Bei einem Attentat in München starben sieben Juden – kaum jemand erinnert sich

Bei einem Attentat in München starben sieben Juden – kaum jemand erinnert sich

Bild: Joachim Barfknecht, dpa

Sieben Menschen starben 1970 durch einen Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus. Nach 50 Jahren erinnert sich kaum mehr jemand. Sara Elasari schon: Sie wurde in ihrem Zimmer von den Flammen überrascht.

Die junge Studentin lernt in ihrem Zimmer unter dem Dach auf die Medizinprüfungen. Sie ist 21, vier Jahre vorher zum Studium von Tel Aviv nach München gekommen. Aus dem Gang zieht der Geruch von Gebratenem herein. Einer ihrer Nachbarn im jüdischen Gemeindezentrum in der Münchner Reichenbachstraße kocht. Denkt sie zumindest. Doch dann quillt der Rauch ins Zimmer. Unter der Tür, durchs Schlüsselloch, dicht und beißend. Sara Elasari, so heißt die damalige Studentin, erzählt das fast ohne Denk- und Atempause. „Plötzlich schoss eine Stichflamme durch die Tür.“

50 Jahre später hat Sara Elasari einen Doktortitel, einen Sohn und einen Doppelnamen. „Verheiratet mit einem arischen Mann“, sagt die mittlerweile 71-jährige Jüdin, und durchs Telefon hört man ein Schmunzeln. Sie sagt das so provokant, um zu zeigen, dass in ihrer Familie die Vergangenheit überwunden ist. Es tut ihr nicht mehr weh, ihre Geschichte zu erzählen. Sara Elasari-Gruß lebt schon lange in Cuxhaven. Sie hat Jahrzehnte als Notärztin hinter sich. Da kommen viele grausame Einsätze zusammen – so viele, dass sie sich an manche gar nicht mehr erinnern kann.

Bis auf die gusseisernen Heizkörper ist alles verbrannt: Das ist der Blick in eins der bescheidenen Zimmer, nachdem alle Flammen gelöscht waren.
Bild: Joachim Barfknecht, dpa

Der Brandanschlag in der Reichenbachstraße ist bis heute ungeklärt

Sara Elasari-Gruß ist eine der Letzten, die vom Brandanschlag am 13. Februar 1970 auf das jüdische Gemeindezentrum in der Münchner Reichenbachstraße erzählen können – dem bis dahin schlimmsten Anschlag auf Juden in Deutschland nach dem Holocaust. Ein Anschlag, den München fast vergessen hat.

Zwei Jahre später war das Olympia-Attentat, zwölf israelische Sportler kamen ums Leben. Das überlagerte so vieles, auch das tödliche Feuer im Gärtnerplatzviertel, das bis heute nicht aufgeklärt ist. Sieben Juden starben damals in der Reichenbachstraße 27, alle zwischen 59 und 71 Jahre alt. Normalerweise halten auch die Familien der Opfer die Erinnerung wach. „Aber Holocaust-Überlebende haben keine Angehörigen.“

Das sagt Christian Springer, der Münchner Kabarettist. Und deswegen will er jetzt das Erinnern übernehmen. Springer, am bekanntesten in der Figur des mürrischen Neuschwanstein-Kassenwarts „Fonsi“, hat für drei Monate einen großen Würfel auf den Gärtnerplatz gestellt, der die Bilder von damals zeigt, in Sichtweite des abgebrannten Gemeindezentrums. Springer stellte auch schon ein Video ins Internet: „Täter, redet endlich!“ Ein Jahr ist das jetzt her, geredet hat niemand.

Christian Springer: "Will das die Erinnerung nachhaltig ist"

Also redet Springer eben selbst – so lange, dass am Ende drei Cola leer sein werden. Mit etwas wirrem Haar und schwarzem Rolli gegen die Winterkälte sitzt er im Café Luitpold am Münchner Odeonsplatz. Warum fuchst ein Spaßmacher wie er sich so in die düstersten Ecken der deutschen Geschichte hinein? „Ich habe keine Opfer- oder Täterfamilie“, sagt der 55-Jährige. „Ich bin nicht multikulti. Ich bin ein Symbol für einen normalen Münchner Stadtbürger.“ Und ein Praktiker sei er – auch beim Umgang mit der Vergangenheit, der Geschichte der Juden in München. „Ich will, dass die Erinnerung nachhaltig ist.“

Der oder die Täter kamen damals in der Faschingswoche, unbemerkt müssen sie ins Haus gelangt sein. „München war aufgerissen damals, U- und S-Bahn wurden gebaut, das olympische Dorf. Die Stadt wimmelte vor Gastarbeitern und Studenten. Es war ein Minimini-Spiegelbild der Probleme in der Welt.“

Der Zweite Weltkrieg ist noch keine 25 Jahre vorbei, die Nazi-Ideologie noch in den Köpfen. Es ist auch die Zeit der Protestbewegungen. Linksradikale Gruppen solidarisieren sich mit den Ideen der Palästinenser. Ende der 60er Jahre haben spätere Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) begonnen, mit Brandsätzen Kaufhäuser anzuzünden. Drei Monate vor dem Münchner Anschlag fand man im jüdischen Gemeindehaus von Westberlin eine Bombe – gezielt platziert am Gedenktag an die Novemberpogrome 1938. Die Bombe ging nicht hoch, wurde aber der linksextremen Terrorgruppe „Tupamaros“ zugeordnet. Die Gruppierung hatte einen ebenso militanten Ableger in München, angeführt vom mehrfach inhaftierten Alt-68er Fritz Teufel.

In der Reichenbachstraße schlug das Herz der israelitischen Gemeinde

Im Februar 1970 erschütterten gleich zwei judenfeindliche Anschläge die Stadt: Drei Tage vor dem Brand in der Reichenbachstraße brachten Palästinenser eine israelische Maschine am Flughafen München-Riem in ihre Gewalt. Einer der Passagiere warf sich den Entführern in den Weg und schützte die übrigen mit seinem Leben.

Sara Elasari überlebte den Anschlag in ihrem Zimmer unter dem Dach. Sie hat sich selbst durchs Fenster gerettet. Heute ist sie 71 Jahre alt.
Bild: Sara Elasari

In dieser aufgewühlten Zeit lernt Studentin Sara Elasari in ihrem holzvertäfelten Zimmer im jüdischen Gemeindezentrum auf ihre Zwischenprüfung. Die meisten der rund 30 Bewohner sind gerade aus dem Gottesdienst in der Alten Synagoge im Hinterhof des Hauses gekommen. Die Studentin betet dort nicht. Seit sie weiß, warum sie so wenige Verwandte hat, glaubt sie nicht mehr an die Existenz Gottes.

Das Gemeindehaus zeigt zur Straße hin, unten Büros, im 1. Stock ein großer Versammlungsraum, darüber Zimmer für durchreisende Juden, für Studenten, ältere Leute mit wenig Geld. Christian Springer sagt es so: „Es war das jüdische Zentrum Münchens. Dort schlug das Herz der israelitischen Gemeinde.“

"Plötzlich schoss eine Stichflamme durch die Tür"
Sara Elasari

Kurz vor neun am Abend bricht im Treppenhaus ein Feuer aus. Nicht bei den Büros, sondern auf Höhe der Wohnungen. Den Aufzug hat der Täter blockiert. Später findet die Spurensicherung einen Benzinkanister mit der Aufschrift „Aral“, der Inhalt verschüttet auf den Stufen. Die Treppe, einziger Fluchtweg nach unten, ist ein Flammenmeer.

„Plötzlich schoss eine Stichflamme durch die Tür“: Als das Feuer Sara Elasaris Zimmer erreicht, spult sie ein Programm ab. Macht ein Handtuch nass, hält es sich vor Mund und Nase, gegen die Dämpfe. Sie weiß, was zu tun ist. In Israel hat sie zwei Kriege erlebt, die Suezkrise im Oktober 1956 und den Sechstagekrieg im Juni 1967.

Als ihr Zimmer zu zwei Dritteln brennt, öffnet sie das Fenster. Steigt hinaus auf die Mansarde, bewegt sich auf schneeglatten Ziegeln von einem Fenster zum nächsten. Immer mehr Feuerwehren treffen ein, die Sirenen treiben Schaulustige aus dem ausverkauften Gärtnerplatztheater heraus. Die Studentin hangelt sich zu einer Drehleiter der Feuerwehr, klettert Sprosse für Sprosse hinunter. Sie erzählt heute so rational, wie sie damals handelte. Vielleicht aber habe sie doch ein wenig unter Schock gestanden. Anders kann sie sich nicht ihre Antwort auf die Frage eines Feuerwehrmanns erklären. Ob sie Sauerstoff brauche? „Nein, aber ich hätte gern ein schönes Bier.“

Nach dem Anschlag in der Reichenbachstraße wird die Belohnung schrittweise erhöht

Sara Elasari hat damals ein bisschen Schmuck ihrer Mutter und ein Studiensemester verloren. „Meine Dokumente waren ja alle verbrannt.“ Sieben Nachbarn ließen ihr Leben: Kürschner Max Meir Blum, 71 Jahre alt, sprang aus Angst vor den Flammen in den Tod. Tapezierer Georg Eljakim Pfau, 63, starb vereint mit seiner Frau Rosa Drucker, 60. Siegfried Offenbacher, 71, bemerkte bis zum Schluss nicht die Schreie und Sirenen, weil er taub war. Die 59-jährige Hutmacherin Regina Rivka Becher starb genauso wie Rentner Leopold Arie Leib Gimpel, 69 Jahre alt. Koch David Jakubowicz, 59, sollte seine Heimat Israel nicht wiedersehen. Vor dem Anschlag saß er auf gepackten Koffern, um dorthin auszuwandern.

Sieben Menschen starben beim Brandanschlag in der Reichenbachstraße. Alle waren älter, zwei von ihnen hatten die Shoah überlebt.
Bild: Joachim Barfknecht, dpa

München trauert in den Tagen danach. 3000 Gäste kommen zur Beerdigung. 80 Beamte ermitteln in einer Sonderkommission. Mehr als 350 Hinweise gibt es in der ersten Woche, aber keine heiße Spur. Die Belohnung für den entscheidenden Hinweis wird stufenweise auf 100.000 Mark erhöht – nie war eine Belohnung vorher höher gewesen. Schon früh nehmen die Ermittler vier mögliche Tätergruppen ins Visier, wie es auch in unserer Zeitung nachzulesen ist: „arabische Untergrundorganisationen, arabische Studenten in München, neonazistische deutsche Kreise oder Anarchisten.“ Im Lauf der Jahrzehnte deuten die Indizien mal mehr in die eine, dann in die andere Richtung, am häufigsten aber in die der extremen Linken.

Einem Automechaniker kann die Tat nicht nachgewiesen werden

Lange verdächtig ist ein 18-jähriger Automechaniker. Auch Christian Springer hat die Spur des jungen Mannes verfolgt, bis nach Heidelberg, wo er zum Schluss gelebt haben soll. Linke Aktivisten hatten ihn aus einem der einstigen „Fürsorgeheime“ geholt – „befreit“, „gerettet“, wie sie selbst sagten. Heute weiß man, welche gewalttätigen Erziehungsmethoden dort angewandt wurden. Die Linken hätten Kinder oft aus diesen Heimen geholt, sagt Springer. Hätten sie ausgesucht für ihre „Revolution“. Christian Springer macht das rasend, kennt man doch die Muster: „Das unterscheidet 1970 in keinster Weise von heute: vom Islamischen Staat, von der AfD. Es sind rechte und linke Rattenfänger in allen Schichten, die junge Menschen benutzen.“

Ob der Mechaniker den Kanister ins Haus geschmuggelt hat? Den letzten Beweis brachte die Polizei nie. Zwar fand man Fingerabdrücke auf einem Stück Tesa, doch die mangelhafte Technik half damals mehr Tätern als Fahndern, weil sie auch in diesem Fall den Abdruck nicht richtig zuordnen konnte. Jahrzehnte später, als man die Beweise neu prüfen wollte, waren sie nicht mehr in der Asservatenkammer. Entsorgt, versehentlich vielleicht, aus Resignation oder warum auch immer. Heute liegen die Akten – rund 7000 Seiten – beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe. Verschlossen, bis ein neuer Hinweis kommt.

In den 70er Jahren wurde das Haus in der Reichenbachstraße 27 wieder aufgebaut. Es ist noch immer ein Fremdkörper im Gärtnerplatzviertel mit seinen sanierten Altbauten.
Bild: Sarah Ritschel

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, glaubt nicht, dass die Schuldigen noch gefunden werden. „Es ist unerträglich, dass der oder die Täter mutmaßlich ihr ganzes Leben in Freiheit verbringen konnten“, sagt die heute 87-Jährige unserer Redaktion. Zur Zeit des Anschlags war Knobloch „hauptberuflich Mutter“, feierte mit ihrer jüngsten Tochter Kindergeburtstag zu Hause. „Die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik war damals noch sehr klein und lebte überwiegend noch sehr zurückgezogen.“ Normalität sei das Ziel gewesen, Schutz und Sicherheit hätten die Mitglieder gesucht. Nachdem am 13. Februar 1970 diese Hoffnung in Flammen stand, haben manche Gemeindemitglieder Deutschland endgültig verlassen.

Bisher ist das einzige Mahnmal für den Brandanschlag das Grundstück, auf dem er stattfand. Bald nach der Tat wurde es wieder bebaut. Ein typisches 70er-Jahre-Haus, das einzig Schöne daran sind die renovierten Altbauten auf der anderen Straßenseite, die sich in den Fenstern spiegeln. Kurz vor dem Jahrestag ist es kalt wie damals 1970. Typen mit Wollmützen und Sneakers laufen genauso vorbei wie der ältere Münchner im Lodenmantel. Keiner von ihnen hebt den Kopf. Doch genau das wollen die Überlebende Sara Elasari-Gruß und der nach Gerechtigkeit strebende Christian Springer an diesem 50. Jahrestag erreichen: dass die Münchner wieder hinschauen.

Bei einem Attentat in München starben sieben Juden – kaum jemand erinnert sich