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Ernährung

07.08.2020

Immer mehr Öko-Betriebe: Bio boomt in der Region - auch dank Corona

Immer mehr Konsumenten greifen zu Produkten, die ein Bio-Siegel tragen.
Bild: David-Wolfgang Ebener, dpa

Plus Die Zahl der Öko-Betriebe wächst. In welchen Regionen es besonders viele gibt und womit man biologische Lebensmittel nicht verwechseln sollte.

Die Schweine von Andrea Kögel haben – wenn man so will – Schwein gehabt. Die Tiere leben auf einer großen Wiese, dösen an sommerheißen Tagen unter einem Baum im Schatten und trotten am Abend in einen Wagen, in dem sie in einen tiefen Schweineschlaf fallen. Die Tiere auf dem Hof der Landwirtin aus Oy-Mittelberg im Oberallgäu – neben den Schweinen sind das unter anderem Mutterkühe mit ihren Kälbern, Ziegen und Hühner – werden alle biologisch gehalten. Das bedeutet: viel Platz und ökologisch erzeugtes Futter.

Vor sieben Jahren wurde der Hof, auf dem es auch drei Ferienwohnungen gibt, mit einem Bio-Siegel zertifiziert. Alle Produkte, also das Fleisch der Tiere, die Eier der Hühner, der Honig der Bienen, werden somit als Bio-Produkte vermarktet, und zwar direkt auf dem Hof. Die Milch wird nicht verkauft, sie ist für die Kälbchen reserviert. "Uns geht es vor allem um eine wesensgerechte, artgerechte Tierhaltung", sagt Kögel. "Aber auch um den Klima- und Artenschutz und darum, sich gesund zu ernähren. Und wenn ich selbst kein Getreide mit Pestiziden essen will, warum sollte ich es dann an meine Tiere verfüttern?" Im konventionellen Ackerbau werde einfach zu viel Gift verwendet, die Böden würden ausgeraubt, meint Andrea Kögel.

Bio boomt dank Corona: In Schwaben gibt es 2005 Bio-Betriebe

Die Zahl derer, die so denken wie sie, steigt. Im Jahr 2007 gab es in Schwaben 823 Biobetriebe, mittlerweile sind es 2005, wie aktuelle Zahlen zeigen. Zwischen den einzelnen Regionen gibt es aber große Unterschiede: Im Oberallgäu arbeiten mehr als 22 Prozent aller Betriebe ökologisch. Im Landkreis Dillingen indes liegt der Anteil nur bei knapp über vier Prozent – deutlich unter dem schwäbischen Durchschnitt von 12,2 Prozent. Betrachtet man allein die Fläche, dann schneidet das Ostallgäu in Schwaben und sogar bayernweit am besten ab. 18175 Hektar werden dort ökologisch bewirtschaftet.

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Die Bio-Landwirtschaft hat übrigens auch durch die Corona-Krise einen kräftigen Schub bekommen. Das Marktforschungsinstitut AMM fand heraus, dass in der Krise das Interesse der Verbraucher an Bio-Produkten deutlich gestiegen ist. 30 Prozent der Konsumenten gaben an, ihre Bio-Einkäufe ausgeweitet zu haben. Weniger als vier Prozent der Befragten verringerten ihre Ausgaben für ökologisch erzeugte Produkte. Auch Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zufolge stieg die Nachfrage nach Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung in den ersten drei Monaten der Corona-Krise deutlich stärker als die Umsätze im Lebensmittelhandel insgesamt.

Kritikpunkt bei Öko-Lebensmittel: Viele Bio-Produkte werden importiert

Franz Högg vom Fachzentrum Ökologischer Landbau am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kaufbeuren beobachtet den Bio-Boom ganz genau – natürlich nicht erst seit der Corona-Krise. "In den letzten vier, fünf Jahren gab es eine rasante Entwicklung, davor war es eher stagnierend", sagt er. Die ersten, die von konventionell auf bio umgestellt hätten, seien die Milchviehbetriebe gewesen, fährt er fort. Denn bei ihnen sei der Aufwand für die Umstellung geringer als etwa bei Ackerbau-Betrieben. "Wer etwa schon einen Laufstall für die Kühe hatte und Weidehaltung betrieben hat, der konnte ohne bauliche Maßnahmen umstellen." Was das Grünland – also die Flächen, auf denen Gras für die Tiere angebaut wird – angehe, müssten die Bauern mit einem Ertragsrückgang rechnen, da man auf mineralischen Stickstoff verzichten müsse, erklärt Högg. "Das führt etwa zu 20 Prozent weniger Ertrag. Mit Gülle und Mist kann man das Grünland schon gut versorgen, aber eben nicht ganz." Aber auch wenn der Ertrag geringer sei – die Bio-Milch werde besser bezahlt. Und diese Milch wird in Bayern in großen Mengen produziert. "Ich schätze, dass wir da einen Selbstversorgungsgrad von 100 Prozent erreicht haben", sagt Högg. In anderen Bereichen ist die Situation indes eine andere: Obwohl die Zahl der Öko-Betriebe wächst, müssen in Bayern noch immer viele Bioprodukte importiert werden, etwa Getreide, Obst und Gemüse.

In Bayern wird viel Bio-Milch hergestellt.
Bild: Michael Reichel, dpa

Dass es im Freistaat immer mehr Betriebe gibt, die ökologisch arbeiten, darüber freut man sich auch beim bayerischen Landesbund für Vogelschutz (LBV). "Die biologische Landwirtschaft ist für unsere biologische Vielfalt deutlich besser als die konventionelle", sagt der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. Denn schließlich gebe es keine Pestizide, es werde weniger gedüngt. Das ist für die Natur natürlich besser." Schließlich seien Pestizide eine große Gefahr für Insekten – und wenn die weniger werden, schwindet die Nahrungsgrundlage der Vögel. Auch wenn Schäffer die Vorzüge einer ökologischen Landwirtschaft preist – eines sieht der LBV-Vorsitzende allerdings kritisch: Auch in der biologischen Landwirtschaft könnten Strukturen wie etwa Hecken oder Blühflächen verloren gehen. Seine Forderung: "Solche Strukturen, die Vögeln und anderen Tieren als Rückzugsraum dienen, müssten gezielt angelegt werden."

LBV-Chef fordert mehr Bio-Essen in Kantinen

Schäffer zufolge wäre es wichtig, das Bewusstsein für Bio-Produkte noch mehr zu schärfen. Dabei sieht er auch den Staat in der Verantwortung. "In Kantinen von staatlichen Einrichtungen müssten mehr Bio-Produkte angeboten werden. Es muss ja keine komplette Umstellung auf Bio-Essen sein, aber ein Angebot von mehr als 30 Prozent wäre schon wünschenswert."

Zudem müsse man die Menschen weiter aufklären – auch darüber, dass "regional" und "bio" – zwei Labels, die ja gerne miteinander verknüpft werden – doch sehr unterschiedlich sein können. "Ein Beispiel: Das Schwein kann ja in Bayern aufgewachsen sein, wird aber mit Soja aus Südamerika gefüttert." Das Fleisch sei dann zwar regional, mit bio oder Nachhaltigkeit habe das aber nichts zu tun.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:  Bio muss raus aus der Nische

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