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Interview
30.10.2021

Kabarettist Wolfgang Krebs: "Ich stelle mir vor, dass ich ewig lebe"

Kabarettist Wolfgang Krebs.
Foto: Marcus Merk

Kurz vor Allerheiligen spricht Wolfgang Krebs über die Notwendigkeit der Trauer, seine Erwartungen an den Tod und die Frage, ob man darüber Witze machen darf.

Herr Krebs, am Montag ist wieder Allerheiligen. Tags darauf Allerseelen. Gerade für viele jüngere Leute sind das eher langweilige Tage, andere trauern um ihre Angehörigen am Friedhof. Wie stehen Sie als Humorist dazu?

Wolfgang Krebs: Ich mag Allerheiligen. Und ich kann diese Trauer von Menschen schon nachvollziehen, wenn jemand zum ersten Mal auf ein Grab geht, weil jemand aus der Familie erst kürzlich verstorben ist. Darum finde ich es für einen selbst durchaus wichtig, dass man den Gang auf die Gräber wahrnimmt. Denn es macht einem die eigene Sterblichkeit noch mal bewusst. Das ist ja wohl auch der Sinn dieser katholischen Feiertage oder des Reformationstages.

Die verschiedenen Gesichter des Wolfgang Krebs: Als Markus Söder...
Foto: Mathias Wild

Kann man eigentlich über die Vergänglichkeit des Menschen sinnieren, ohne sogleich in Depressionen zu verfallen?

Krebs: Na klar. In unserer Gesellschaft wird leider die Jugend über die Maßen verklärt, in anderen Kulturen ehrt man dagegen eher die Alten. Das würde uns auch ganz gut tun. Denn letzten Endes ist man im Leben ja nur ganz kurz jung. Im Übrigen sollte man die ruhigen Tage an Allerheiligen nutzen, um darüber nachzudenken, wie man seine verbleibende Zeit auf Erden sinnvoll nutzen könnte.

Wie könnte das geschehen?

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Krebs: Man könnte sich also fragen: Wann ist es Zeit, mit den mühevollen Dingen aufzuhören? Wie lange will ich eigentlich noch arbeiten? Oder: Welche Länder will ich noch sehen? Ich meine, sich die eigene Sterblichkeit bewusst zu machen, muss doch nicht furchtbar sein. Nach dem Motto: Hey, gut, dass ich daran erinnert werde, dass ich gar nicht mehr so lange lebe! Denn dann kann ich wenigstens noch etwas angehen, was ich immer schon machen wollte und immer aufgeschoben habe. Aber jetzt sollte ich es wirklich tun, weil ich es sonst vielleicht nie mehr mache.

...als Horst Seehofer...
Foto: Mathias Wild

Stimmt ja auch, das Leben ist ja nur so wertvoll, weil es begrenzt ist

Krebs: Klar. Wenn man sich erst einmal mit der eigenen Sterblichkeit abgefunden hat, dann geht es einem auch schon viel besser. Gestern hat mir ein Veranstalter gesagt, dass er am Hadern mit dem lieben Gott ist, weil ein junger Freund von ihm gestorben ist. Nach dem Motto: Wie kann Gott so eine Ungerechtigkeit zulassen? Zuerst wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Nach kurzem Überlegen habe ich ihm geantwortet: Na ja, vielleicht liegt es daran, dass für Gott die Ewigkeit die Maßzahl ist. Für den macht es keinen großen Unterschied ob einer zehn oder 100 Jahre lebt.

Man kann sich als Mensch die Ewigkeit ja sowieso nicht vorstellen, weil sie so groß ist. Können Sie sich eigentlich vorstellen, selbst eine Ewigkeit lang nicht mehr zu sein?

Krebs: Nein. Und dadurch, dass ich es mir nicht vorstellen kann, nicht mehr zu sein, stelle ich mir immer vor, dass ich ewig lebe. Meine Erwartung an den Tod ist, dass ich ewig leben werde. Das ist ja das Heilsversprechen des Christentums. Dadurch, dass ich selbst von der Auferstehung überzeugt bin und glaube, dass wir uns in einer anderen Existenz auf einem höheren Level wiedersehen werden, bin ich ganz ruhig bei der Thematik. Das ist jedenfalls meine Erwartung an die Ewigkeit, ein paradiesisches Sein nach dem Tod. Da bin ich im Glauben fest und unerschütterlich.

... als Edmund Stoiber ...
Foto: Mathias Wild

Was ist, wenn es doch nicht so kommt?

Krebs: Dann ist es auch egal, denn dann habe ich keine Zeit mehr, darüber nachzudenken!

Schöne Idee von der Ewigkeit. Darf man über den Tod eigentlich Witze machen?

Krebs: Ich glaube schon. Vielleicht nicht auf einer Beerdigung. Oder doch? Wenn ich so nachdenke, würde ich mir für meine Beerdigung sogar wünschen, dass sie der finale Irrsinn wird, bei dem die Menschen gut drauf sind, feiern und applaudieren. Aber ich werde das halt leider nicht erleben. Das liegt in der Natur der Sache. Ein Witz zum Tod fällt mir übrigens gerade keiner ein.

Mir auch nicht. Aber einer der schönsten Filme zum Thema ist die Komödie: Wer früher stirbt, ist länger tot! Man kann also das Thema lustig angehen.

... und als König Ludwig.
Foto: Marcus Merk


 

Krebs: Ja, super! Ein großartiger Film eines großartigen Regisseurs, in welchem dem Tod tatsächlich das Schwere genommen wird.

In Bayern geht es ja beispielsweise auch beim Leichenschmaus nach Beerdigungen oft ziemlich herzhaft zu. Gerade wurde der oder die Verblichene beweint, dann wird aber sofort gefeiert.

Krebs: Ja, das hat einen hohen psychologischen Wert, dass die Gemeinschaft ohne den Verstorbenen zusammenkommt und sich neu ausrichtet. Es ist halt so: Freud und Leid liegen immer nah beisammen. Ich habe schon oft Menschen erlebt, die gerade noch geweint haben, plötzlich sogar darüber lachen, dass sie weinen mussten. Das Beweinen ist ja auch eine Befreiung, ein reinigender Prozess. Und in jedem Ende steckt auch ein Anfang und andersherum. Das ist uns ja von vorneherein vorgegeben. Sobald wir geboren wurden, ist klar, dass wir irgendeinmal sterben müssen.

Hat der Bayer als solcher eigentlich einen anderen Zugang zum Tod als andere?

Krebs: Ich glaube durch unsere durchaus barocke Vorstellungswelt von Diesseits und Jenseits, durch die vielen Prozessionen ist das schon so. Der christliche Glaube ist in Bayern, gerade in ländlichen Regionen, noch fester verankert als anderswo. Da fällt mir übrigens ein, was uns die Grabgestecke und die ganzen Inschriften auf den Grabsteinen an Allerheiligen zurufen.

Ah ja. Was rufen sie denn?

Krebs: Habt ihr wirklich mit uns die Zeit verbracht, die ihr mit uns verbringen wolltet? Habt ihr die heutige Begegnung mit mir genutzt oder steht ihr nur sinnlos am Grab herum? Die Zeit, die wir haben zu nutzen, das ist es, was Allerheiligen und Allerseelen ausmacht: Den persönlichen Kontakt zu den Lebenden wie den Toten zu suchen.

Besuchen Sie Ihre Ahnen auf einem Friedhof?

Krebs: Meine Verwandtschaft ist leider verstreut und ich bin sehr viel unterwegs. Bei meinen Fahrten nutze ich aber schon regelmäßig Gelegenheiten, auf Friedhöfe zu gehen. Das muss aber nicht nur an Allerheiligen sein. Selbst habe ich im persönlichen Umfeld kein Grab, um das ich mich kümmern muss.

Der November gilt grundsätzlich als düsterer Monat, was raten Sie den Menschen, wie sie einer Herbstdepression entgegenwirken können?

Krebs (lacht): Sie sollen einfach ins Kabarett gehen! Im Ernst, sie sollen rausgehen und die Natur bewundern. Denn wer im November genau hinschaut, der sieht jetzt schon die Knospen an manchen Sträuchern, über die wir uns dann im Frühjahr freuen, wenn sie sich öffnen. Alles ist schon bereitet. Man sieht das Kommen und Gehen, die Vergänglichkeit und das neue Werden. Ich bin ja persönlich ein Weltmeister des Reframings und suche immer nach dem Guten im Schlechten. Und es ist ja tatsächlich so: Man findet oft irgendetwas Positives, wenn man nur will.

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