Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten
Nördlingen
Icon Pfeil nach unten

Insolvenz bei Strenesse: Strenesse: Das Luxusmodelabel und sein Niedergang

Insolvenz bei Strenesse

Strenesse: Das Luxusmodelabel und sein Niedergang

  • |
  • |
  • |
    Die damaligen Fußball-Nationalspieler Tim Borowski, Patrick Owomoyela, Timo Hildebrand, Marcell Jansen, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Bastian Schweinsteiger posieren gemeinsam mit Designerin Gabriele Strehle für den Fotografen.
    Die damaligen Fußball-Nationalspieler Tim Borowski, Patrick Owomoyela, Timo Hildebrand, Marcell Jansen, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Bastian Schweinsteiger posieren gemeinsam mit Designerin Gabriele Strehle für den Fotografen. Foto: Jesse Frohmann, dpa

    Ihr schneller Porsche, sein eleganter Jaguar, geparkt Seite an Seite auf dem Platz neben dem weißen, verglasten Firmengebäude von Strenesse, davor markante Zypressen: Das ist ein Bild aus besseren Zeiten. Sie, Gabriele Strehle, Chefdesignerin und der kreative Kopf, hat sich vor bald zwei Jahren von ihrem Mann getrennt und die Firma verlassen. Er, Gerd Strehle, der Stratege und Geschäftsmann, hat das Geschäft seinem heute 38-jährigen Sohn Luca übertragen. Jetzt ist alles dahin.

    Sogar der Fußball trug Strenesse

    Wie konnte es so weit kommen? Trotz eines großen Namens und einem guten Ruf kämpft Strenesse seit Jahren ums finanzielle Überleben. Da hilft es auch nicht, dass seit 2008 die junge Zweitlinie „Strenesse blue“ für frischen Wind sorgt. Sie wird bei den Kollektionspremieren hoch gelobt. Dasselbe gilt für die Männerkollektion. Sie wird in der Branche begeistert gefeiert.

    Und als die Fußball-Nationalmannschaft 2006 unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw in den weißen Strenesse-Hemden am Spielfeldrand steht, entwickelt sich das weiße Hemd im Super-Sommer in Deutschland zum Hit. Die heute 63-jährige Gabriele Strehle ist begeistert von den jungen Sportlern, nimmt Maß am Modellathleten Olli Kahn und an Bastian Schweinsteiger. Ihr Favorit aber ist Oliver Bierhoff. „Er ist der Idealtyp“, schwärmt sie damals. Zur Krönung des Projekts lassen sich die Sportler von Rockstar Bryan Adams fotografieren. Der Kanadier ist ein Freund der Familie, heißt es.

    Heimliche Beziehung zum Junior-Chef dementiert sie

    Vier Jahre später: wieder Fußball, wieder Jogi Löw, diesmal ohne Klinsmann, aber mit dem strahlend-blauen Pullover in Südafrika. Das hat Stil. Jetzt kennt auch der letzte Fußballfan die traditionsreiche Nördlinger Firma. Doch leider verhilft auch das nicht zum wirtschaftlichen Durchbruch. Heute trägt das Nationalteam Hugo Boss.

    Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung

    Von Zahlungsunfähigkeit bedrohte Unternehmen mit dennoch guten Aussichten auf eine Fortführung des Geschäftsbetriebes können bei Gericht ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragen.

    Die Geschäftsleitung des Unternehmens bleibt dann im Amt, ihr wird allerdings ein sogenannter Sachwalter von außen zur Seite gestellt. Die alte Geschäftsführung behält damit große Teile der Verfügungsgewalt über das Unternehmen.

    Die Geschäftsleitung des Unternehmens bleibt dann im Amt, ihr wird allerdings ein sogenannter Sachwalter von außen zur Seite gestellt. Die alte Geschäftsführung behält damit große Teile der Verfügungsgewalt über das Unternehmen.

    Zugleich ist die Firma aber vor Vollstreckungen und Zwangsmaßnahmen von Gläubigern geschützt. Ziel ist dabei in der Regel eine Sanierung, nicht die Abwicklung.

    Bekannte Unternehmen wie etwa der Fernsehhersteller Loewe haben diesen Weg beschritten, den nun auch der schwäbische Modehersteller Strenesse einschlug. dpa

    Es gab gute Zeiten bei den Strehles in Nördlingen. Das ist, als die junge Maßschneiderin Gabriele Hecke aus dem Unterallgäuer Hawangen 1973 bei der Firma Strehle KG in Nördlingen vorspricht. Sie und Juniorchef Gerd Strehle sind bald ein kreatives Team, das den bis dahin eher biederen Kostüm- und Mantel-Hersteller umkrempelt, den Familie Strehle 1949 gegründet hat. Wie leidenschaftlich sie mit Gerd Strehle damals streitet, beschreibt Gabriele Strehle in ihrer Autobiografie „Ob ich das schaffe – Der andere Weg zum Erfolg“ (erschienen 2002, „Für Gerd“). Beide sind damals noch mit ihren ersten Ehepartnern verheiratet und sie hat Gerüchte über eine heimliche Beziehung in den Anfangszeiten immer entrüstet dementiert.

    Bei den Auseinandersetzungen sei er immer der Souveräne gewesen und sie die Hilflose, erinnert sie sich. Ein Bild, das beide in der Öffentlichkeit pflegen. Der heute 73-jährige Gerd Strehle steht im Zentrum des Geschehens vor und nach den Shows; Gabriele Strehle am liebsten hinter dem Vorhang, im Off. Angeblich ist sie die Rekordhalterin: Kein namhafter Designer hat sich je kürzer dem applaudierenden Publikum nach einer erfolgreichen Show gezeigt – sei es in Mailand oder in New York.

    Strehle + Jeunesse = Strenesse

    Zusammen hat das Paar die Marke Strenesse auf dem internationalen Markt bekannt gemacht. Strenesse ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus dem Namen Strehle und dem französischen „Jeunesse“ (Jugend). Die zierliche Gabriele Strehle schuftet dafür bis an die Grenzen ihrer Kräfte. Sie entwickelt ihren eigenen Stil, frei nach ihrem Vorbild Giorgio Armani.

    Die Schnörkellosigkeit des Italieners hat sie immer bewundert. Klare Schnitte, hochwertige Stoffe, zurückhaltende Muster – und Farben nur dann, wenn sie Schwarz und Grau damit noch besser in Szene setzen können. Mode, die ihren Preis hat. Damit schafft sich die Designerin aus Schwaben eine internationale Fangemeinde.

    1985 heiraten Gabriele und Gerd Strehle, wenige Jahre später bekommen sie die gemeinsame Tochter Clara. Gabriele Strehle, die selbst aus einem liebevollen Elternhaus stammt, will ihrer Tochter das Gleiche bieten, was sie selbst stark gemacht hat: Liebe, Geborgenheit und die Freude an den einfachen Dingen des Lebens. In ihrem Buch beschreibt sie, dass dies nicht so einfach gelingt. In Nördlingen, wo Clara die Schule besucht, sind die Strehles schließlich ein großer Arbeitgeber.

    Dass die bodenständigen Rieser das internationale Modegeschäft mit Glanz, Ruhm und großer Show verbinden, versteht sich. Für das Kind ist das allerdings schwer. Clara habe das Gefühl gehabt, alle seien gegen sie, alle hätten sich gegen sie verschworen, erzählt Gabriele Strehle. Sie sucht die Lehrer auf, die aber nichts unternehmen können, um der Tochter zu helfen. Über ihre eigene Reaktion berichtet die mitleidende Mutter sehr anrührend in ihrer Autobiografie. Sie hat in der Küche gesessen und geheult. „Der Erfolg schmeckt schlagartig bitter.“ Clara wird auf ein Internat geschickt.

    Der Niedergang von Strenesse

    Der Erfolg liest sich in Zahlen so: In ihren besten Zeiten liegt der Umsatz der Firma bei über hundert Millionen Euro. Einen großen Einbruch muss Strenesse wie viele andere Firmen im Luxusgüter-Segment nach 9/11 verkraften. Der Anschlag auf die Twin Towers in New York 2001 und der anschließende Krieg gegen den Terror verändert die Welt.

    Das ist Strenesse

    Die Strenesse AG ist ein deutsches Modeunternehmen mit Firmensitz in Nördlingen.

    Das Unternehmen wurde 1949 als Wohlfahrt & Co gegründet und konzentrierte sich anfangs auf die Herstellung von Damenmänteln und -Kostümen.

    Zuletzt stand Strenesse für Damen- und Herrenbekleidung im oberen Preissegment.

    Das Unternehmen beschäftigte 2014 rund 400 Mitarbeiter.

    Die Bekleidung wird größtenteils in Osteuropa gefertigt, die Stoffe stammen hauptsächlich aus Italien.

    Ab 2000 wurden eigene Strenesse-Ladengeschäfte eröffnet, zunächst in München. Seit 2001 gab es von Strenesse Düfte und Kosmetik. Ende 2001 wurden die Uniformen für das weibliche Boden- und Flugbegleiterpersonal der Lufthansa von Strenesse entworfen.

    Zwischen 2006 und 2013 war das Unternehmen zudem der offizielle Ausstatter der Deutschen Fußballnationalmannschaft und kleidete das Team für alle offiziellen Auftritte am Spielfeldrand ein.

    Der „blaue Glückspulli“ des Unternehmens wurde zum Synonym dieser Kooperation und sein Träger, Nationaltrainer Jogi Löw, zur „Stilikone“.

    Anfang 2014 geriet Strenesse in wirtschaftliche und finanzielle Schieflage.

    Im April 2014 meldete das Unternehmen Insolvenz an.

    Im Dezember 2016 gibt Strenesse bekannt, einen neuen Investor zu haben.

    2005 will sich Gerd Strehle schon einmal aus dem Geschäft zurückziehen. Fünf Jahre lang hat er dafür Peter Kappler zu seinem Nachfolger herangezogen. Der junge Betriebswirt und Marketing-Spezialist gilt als Kronprinz. Doch bald gibt es Streit und Strehle übernimmt wieder das Ruder. 2006 muss ein befreundeter Unternehmer der Firma beispringen, weil es ernsthafte finanzielle Probleme gibt. Im Geschäftsjahr 2011/12 ist der Umsatz auf 65 Millionen Euro gesunken. Der Nettoverlust liegt laut Medienberichten bei 1,1 Millionen Euro.

    Seit Frühjahr 2012 führt Kris Nikolaus Strehle, genannt Luca – Gerd Strehles Sohn aus erster Ehe –, den Betrieb. Nun geht es Schlag auf Schlag: Gabriele Strehle trennt sich von Gerd und steigt Ende 2012 aus der Firma aus. Gleichzeitig kündigt Lucas Schwester Viktoria Strehle ihre Mitarbeit auf. Sie hat seit 2008 die junge Linie „Strenesse blue“ verantwortet. Und schließlich trennt man sich auch von Helmut Schleicher. 45 Jahre lang ist er aus dem Nördlinger Unternehmen nicht wegzudenken. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung und zuletzt als Verkaufsleiter für den deutschsprachigen Raum verantwortlich.

    Geschäftsmäßig nüchtern werden die für die Modewelt verstörenden Nachrichten verkündet. „Strenesse blue“ sollte ja ohnehin eingestellt werden, weil man sich auf die Hauptmarke konzentrieren wollte. Für Gabriele Strehle wird ein namhafter Ersatz gefunden: Natalie Acatrini. Sie arbeitete zuvor unter anderem für Escada, Jil Sander und Hugo Boss.

    Doch für die Fans, die der Marke Strenesse über Jahrzehnte treu sind, steckt nun einfach nicht mehr das drin, was der Name verspricht. Da hilft es auch nichts, dass Luca Strehle versucht, die Preise ein wenig nach unten zu justieren. Was war es früher für ein Genuss, die hochwertigen Stoffe zu befühlen und die perfekte Schnittführung zu bewundern. Das hat sich geändert.

    „Ich habe vielleicht unterschätzt, wie drückend – oder auch erdrückend – die Altlasten sind“, begründet Strehle in einem Interview seinen Gang zum Nördlinger Amtsgericht, um Insolvenz anzumelden. Für Kenner der Szene war schon die Ausweitung der Kernmarke mit der jungen Linie von „Strenesse blue“ ein großer Fehler, der dann nur noch durch die Männer-Kollektion getoppt wurde. Angeblich lebten die Strehles auch über die Verhältnisse ihrer Firma. Laut Insider-Geraune sollen sich Gerd und Gabriele zuletzt ein Jahresgehalt von knapp einer halben Million Euro genehmigt haben.

    Nicht das einzige Beispiel in der kriselnden Modebranche

    Für Experten ist der Fall der Firma Strenesse zwar das prominenteste Beispiel, aber nicht das einzige in der kriselnden Modeindustrie. Tatsächlich setzen verschiedene Faktoren den Marken aus dem gehobenen Preissegment gehörig zu: Kunden kaufen entweder sehr teure Markenkleidung – oder sehr billige bei Firmen wie H&M oder Zara. Viele Kunden sind verunsichert, seit bekannt ist, wo und unter welchen Bedingungen die Kleidungsstücke hergestellt werden – besonders nach dem Einsturz einer Firma in Bangladesch mit 1100 Toten. Viele wollen nachhaltige und faire Produktionsbedingungen. Der Internethandel verschärft die Krise. So verschwanden in den zurückliegenden Monaten die Marken Rosner (Ingolstadt), Olsen, Delmod (beide Hamburg), Apriori (Münster) und der schwäbische Hemdenhersteller Einhorn sang- und klanglos vom Markt.

    Vielleicht gelingt es Luca Strehle doch noch, das Unternehmen vor dem Untergang zu retten. Vielleicht findet sich ein Investor, der den Namen der Firma kauft und sie im Sinne der Familie weiterführt. Bei Escada funktioniert das hervorragend.

    Dann gäbe es die Marke Strenesse weiter – ohne die Familie Strehle.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden