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Freiwiliiges Engagement

29.08.2020

Helferkreise in der Region: Was ist von ihrem Engagement geblieben?

Im September 2015 strömten hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland. Viele kamen am Bahnhof – unser Foto zeigt Frankfurt – an.
Bild: Frank Rumpenhorst, dpa

Plus 2015 strömten hunderttausende Flüchtlinge ins Land. Überall wurden Helferkreise gebildet, um die Menschen zu unterstützen. Was wurde aus ihnen?

An einem Septembermittag im Jahr 2014 steht Hans Kohler an seinem Wohnzimmerfenster und schaut nach draußen. Er sieht, wie ein Mann und ein Kind, die Plastiktüten dabei haben, die Straße entlang gehen. Vor einem ehemaligen Gasthaus, gleich gegenüber von Kohlers Wohnung, bleiben sie stehen. Kohler tritt vom Fenster zurück, geht nach draußen und spricht den Vater und seinen Sohn, die aus Syrien geflohen sind und nun in dem alten Gasthaus-Gebäude untergebracht werden, an. „Das war der erste Kontakt“, sagt Kohler heute. Der erste Kontakt mit geflüchteten Menschen. Der erste Kontakt mit einer ihm bis dahin fremden Welt. Eine Welt, die Kohler, der in Thannhausen im Landkreis Günzburg einen Helferkreis für Asylbewerber gegründet hat, in den kommenden Jahren noch sehr gut kennenlernen wird.

Helferkreise in der Krise 2015: Ob Stadt oder Land, die Menschen wollten helfen

Ein Jahr später, September 2015. Immer mehr Menschen drängen über die deutsche Grenze. Am Münchner Hauptbahnhof kommen binnen nur eines Wochenendes fast 20.000 Flüchtlinge an. Und die Deutschen wollen helfen. Sie drücken völlig übermüdeten Kindern Teddybären in die Arme und den Müttern Windelpackungen, stellen Wasserflaschen bereit oder bieten den Asylbewerbern, die so lange unterwegs waren, etwas zu essen an. Wenn es sie nicht schon gibt, bilden sich in den kommenden Wochen überall Helferkreise, in Großstädten genauso wie in kleinen Dörfern. Viele Probleme, die Angst, die Wut, der Rassismus unter Asylgegnern, sind da noch weit weg. Einer Studie zufolge, die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt wurde, hatten von 2015 bis 2017 55 Prozent der Bevölkerung in irgendeiner Weise Flüchtlinge unterstützt – durch Sach- oder Geldspenden, durch Unterschriftenaktionen oder eben durch aktive Hilfe etwa in Helferkreisen.

Was wurde aus dem Engagement? Worauf blicken die Helfer zurück? Kurzum: Was ist eigentlich geblieben von jener besonderen Aufbruchsstimmung, fünf Jahre nach den Szenen am Münchner Hauptbahnhof, sechs Jahre nach dem Tag, an dem Hans Kohler in Thannhausen aus dem Wohnzimmerfenster geschaut hat?

Hans Kohler aus Thannhausen hat selbst einen Helferkreis gegründet

Ein verregneter Augusttag, die Tropfen rinnen in stummen Strömen an den Fensterscheiben herunter. Hans Kohler und drei seiner Kollegen vom Helferkreis sitzen in einem Zimmer mit braunem Fußboden und blauen Vorhängen. In der Ecke steht eine Tafel. Früher fanden hier die Deutschkurse für die Asylbewerber statt – wegen der Corona-Pandemie ist das derzeit auf Eis gelegt.

„35 Freiwillige, die beim Helferkreis mitmachen wollten, haben sich damals gemeldet“, erzählt Kohler, ein großer, schlanker Mann mit grauem Haar, Schnurrbart und Brille, der damals im Thannhauser Stadtrat und im Integrationsbeirat saß. „Gerade am Anfang war sehr viel Hilfe nötig“, fährt der 74-Jährige fort. „Wir haben den Menschen gezeigt, wie wir hier leben, sind mit ihnen einkaufen gegangen, zu Ämtern oder in die Apotheke.“

Die Mitglieder des Thannhauser Helferkreises vor einer Asylunterkunft (von rechts): Hans Kohler, Renate Görlitz, Hans Dieter Hörtrich und Karl Landherr.
Bild: Stephanie Sartor

Warum er das auf sich genommen, so viele Stunden investiert hat, nachts ans Telefon gegangen ist, wenn eine Frau anrief und flehte: „Papa, I need help“? Warum er einen Mann mit offener Tuberkulose ins Krankenhaus gefahren hat? Sich mit seiner Ehefrau um eine Afrikanerin gekümmert hat, die in ihrer Heimat qualvoll beschnitten wurde, in ihrer Verzweiflung ihrem Mann im Ehebett ein Messer ins Bein gerammt hat und sich danach umbringen wollte?

Kohler muss nicht lange überlegen, um eine Antwort auf diese Fragen zu finden. „Die Menschen haben unsere Hilfe gebraucht. Es gab so viele traurige Schicksale. Da waren Kinder dabei, die von Bomben und Krieg erzählt haben, von Panzern und Explosionen.“

Haben wir es geschafft? - "Ich glaube, wir haben es gut hinbekommen"

Hans Dieter Hörtrich, der Kohler an diesem verregneten Vormittag gegenüber sitzt, nickt. „Uns geht es so gut, wir sind abgesichert. Wenn man solche Schicksale hört, dann berührt einen das“, sagt der ehemalige Schulleiter. „Wenn man die Bilder aus Syrien sieht, wo blutende Kinder aus Trümmern herausgeholt werden, dann geht einem das durch Mark und Bein. Man kann dann doch nicht einfach sagen: Das is’ halt so.“ Hörtrich faltet die Hände vor sich auf dem Tisch, blickt erst nachdenklich nach draußen in diesen grauen Sommertag, dann zu Kohler. Und der fasst zusammen, was in diesem Moment alle denken: „Ich glaube, wir haben es gut hinbekommen.“

Helferkreise in der Region: Was ist von ihrem Engagement geblieben?
15 Bilder
Die prägendsten Bilder der Flüchtlingskrise
Bild: Armin Weigel, dpa

Beinahe klingen seine Worte wie eine Replik auf den vielleicht berühmtesten Satz der Bundeskanzlerin. Er fällt am 31. August 2015 in der Bundespressekonferenz in Berlin. Angela Merkel trägt an diesem Tag ein pinkfarbenes Jackett und eine goldene Halskette. Sie spricht über Asylverfahren, Erstaufnahmeeinrichtungen, Integrationsarbeit, hunderttausende Flüchtlinge, mit denen zu rechnen sei. Schließlich sagt sie: „ Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!“ Heute, fünf Jahre später, haben diese Worte längst ihre Unschuld verloren. Wann immer es Probleme gibt, hallt Merkel dieser Satz entgegen. Von Menschen, die der Meinung sind, dass man es eben nicht geschafft habe. Dass sich das Land mit den Flüchtlingen übernommen habe.

An Schwierigkeiten mangelte es dem Helferkreis in Thannhausen nicht

Derlei hat auch Hans Kohler zu hören bekommen. „Ich wurde von Bürgern angegangen. Sie haben mich gefragt, warum ich den Menschen helfe, die uns die Arbeit wegnehmen würden“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Dass die Ehrenamtlichen immer wieder angegangen wurden, belegt auch die Studie, die das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben hat: 24 Prozent der Flüchtlingshelfer gaben an, dass sie wegen ihres Engagements angefeindet oder beleidigt worden seien.

Und längst waren es nicht nur derlei unangenehme Begegnungen mit Bürgern, mit denen sich Kohler herumschlagen musste. Sondern auch mit der Bürokratie und deren langsam mahlenden Mühlen. „Ich war so oft im Landratsamt. Und bin immer wieder gegen Mauern gelaufen“, erzählt Kohler. Er habe erreichen wollen, dass im ganzen Landkreis nur Menschen zusammenleben, die auch zusammenpassen. Denn zwischen Christen und Muslimen, zwischen Schwarzafrikanern und Afghanen krachte es immer wieder. Doch auf derlei sei bei der Verteilung der Menschen auf die Unterkünfte nicht geachtet worden. „Irgendwann habe ich es aufgegeben“, sagt Kohler und blickt ein wenig resigniert drein.

Dabei war die Politik wohl selten so sehr auf das Engagement von Ehrenamtlichen angewiesen wie in den vergangenen fünf Jahren. Wie immens wichtig die tausenden Freiwilligen waren und immer noch sind, das weiß auch Bayerns Integrationsbeauftragte Gudrun Brendel-Fischer. „Es war von staatlicher Seite aus nicht allein zu schaffen“, sagt sie. „Und das ist allen bewusst.“ Aber natürlich habe es auch Frust gegeben, fährt sie fort. Etwa, wenn sich Helfer für Flüchtlinge einsetzten, die dann das Land verlassen mussten, weil kein Asylgrund vorlag.

Die Sprache war und ist eine Herausforderung für Helfer und Flüchtlinge

Mittlerweile habe sich in der Art der Hilfe einiges verändert, sagt Brendel-Fischer. Die Soforthilfe, die damals so dringend nötig war, brauchen heute deutlich weniger Menschen. „Denn viele sind mittlerweile anerkannt, wohnen nicht mehr in Gemeinschaftseinrichtungen. Sie haben eine Arbeit und sind selbstständig“, sagt Brendel-Fischer. Und diese gut integrierten Migranten wären nun selbst Ansprechpartner für andere Geflüchtete. Dennoch: Die Hilfe von Freiwilligen sei weiter wichtig. Etwa, wenn es um die Nachhilfe für Schulkinder in Gemeinschaftsunterkünften gehe. Etwa in Deutsch.

Die Sprache also. Die hat in Thannhausen von Anfang an eine besondere Rolle gespielt. Und einer, der sich der Aufgabe, Menschen mit Migrationshintergrund Deutsch beizubringen, besonders gewidmet hat, ist Karl Landherr. Er deutet auf eine Kiste mit verschiedenen verpackten Lebensmitteln, die am Fenster steht, an dem noch immer der Regen herunterrinnt. „Mit solchen Gegenständen haben wir Wortschatzübungen gemacht“, sagt Landherr. Viele Stunden hat der 71-Jährige mit seinem Team in das sogenannte Thannhauser Modell investiert – und das machte das kleine schwäbische Städtchen berühmt.

Karl Landherr hat mit dem Helferkreis Thannhausen Deutsch-Unterricht für Flüchtlinge angeboten. Dabei entwickelten die Helfer ein speziell auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen ausgerichtetes Deutschbuch.
Video: Stephanie Sartor

„Wir haben das Unterrichtsmaterial für den Deutschunterricht selbst erstellt, genau auf die Zielgruppe der Migranten zugeschnitten“, erzählt Landherr, der – wie sein Helferkreis-Kollege Hans Dieter Hörtrich – früher Schulleiter war. „Die damals vorliegenden Werke waren eher für Sprachschüler mit Vorbildung, wir wollten aber etwas absolut Niederschwelliges anbieten, bei dem nicht die Grammatik, sondern die Erstorientierung im Alltag im Vordergrund steht.“ Also brachte der Helferkreis ein eigenes Konzept auf den Markt, ein Arbeitsheft, das dann vom Auer-Verlag in Augsburg veröffentlicht wurde. Medien in ganz Deutschland und darüber hinaus hatten damals darüber berichtet, im ZDF-„Heute-Journal“ lief ein Beitrag über das Projekt.

„Nach der Sendung mussten wir einmal mit einem Anhänger zur Post fahren, so viele Helferkreise und Schulen wollten das Arbeitsheft haben“, erzählt Landherr und lacht. Ihm gegenüber sitzt Renate Görlitz, pensionierte Deutschlehrerin. Dass dieser Deutschkurs für Asylbewerber so ein großer Erfolg wurde, sei nur logisch, meint sie. „Denn schließlich sind Sprachkenntnisse die Voraussetzung, um Alltagssituationen zu bestehen und für eine gelingende Integration.“

Viele Flüchtlinge konnten in der Region Fuß fassen

Görlitz, Landherr, Hörtrich, Kohler – sie sind im Helferkreis geblieben. Viele andere sind gegangen. Von anfangs 35 sind heute noch sechs ehrenamtliche Helfer übrig. „Die Leute haben aufgehört, weil der Bedarf nicht mehr da war“, sagt Kohler. „Die meisten der Flüchtlinge haben Fuß fassen können.“

Draußen hat es aufgehört zu regnen. Die vier Helfer verabschieden sich von einander. Hans Kohler geht nach Hause, dorthin, wo – wenn man so will – alles angefangen hat. An jenem Tag als er aus seinem Wohnzimmerfenster auf die Straße schaute und zwei Menschen mit Plastiktüten sah.

Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche "5 Jahre Flüchtlingskrise - Wir schaffen das". Alle Artikel finden Sie hier.

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30.08.2020

>> „Ich war so oft im Landratsamt. Und bin immer wieder gegen Mauern gelaufen“, erzählt Kohler. Er habe erreichen wollen, dass im ganzen Landkreis nur Menschen zusammenleben, die auch zusammenpassen. Denn zwischen Christen und Muslimen, zwischen Schwarzafrikanern und Afghanen krachte es immer wieder. Doch auf derlei sei bei der Verteilung der Menschen auf die Unterkünfte nicht geachtet worden. „Irgendwann habe ich es aufgegeben“, sagt Kohler und blickt ein wenig resigniert drein. <<

Für die einen ist es Vielfalt, für die anderen das übliche Spektrum von Gegensätzen der Interessen.

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29.08.2020

Viele sprechen vom christlichen Abendland. Diese Leute erfüllen das Wort "christlich" mit Leben, denn "christlich" ist immer mit Nächstenliebe verbunden. Zudem haben sie das Ansehen von Deutschland in der Welt verbessert, da das Bild des mordenden Nazis durch das Bild von hilfsbereiten Menschen etwas überdeckt wurde. Danke.

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29.08.2020

Wenn man kein Christ ist, was dann? Diese Religion hat in Ihrer Geschichte "Viel Dreck am Stecken" Benötigen Sie Beispiele?

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29.08.2020

Lieber Alfred W.,
sie dürfen gerne ein hilfsbereiter Mensch werden, deswegen brauchen sie doch kein Christ sein, ganz abgesehen von den vielen hilfsbereiten Migranten, die keine Christen sondern Moslem sind.

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29.08.2020

An Alfred W.: man muss zwischen Christentums und Katholizismus unterscheiden. Wenn Sie auf die Geschichte der katholischen Kirche anspielen, haben Sie vollkommen recht.

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