Sie trällert Tonleitern rauf und runter und probt für den anstehenden Auftritt in knapp 200 Metern Höhe im Rockmuseum auf dem Münchner Olympiaturm. Sissi Perlinger, in engen Leopardenleggins und Glitzer-Neonbrille, wie man sie kennt. Die Sängerin, Schauspielerin, Kabarettistin und Grimme-Preisträgerin hat ein Buch geschrieben, das sie gerade vorstellt: "Auszeit - der Perlinger-Weg ins Glück". Es ist der rechte Moment, um mit der immer leicht überdreht wirkenden Dame über Themen wie Burnout, Tinnitus und inneres Gleichgewicht zu sprechen.
Frau Perlinger, es gibt einen "Spiegel"-Beitrag, dessen Quintessenz lautet: Aussteiger sind unbegabt zum glücklich sein. Was meinen Sie?
Perlinger: So ein, pardon, Schmarrn! Was soll denn das? Ich kenne so viele Aussteiger, die glücklich sind und an den schönsten Plätzen der Welt leben. Aber ich bin ja kein Aussteiger, ich habe mir nur eine Auszeit genommen. Heute bezeichne ich mich als Pendler zwischen den Welten.
Und zwar nicht zwischen Hasenbergl und Bogenhausen...
Perlinger: Nein, ich verbringe jedes Jahr vier Monate in Indien.
Wie hat man sich das vorzustellen: Ashram, Klangschalen, Meditation?
Perlinger: Ich habe mich schon intensiv mit Yoga und Meditation beschäftigt. Denn das hat viel mit innerer Entspannung zu tun. Mit Loslassen und innerer Ruhe. Um Entspannung zu suchen, ist Indien das perfekte Land. Die Tradition, auf die innere Stimme zu hören und sich auf die wahren Werte zu besinnen, haben wir ja verloren.
Auslöser Ihrer Selbstfindung war vor zwölf Jahren ein schwerer Tinnitus, also ein aggressives Pfeifen im Ohr. Was war der Auslöser?
Perlinger: Ich war unterwegs mit meinem Bühnenprogramm, habe gleichzeitig wahnsinnig viel gedreht, Bücher geschrieben, CDs aufgenommen. Ich habe auf 17 Baustellen gleichzeitig gearbeitet und war furchtbar angespannt. Diesen Stress hatte ich gewaltig unterschätzt. Daran ist letztendlich auch meine Beziehung gescheitert. Die Folge war ein quälender Tinnitus aufgrund von Überarbeitung.
Sehr unangenehme Sache.
Perlinger: Ja. Ich begann nachzuforschen, warum ich eigentlich so viel arbeite. Schließlich kam ich drauf, dass ich in meiner Kindheit von meinem Vater verlassen worden bin. Das hatte wohl bei mir so einen Zwang ausgelöst, geliebt zu werden. Also stürzte ich mich in die Arbeit. Als mir dieser Zusammenhang später klar wurde, habe ich gemerkt: Ich muss nicht immer Vollgas geben. Die Zuschauer bleiben mir trotzdem treu, ich muss gar nicht jedes Angebot annehmen. Unser Stress ist meist selbst aufgebauter Druck. Heute tue ich das, was ich wirklich kann. Das ist meine Bühnenshow.
Es gibt Leute, die würden auch gerne mal aus dem Hamsterrad ihres Lebens aussteigen. Sie können es sich aber nicht leisten. Was raten Sie denen?
Perlinger: Denen sage ich: Erstens, lest mein Buch, das bringt einen gut drauf. Es gibt wertvolle Tipps, wie man einer Krise, wie ich sie hatte, aus dem Weg gehen kann. Zu allererst muss aber jeder für sich die Frage klären: Will ich wirklich an die Sachen rangehen oder lasse ich mich weiter von meinen Ängsten peitschen? Man kann, wenn man ein gewisses Bewusstsein erlangt, sich selbst über die Schulter schauen und sich korrigieren, man kann aus alten Denkmustern herausfinden.
Machen Sie auch autogenes Training, progressive Muskelrelaxion nach Jacobson und so Sachen?
Perlinger: Natürlich. Ich mache täglich autogenes Training und ich muss wirklich sagen, das kann ich absolut jedem empfehlen. Wenn einer die Technik beherrscht, dauert es nur fünf Minuten, bis man entspannt ist. Der Effekt ist wissenschaftlich nachweisbar. So bin ich meinen Tinnitus nach drei Jahren los geworden.
Gratuliere. In Ihrem Buch schreiben Sie, das Glück sei wie eine Katze. Es komme nicht auf Befehl, lasse sich nicht erzwingen. Was ist eigentlich für Sie persönlich Glück?
Perlinger: Für mich persönlich ist das größte Glück, kreativ zu sein, eine gute Idee zu haben oder eine schöne Pointe. (Ihre Stimme bekommt einen seeligen Unterton) Da schütte ich Glückshormone aus, das können Sie sich gar nicht vorstellen.
Was gibt es noch für Glücksquellen?
Perlinger: Ach, für jeden Menschen andere. Ich sage, suche dir deinen Ambos, dein Material und wisse, wo der Hammer hängt. Dann schmiedest du dir dein Glück. Der eine braucht Kinder, der andere will Skifahren. Es gibt Leute, die sitzen im Paraglider und schweben da seit Jahren dahin. Das ist denen ihr Glück. Ich würde mich zu Tode fürchten. Darum rate ich: Spitze deine Ohren, hör in dich hinein. Wofür bist du geboren und was ist schnöder Schein.
Interview: Josef Karg