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Krise als Chance

03.04.2021

Drei Menschen erzählen, wie sie ihr Leben umgekrempelt haben

Dennis Seidel war Pilot. Nun wird er Lokführer und tauscht Cockpit gegen Führerhaus.
Foto: Seidel

Plus Ostern ist das Fest des Anfangs – und der Hoffnung. Es fällt in eine Zeit, in der sich viele Menschen beruflich neu orientieren müssen. Wie bringt man den Mut dazu auf?

Manche Wege entstehen erst dadurch, dass sie gegangen werden. Dass jemand auf einen Pfad abbiegt, den er – ohne eine Pandemie, die die Welt aus den Angeln hebt – wohl nie eingeschlagen hätte. Für Dennis Seidel besteht dieser Weg aus Schienen und Schotter. Wenn man so will, hat ihn die Corona-Krise auf den Boden zurückgeholt. Ja, geerdet. Denn eigentlich ist Seidel Pilot. Jetzt wird er Lokführer, tauscht Cockpit gegen Führerstand.

„Pilot zu werden war ein klassischer Kindheitstraum“, erzählt Seidel, grau-weiß kariertes Hemd, dezente Brille, kurze braune Haare, im Videochat. Seit ihn sein Opa damals mit zum Flughafen genommen hat, seit er das erste Mal Kerosin roch und Flugzeuge abheben sah, die ans andere Ende der Welt flogen, wusste Seidel, dass er auch einmal in so einer Maschine sitzen will.

Ende April meldet die Airline Insolvenz an: Alle Mitarbeiter werden entlassen

2008 beendet er seine Pilotenausbildung, steigt bei der Luftfahrtgesellschaft Walter ein, die Flüge für Air Berlin und später für Eurowings übernimmt. Seidel fliegt kreuz und quer durch Europa. Dann kommt Corona. Die Airline stellt ihren Betrieb ein. Noch glaubt Seidel, dass er in drei Monaten wieder abheben kann. Doch es kommt anders. Im April 2020 meldet die Firma nach 40 Jahren im Geschäft Insolvenz an. „Wir sind dann alle entlassen worden“, sagt Seidel und blickt ein wenig nachdenklich in die Kamera.

Deshalb also nun der Neuanfang. Deshalb Schienen statt Startbahn.

LGW hatte Ende April Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet.
Foto: Bernd Thissen, dpa

So wie Dennis Seidel geht es vielen Menschen. Corona hat ihr Leben auf den Kopf gestellt. Im Jahresdurchschnitt waren 2020 mehr als 275.000 Menschen im Freistaat arbeitslos – fast 30 Prozent mehr als 2019. Hunderttausende wurden in Kurzarbeit geschickt. Viele wagen deswegen nun einen Neustart – und irgendwie passt das gerade in diese Zeit, zu Ostern, dem Fest des Anfangs. Und dem Fest der Hoffnung.

Wie findet man eigentlich heraus, was einen glücklich macht?

Nur: Wie findet man heraus, was man will, was einen glücklich macht? Wie bringt man die Courage auf, um den Reset-Knopf zu drücken? Kurzum: Wie schafft man es, die Krise als Chance zu nutzen?

 

Nach seiner Kündigung sei er in eine Art Schockstarre verfallen, sagt Seidel. „Man realisiert erst einmal gar nicht, dass da etwas zu Ende geht.“ Zuerst überlegt er, sich bei einer anderen Airline zu bewerben. „Aber die Krise in der Luftfahrt ist sehr tiefgreifend. Es wird vier oder fünf Jahre dauern, bis man wieder auf Vor-Krisenniveau ist“, sagt Seidel. „Ich habe dann begriffen, dass ich durch Corona die Möglichkeit habe, mir zu überlegen, was ich im Leben sonst noch machen will.“ Und da neben der Fliegerei Züge zu seinen großen Leidenschaften gehören, bewirbt er sich für eine Ausbildung bei der Bahn.

Künftig wird sich Seidel darum kümmern, dass die Züge pünktlich am Gleis stehen, wird Bremsproben und Überführungsfahrten machen. „Mich fasziniert es einfach, die Verantwortung für millionenteure, große Maschinen zu übernehmen und zugleich – in dem Fall in der Bereitstellung – dafür zu sorgen, dass die Menschen sicher reisen können“, sagt Seidel. Pilot sei natürlich ein Traumberuf, der auch mit Prestige verbunden sei, ergänzt er. „Ich sehe jetzt in meinem Jobwechsel aber keinen Imageverlust, Lokführer ist schließlich ein sehr verantwortungsvoller Beruf“, sagt Seidel und fügt dann noch hinzu: „Klar, man hat Einkommenseinbußen. Aber ich stehe hinter meiner Entscheidung.“

Eine berufliche Neuorientierung ist schön - sie macht aber auch Angst

Nur: Wie trifft man eigentlich so eine Entscheidung? Wie fasst man Mut? „Eine berufliche Neuorientierung ist einerseits natürlich schön, sie bedeutet aber auch, dass man vertraute Strukturen verlässt. Und das macht Angst“, sagt Daniela Blickhan, Diplompsychologin am Inntal-Institut in Bad Aibling und Vorsitzende des Deutschsprachigen Dachverbands für Positive Psychologie. Sie coacht Menschen, die an einem Scheideweg stehen und nicht genau wissen, welchen Pfad sie einschlagen sollen.

 

Um Mut für Veränderungen zu schöpfen, müsse man zuerst wieder Zugang zu positiven Emotionen bekommen, die Wahrnehmung erweitern und damit das Denken öffnen, erklärt die Expertin. In der Positiven Psychologie gehe es darum, Potenziale zu finden, die genutzt werden können, um ein erfülltes, glückliches Leben zu führen. „Wichtig dabei ist die Emotionsdifferenzierung. Aus dem Erleben, dass es auch in Krisenzeiten wie jetzt positive Dinge gibt, entsteht Energie. Und daraus kann man Mut für neue Schritte entwickeln.“

Corona könne man definitiv als Chance sehen, sagt die Psychologin. „Aber es ist dabei auch wichtig, anzuerkennen, was man verloren hat, sich von bestehenden Lebensentwürfen zu verabschieden.“ Helfen könne dabei ein zeitlicher Perspektivwechsel. „Man kann sich etwa vorstellen, wie man irgendwann seinen Kindern oder Enkeln von dieser Zeit des Umbruchs erzählt. Oder man fragt sich: Wann hatte ich es im Leben schon einmal schwerer als jetzt? Und wie bin ich damit umgegangen, was hat mir damals geholfen? Unsere Psyche kann dann den Blick auf die aktuelle Situation wieder ein bisschen geraderücken.“

Früher Flugbegleiterin, heute professionelle Gassigeherin

Wann der beste Moment für einen Neuanfang ist, sei individuell sehr verschieden, sagt Blickhan. Oft gelinge er, wenn man aus einem Tal, in dem man in einer Art Schockstarre verharrt hat, wieder in eine Aufwärtsbewegung kommt. „Die entscheidende Frage ist, wie die Psyche die Kurve nach oben bekommt. Das hängt auch davon ab, wie viel soziale Unterstützung man hat. Dann kann ein glückliches Leben und erfüllendes Arbeiten gelingen.“

Dogwalkerin Britta Weller.
Foto: Weller

Erfüllung also. Die hat Britta Weller gefunden. Gäbe es keine Pandemie, kein Virus und keine Risikogebiete, dann wäre die 47-jährige Münchnerin jetzt vielleicht in Los Angeles. Oder Dubai. San Francisco. Weit weg jedenfalls. Weller arbeitete bis zur Krise als Flugbegleiterin – jetzt ist sie zu 100 Prozent in Kurzarbeit. „Bereits im vergangenen Frühling, im ersten Lockdown, habe ich mir gedacht: Okay, das wird lange dauern. Und in dieser Zeit ist mein Plan B entstanden“, erzählt sie.

Der neue Job half ihr, durch die Krise zu kommen

Dieser Plan, von dem sie spricht, könnte kaum ein größerer Gegensatz zu ihrem alten Job sein. Statt viele Stunden in einer Flugzeugkabine zu arbeiten, verbringt sie nun viel Zeit im Freien – und zwar mit Hunden. Weller hat sich als professionelle Gassigeherin selbstständig gemacht und ist damit überglücklich. „Das war ein lang gehegter Traum. Ich wollte beruflich schon immer etwas mit Hunden machen“, erzählt sie. Also entscheidet sie sich im vergangenen Jahr dazu, ein Praktikum zu machen, lässt sich danach zur Dogwalkerin ausbilden. Vor etwa zweieinhalb Monaten gründet sie dann „Das Gassirudel“, ihr eigenes Unternehmen. „Es fühlt sich unglaublich gut an. Ich bin ein Mensch, der Strukturen braucht, sonst wäre ich in eine Lethargie verfallen“, sagt Weller.

 

In einem kleinen Lieferwagen fährt sie morgens durch die Stadt und sammelt die Hunde ein, maximal acht Tiere nimmt sie mit. Oft gehen sie dann im Englischen Garten spazieren, manche Hunde hopsen in den Eisbach, für andere versteckt sie ein paar Leckerli in den Büschen. „Ich bin bei jedem Wetter draußen. Egal ob bei Starkregen oder minus 18 Grad. Manchmal bin ich durchnässt bis auf die Knochen“, erzählt Weller, und man merkt ihr im Gespräch an, dass sie das überhaupt nicht stört.

Viele können sich nicht durchringen, etwas Neues anzupacken

Wenn die Kurzarbeit endet, will Weller wieder in Teilzeit als Flugbegleiterin arbeiten, vielleicht am Wochenende, um unter der Woche Zeit fürs Gassigehen zu haben. Denn aufgeben will sie ihren neuen Job nicht mehr. Vor allem, weil er ihr geholfen hat, gut durch die Krise zu kommen. „Nach der anfänglichen Sorge, wie es in meinem Leben weitergehen soll, hat mir das einen riesengroßen Auftrieb gegeben. Und es hat mir gezeigt, dass eine Krise auch immer Möglichkeiten birgt. Man muss sie nur anpacken.“

 

Doch nicht alle schaffen das. Es gibt viele Menschen, die erschöpft sind. Und die sich nicht durchringen können, etwas Neues anzupacken. Wie sehr die Krise viele Menschen belastet, zeigen die Zahlen. Die Anfragen für Psychotherapien seien um circa 40 Prozent gestiegen, sagt Nikolaus Melcop, Präsident der bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten. Dezidierte Untersuchungen, welche psychischen Störungen genau in der Krise zugenommen haben, gebe es bisher nicht. Was man aber sagen könne, sei, dass die psychischen Belastungen generell zugenommen hätten.

„Die Menschen haben Angst vor einer Infektion oder davor, Angehörige anzustecken. Dann kann auch die Existenzangst hinzukommen, wenn die wirtschaftliche Basis wegzubrechen droht“, sagt Melcop. „Und außerdem sind da noch die vielen zusätzlichen Herausforderungen, die sich aus dem Lockdown ableiten, etwa die Kontaktbeschränkungen oder das Verzichten auf einen Urlaub.“ Aber, und das dürfe man nicht vergessen, es gebe auch positive Aspekte: „Wenn sich jemand in Menschenmengen unwohl fühlt, wird er sich über leere Innenstädte freuen. Wer in der Einflugschneise eines Flughafens wohnt, wird dankbar sein, dass weniger Flugzeuge unterwegs sind.“ Ob jemand nun die Krise als Chance begreifen kann, hänge von der persönlichen Lebenssituation ab.

Man muss sich fragen: Ist meine Angst angemessen?

Dass berufliche Existenzängste oft schwer wiegen, kann der Psychotherapeut gut verstehen. „Der Beruf gehört nun mal zentral zum Leben von erwachsenen, gesunden Menschen.“ Man müsse sich aber fragen: Ist meine Angst angemessen – wie etwa bei einem Wirt, der seit Monaten keine Gäste hat? Oder mache ich mir übertriebene Sorgen?

 

Oft werden diese Sorgen von Verzweiflung, Wut und Traurigkeit begleitet – Gefühle, die man ernst nehmen sollte. „Menschen, die arbeitslos sind, sind öfter von psychischen Erkrankungen betroffen“, sagt Melcop. „Wenn es sich herausstellt, dass es notwendig wäre, beruflich etwas anders zu machen, muss man diese Situation bewusst akzeptieren und dann auf einer realistischen Basis eine Neuorientierung versuchen. Und wer mit seiner persönlichen Belastungssituation allein nicht klarkommt, sollte sich rechtzeitig Unterstützung suchen.“

Vom Orthopädietechniker zum Hühnerhalter

Auch Josef Krötz hat akzeptiert, dass er nicht mehr in seinem alten Job arbeiten wird. Der 29-Jährige aus Farchant in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen war früher Orthopädietechniker – jetzt hat er mehrere mobile Hühnerställe. Dass Krötz seinen Beruf aufgeben musste, hat gesundheitliche Gründe: Der junge Mann leidet an einer schweren Erkrankung, sein Lungenvolumen beträgt nur noch 40 Prozent. „Deshalb habe ich Probleme damit, lange einen Mundschutz zu tragen. Beim Einkaufen geht das noch, aber ich musste früher oft Pflegebetten bis in den zweiten Stock tragen. Mit Maske schaffe ich das nicht.“

Hühnerhalter Josef Krötz mit seiner Frau.
Foto: Krötz

Seine Eltern sind Nebenerwerbslandwirte, 2018 kaufen sie den ersten mobilen Hühnerwagen, ein Jahr später den zweiten. Als sich Krötz neu orientieren muss, beschließt er, sich um die Hühner zu kümmern, mittlerweile gibt es einen dritten Hühnerwagen. Ob er seinem alten Job nachtrauert? Krötz lacht und sagt: „Nein, überhaupt nicht.“

Dass er einen Neuanfang gewagt hat, bereut auch Dennis Seidel, der am Donnerstag seinen ersten Arbeitstag bei der Bahn in Stuttgart hatte, nicht. „Ich möchte mit diesem Schritt anderen Menschen auch Mut machen, sie motivieren, einen Neuanfang zu wagen, einen neuen Weg einzuschlagen.“ Sein Weg besteht aus Schienen und Schotter. Es ist ein Weg, der erst dadurch entstanden ist, dass Seidel auf einen Pfad abgebogen ist, den er ohne Corona wohl nie eingeschlagen hätte.

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