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Bayern

30.11.2018

Hebammen sollen künftig an Hochschulen ausgebildet werden

Seit Jahren klagen Hebammen über schlechte Arbeitsbedingungen, über zu viel Bürokratie und niedrige Einkommen. Eine Neuerung im Ausbildungssystem soll den Beruf nun aufwerten.
Bild: Uli Deck, dpa (Symbolbild)

Plus Drei bayerische Hochschulen wollen eine akademische Ausbildung für Hebammen anbieten. Doch ändern sich damit auch die belastenden Arbeitsbedingungen?

Für Pia Petrovic ist die Geburtshilfe eine Herzensangelegenheit. „Seit ich die erste Geburt miterleben durfte, ist das mein Traumberuf“, sagt die 27-jährige Hebamme aus dem Augsburger Raum. Ein Jobwechsel kommt für sie nicht in Frage – anders als für viele ihrer Berufskolleginnen in Bayern. Denn die Rahmenbedingungen wurden wesentlich härter: Hohe Arbeitsbelastung, niedrige Einkommen und bürokratische Pflichten machen den Beruf immer unattraktiver – in der Folge müssen werdende Mütter lange nach Hebammen suchen, die sie gerade während der Entbindung betreuen.

Darauf hat die Landespolitik nun reagiert. Künftig soll die Hebammenausbildung an Hochschulen und Universitäten stattfinden. In Landshut, München und Regensburg laufen zum Wintersemester 2019 die ersten Studiengänge an.

Wie die akademische Hebammenausbildung im Detail aussehen wird, steht noch nicht fest. Beim Bayerischen Hebammen Landesverband wird die Ankündigung aus dem Wissenschaftsministerium dennoch begrüßt: „Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammenverbands. Allerdings würden drei Standorte in Bayern auf Dauer nicht genügen. Denn laut EU-Vorgaben sollen Hebammen ab dem Jahr 2020 ausnahmslos an Hochschulen studieren, Bayern hinke dieser Entwicklung im europaweiten Vergleich seit Jahren hinterher.

Hebammen sollen besser auf steigende Anforderungen vorbereitet werden

Giesen verspricht sich vom Wechsel der Ausbildung an die Hochschulen, dass Hebammen künftig besser auf die steigenden Anforderungen des Berufsbilds vorbereitet werden. Dokumentation, Abrechnung und andere Bürokratie hätten in den vergangenen Jahren stark zugenommen und lassen den Hebammen weniger Zeit, werdende Mütter zu begleiten.

Diese „Arbeitsverdichtung“, wie Giesen es nennt, bekämen letztendlich auch die Patientinnen zu spüren – und das, obwohl kein Hebammenmangel im eigentlichen Sinn vorliege: „Die Gesamtzahl der Hebammen in Bayern ist mit rund 3300 insgesamt stabil, doch arbeiten viele Kolleginnen nur in Teilzeit, um die eigenen Familienaufgaben erfüllen zu können und weil sie die hohe Arbeitsbelastung in den Kliniken nicht in Vollzeit aushalten“, erklärt die Verbandsvorsitzende. Besonders aus der Geburtshilfe wandern viele Hebammen ab, wie auch Pia Petrovic bestätigt. Sie ist am Aichacher Klinikum angestellt. „Wenn eine Stelle frei wird, dauert die Suche nach neuen Kolleginnen in der Regel sehr lange“, berichtet die 27-Jährige, die zusätzlich in einer privaten Hebammenpraxis arbeitet.

Von Geburtshilfe, sagt Verbandschefin Giesen, könne man ohnehin nicht mehr sprechen: „Geburtsmedizin ist eher zutreffend.“ Im Kreißsaal komme Hebammen neben dem anderen medizinischen Personal daher häufig eine Assistenzrolle zu. „Hebammen müssen heute in der Lage sein, wissenschaftlich und evidenzbasiert zu arbeiten“, erläutert sie. Die gehobene Qualifikation durch das Studium würde die Zuständigkeiten der Hebammen wesentlich erweitern und den gestiegenen Ansprüchen entsprechen. Anders als einige ihrer Kolleginnen befürchtet Giesen nicht, dass die Hochschulausbildung zu stark auf die Theorie ausgerichtet sein könnte: „Die Hälfte der Ausbildung wird in der Berufspraxis stattfinden“, sagt die Vorsitzende.

Das bisherige System der Geburtshilfe soll sich verändern

Die duale Ausbildung, die derzeit an bayernweit sieben Hebammenschulen angeboten wird, steht aufgrund der angekündigten Akademisierung zwangsläufig vor dem Aus. „Es wird sich einiges verändern“, sagt Claudia Dachs, Leiterin der Berufsfachschule für Entbindungspflegerinnen am Augsburger Klinikum. Doch auch sie sieht in der Einführung der Studiengänge eine „zwingend notwendige Maßnahme“, wie sie sagt. „Das Studium fördert neben den eigentlichen Lerninhalten noch andere Fähigkeiten, die für Hebammen unverzichtbar sind“, erklärt die Schulleiterin.

Selbstständigkeit und reflektiertes Denken sind ihrer Ansicht nach im Berufsleben einer Hebamme besonders wichtig: „Hebammen arbeiten autark und müssen im komplizierten Haftungsrecht den Überblick behalten“, sagt Dachs. An den äußeren Arbeitsumständen wird sich ihrer Meinung nach durch die Hochschulausbildung nichts ändern.

Ob studierte Hebammen auf eine bessere Bezahlung hoffen dürfen, ist allein durch das neue Ausbildungsmodell ebenfalls noch nicht gesichert. „Hebammen werden von ihrer Arbeit vermutlich nie reich werden“, sagt Astrid Giesen. Der akademische Grad werde den Berufsstand jedoch auf längere Sicht in eine höhere Tarifgruppe heben, erklärt die Verbandschefin.

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