhaupt niemand unterwegs. Es ist, als hielten sich die Kaufbeurer besonders streng an die Ausgangsbeschränkungen. Auch alle Geschäfte sind geschlossen.

Leere auch in Kaufbeuren.
Bild: Markus Bär


Fast alle. Der alteingesessene Weinhandel De Crignis immerhin, der schon im 19. Jahrhundert den bayerischen Hof belieferte, hat tatsächlich geöffnet. „Aber nur noch wenige Stunden am Tag. Die Stadt ist tot, schauen Sie mal raus. Die Menschen halten sich halt an die Vorgaben“, sagt Inhaber Johannes Kiderlen. Das sei ja auch notwendig. „Aber für die Gastronomie ist das Ganze schwierig. Viele werden das nicht lange überleben.“

Nicht nur die Gastronomie ist betroffen. Neben De Crignis findet man im Schaufenster eines von Amts wegen geschlossenen Geschäftes für Sportbekleidung den Hinweis: „Rette Deinen Lieblingsladen“ – und zwar mit Gutscheinen. Man sei „dankbar für jede Unterstützung“.

Dazu passt, was der freundliche Postzusteller im Treppenhaus sagt. „Wir haben zwar momentan immer noch viel zu tun. Die Leute haben ja Zeit. Und bestellen fleißig. Online kann man ja noch einkaufen.“ Darum floriere die Zustellung von Paketen an Privatkunden bestens. „Aber gewerbliche Zustellungen gibt es so gut wie keine mehr. Die Leute bleiben eben zu Hause. Die Stadt ist eine Geisterstadt geworden“, sagt er. Und dreht sich um. Er muss sofort wieder weiter.

Am frühen Nachmittag ist die Situation in der Stadt unverändert. Niemand ist in den Straßen und Gassen unterwegs. Man erschrickt, wenn dann plötzlich doch jemand erscheint. Die Kaufbeurerin Renate Stallmann und ihre Tochter Ella fahren mit dem Rad durch die Fußgängerzone. „Man darf sich ja draußen bewegen, soll man ja sogar, bloß nicht in Gruppen“, sagt Renate Stallmann, die in der Altstadt eine Nähmanufaktur betreibt. Der Laden ist zu, aber in der Werkstatt wird weiterhin genäht, so die Selbstständige. „Heute machen wir aus der Not eine Tugend. Man soll sich ja nicht mit anderen treffen, was ja auch richtig ist. Deshalb werden wir heute ausgiebig putzen“, erzählen Mutter und Tochter und fahren grinsend weiter.

Wenn man nun denkt, dass es in Kaufbeuren – natürlich auch wegen des eisigen, düsteren Wetters am Samstag – trostlos leer wirkt, so sind die Dörfer auf der Fahrt in Richtung Süden noch trister. Egal ob Biessenhofen, Lengenwang oder Seeg. Niemand zu sehen. Noch nicht einmal ein Bauer fährt auf den Wiesen herum. Beim Überqueren der A7, die von Füssen bis Flensburg verläuft, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Ein Anblick wie bei der Ölkrise 1973, als es Fahrverbote gab. Man könnte auf der Autobahn wohl picknicken, wenn es nicht so frisch wäre.

Zumindest der Hopfensee bei Füssen aber sollte doch Menschen in Scharen anlocken. Wie an jedem anderen Samstag. Doch auch dort, an der sogenannten Allgäuer Riviera, ist fast niemand unterwegs. In der Ferne läuft ein junger Mann mit einem Hund an der Leine. Alle Hotels und Gaststätten sind zu. Das verhangene Wetter tut sein Übriges. Die nahe gelegenen Berge: ebenfalls nicht zu sehen.

Am Hopfensee ist die Mahnung nicht nötig – kein Mensch ist dort.
Bild: Martina Diemand


Die geschlossene Grenze am Übergang Ziegelwies wirkt gespenstisch

Was der Stadt Kaufbeuren ihre Kaiser-Max-Straße, ist der Stadt Füssen die Reichenstraße, in der sonst Touristen aus aller Welt unterwegs sind. An Samstagen ist sie zudem voller Tagesausflügler – aus dem Allgäu, Nordschwaben oder dem nahe gelegenen Oberbayern. Niemand da.

Wenige hundert Meter von der Reichenstraße entfernt liegt eine fast schon legendäre Tankstelle am Grenzübergang Ziegelwies. Viele Urlauber kennen die Tankstelle, die seit 1954 existiert und alle Herausforderungen gemeistert hat. Zuletzt vor allem den lange sehr großen Preisunterschied zwischen dem Sprit in Deutschland und Österreich. „Und jetzt Corona“, sagt Aloisia Osterried und zeigt in Richtung Grenzübergang.

Aloisia Osterried an ihrer Tankstelle.
Bild: Martina Diemand


Dort stehen seit Samstagmittag Absperrungen und Pylonen, die eine Durchfahrt unmöglich machen. „Da kommt keiner mehr durch“, sagt die 82-Jährige, die seit 60 Jahren in der Tankstelle arbeitet und an diesem Tag aushilft, denn gerade musste der Inhaber, ihr Sohn Franz Osterried, notfallmäßig weg. Ein Kunde brauchte dringend Starthilfe. „Nachdem die Grenze nun dicht ist, verirrt sich kaum noch jemand zu uns“, sagt die agile und fröhlich wirkende Seniorin. Aber es sei ja gut, dass sich die Menschen an die Kontakteinschränkungen hielten.

Hat sie selbst Angst vor dem Virus? „Nein. Ich hatte noch nie Grippe. Ich hoffe, ich bleibe auch jetzt verschont.“

Die geschlossene Grenze wirkt ein wenig gespenstisch. Eine Düsternis, eine Tristesse liegt am Wochenende über dem Freistaat. So düster, so trist, dass es das Coronavirus abschrecken müsste. Wäre ja sehr schön.

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