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Interview
11.02.2021

Augsburger Historiker Kaufhold: "Ich gebe der katholischen Kirche noch 20 Jahre"

Der Augsburger Historiker Martin Kaufhold prognostiziert ein Ende der katholischen Kirche in 20 Jahren.
Foto: Nicolas Armer, dpa (Symbolbild)

Plus Der Augsburger Historiker Martin Kaufhold sieht das Ende der katholischen Kirche nahe. Auch wegen des Skandals um den Kölner Kardinal Woelki.

Herr Kaufhold, wie lange geben Sie der katholischen Kirche in Deutschland in ihrer heutigen Form noch?

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11.02.2021


Die Probleme der katholischen Kirche beruhen auf innerkatholischen Reformverweigerungshaltungen!!!

Katholische Amtskirchenvertreter – besonders der Vorgänger des jetzigen Papstes – beklagen und beklagten sich immer wieder über die „böse“ Welt draußen, die von Liberalisierung, Relativismus, von den bösen 68-igern und Säkularisierung geprägt sei und die andererseits die doch so heiligen Grundsätze einer katholischen Kirche – das Modell einer „societas perfecta“ - einfach nicht verstehen wollen.

Aber genau dieses Modell der kath. Kirche ist von schon seit langem von nicht mehr vermittelbaren mittelalt. Strukturen und einer seit Jahrzehnten anhaltenden Reformverweigerungshaltung geprägt.

Eine Änderung der Christen und breiter Kreise der Bevölkerung zur kath. Kirche wird es erst dann geben, wenn die Amtskirche endlich bereit ist, sich zu befreien von ihrem androzentrischen Klerikalismus, von ihrem exzessiven Juridismus (der CIC enthält 1752 Canones), von ihrer exzessiven Abscheu von auch nur kleinsten Partikeln, die sich in Verbindung bringen lassen mit Aufklärung, Demokratie und Gewaltenteilung, von ihrem Hang zu obsessiver Überwachung des „rechten“ Glaubens (der Weltkatechismus bringt es auf 2865 Glaubenssätze bzw. -artikel) von ihrem in der Vergangenheit immer wieder an römischen Caesaren sich messenden Triumphalismus und vor allem von ihrer unsäglichen und die Menschwürde mit Füßen tretenden Misogynie. Wer den Frauen den Zugang zu einem Weiheamt verwehrt, dokumentiert damit nicht nur das Ausmaß seiner Petrifizierung, seiner Weltabgewandtheit und Menschenfeindlichkeit, sondern auch das öffentliche Betonen eines nur auf Macht und Herrschaft ausgerichteten Androzentrismus.
Wem in Stein gehauene Dogmen wichtiger sind als Menschen, die von dieser Kirche bevormundet (Thema Sexualität), diskriminiert (Verbot der Frauenordination) und entmündigt wird (z.B. bei Fragen des Arbeitsrechts in kirchl. Einrichtungen), der macht aus der von Jesus ursprünglich auf Menschlichkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe angelegten relig. Gemeinschaft eine nicht den Menschen dienende, sondern den Menschen beherrschen wollende Ideologie. Nie war der Abstand zwischen dem Kirchenvolk und der Amtskirche größer als in der heutigen Zeit. Das wird u.a. auch dadurch deutlich, dass immer mehr Kirchengebäude zum Verkauf angeboten werden und die Gottesdienste immer mehr zu Seniorenveranstaltungen mutieren.

Statt sich über die „böse“ Außenwelt zu empören, sollten sich die Amtskirchenvertreter lieber folgende Fragen stellen:

• Warum gelingt es so wenigen Amtskirchenvertretern, auch einmal eine kritische Binnenschau zu betreiben?

• Warum gelingt es so wenigen Amtskirchenvertretern sich mit Vorschlägen zur Reform der Kirche auseinanderzusetzen? – vgl. das Memorandum von Theologen aus dem Jahre 2011, das von weit über 300 führenden Theologen unterschrieben worden ist.

• Warum muss es soweit kommen, dass mir ein angesehener Münsteraner Professor in einem Gespräch sagt, dass er zwar all meine Meinungen innerhalb meiner Buchveröffentlichung teilt, aber sie nicht öffentlich zu sagen wagt, um nicht sein „nihil obstat“ zu verlieren – schließlich habe er eine Familie zu versorgen? Eine Kirche, die sich vornehmlich über Papalismus, Juridismus und Klerikalismus definiert, hat keine Zukunftschancen.


• Bedarf es heute wirklich noch eines CIC – bestehend aus 1752 can.? Soviel zum Stichwort „Juridismus“!

• Warum können Amtskirchenvertreter nicht auch eingestehen, dass die Nichtumsetzung der Reformanstöße des 2. Vatikanums entscheidend mitverantwortlich ist am gegenwärtigen Zustand der kath. Kirche heute?

• Warum sagen Amtskirchenvertreter nicht, dass der Auszug Jugendlicher aus der kath. Kirche u.a. auch sich daran zeigt, wie die Amtskirche mit Befragungen der Basis umgeht. Jüngstes Beispiel: Umfrage zu Fragen von Ehe, Familie und Sexualität. Glauben die Amtskirchenvertreter tatsächlich, dass auch nur ein Jugendlicher sich mit „Amoris laetitia“ auseinandersetzt? Ist es nicht so, dass viele, die an der Basis zu dieser Thematik mitgearbeitet haben, sich verschaukelt fühlen, frei nach dem Motto: Schön, dass wir mal drüber geredet haben – aber verändern wird sich nichts.

Am früheren Papst Benedikt kann man die selbstverschuldeten Probleme der katholischen Kirche besonders deutlich machen:
Dieser Papst verbaute wegen seiner veritablen Reformunfähigkeit und Reformunwilligkeit der kath. Kirche die Chance eines Ankommens in der der Gegenwart – von einem Ankommen in der Zukunft ganz zu schweigen!

Ich nenne hier nur stichwortartig folgende Punkte:

• Seine durch die Regensburger Rede 2006 ausgelösten Spannungen mit dem Islam

• Seine von ihm ausgelösten Konflikte mit dem Judentum – hier: Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte und das von ihm verfasste Traktat „De Iudaeis“

• Seine von ihm betriebene Ausgrenzung der evangelischen Kirche durch das Schreiben „Dominus Jesus“

• Seine Wiederzulassungserlaubnis der „Alten Messe“

• Seine Mitschuld an der Schwemme klerikaler Pädophilieverbrechen

• Seine von ihm formulierten Vergöttlichungsattitüden des priesterlichen Altardienstes

• Sein wie ein Mantra in obsessiver Art und Weise vorgetragenen Aggiornamento-Verhinderungsreden

• Seine immer wieder verkündete Abneigung gegen den Geist der Aufklärung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

• Seine immer wiederholte Verweigerung der Gleichberechtigung von Frauen

• Seine stetigen Verteidigungsreden gegenüber einem androzentrischen Macht- und Herrschaftssystems

• u.v.a.m.

Wer solche Positionen vertritt, muss sich über Konsequenzen nicht wundern!

Paul Haverkamp, Lingen




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