Auge in Auge saßen sie sich gestern erstmals im Pariser Justizpalast gegenüber, André Bamberski und Dieter K. Der eine auf der Klägerbank, der andere auf dem Sitz des Angeklagten, leicht erhöht und hinter einer Glasscheibe. Beide wirkten gefasst, für beide geht es um alles.
Bamberski ist der leibliche Vater der jungen Französin Kalinka, die im Sommer 1982 unter mysteriösen Umständen im Haus ihres Stiefvaters K. am Bodensee starb. Er wirft dem deutschen Arzt vor, die 14-Jährige mit einer Spritze getötet zu haben, um sie zu vergewaltigen. Gestern begann unter großem Medienandrang der Prozess, der nach fast 29 Jahren dessen Verantwortung für Kalinkas Tod klären soll.
Auge um Auge – so will er seinen Kampf für dieses Verfahren nicht verstanden wissen, stellt Bamberski klar. „Es geht nicht um Rache, sondern um Gerechtigkeit. Endlich.“ Ihn erwartet im Herbst selbst ein Prozess um die Entführung K.s, der im Herbst 2009 vor seinem Haus in Scheidegg (Kreis Konstanz) brutal zusammengeschlagen und im elsässischen Mühlhausen abgelegt wurde.
Seither bemühte sich der herzkranke Deutsche von einem Gefängnishospital bei Paris aus vergeblich um Freilassung. Seine Anwälte forderten sofort die Einstellung des Verfahrens, weil ihr Mandant unrechtmäßig in Frankreich sei und nicht in einem Fall, in dem er in Deutschland für unschuldig erklärt wurde, verurteilt werden könne.
Dort waren die Ermittlungen mangels Beweisen 1986 eingestellt worden – man ging von einem Unfall aus. Unter K.s widersprüchlichen Aussagen war die, er habe Kalinka lediglich eine Eisenlösung gegen Blutarmut gespritzt.
Bamberski aber blieb hartnäckig und strengte ein Verfahren in Frankreich an, bei dem massive Lücken im Obduktionsbericht herauskamen. K. wurde in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt. Doch Deutschland lieferte ihn nicht aus. Am Ende seines Kampfes griff Bamberski wohl zur Selbstjustiz.
Dem Mann, den er für den Mörder seiner geliebten Tochter hält, direkt gegenüberzusitzen, wecke kaum Emotionen bei ihm, sagte der 73-jährige Franzose. Krombachs Gebrechlichkeit hält er für Schauspielerei. Der 75-jährige Deutsche machte einen geschwächten, bisweilen verwirrten Eindruck – so machte er sich zunächst zehn Jahre jünger. Er, der einst als flamboyanter Mediziner und Frauenheld galt, hat eingefallene Gesichtszüge, ist schmächtig und auf Krücken gestützt. Ist das der Mann, der nicht nur den Tod seiner Stieftochter auf dem Gewissen hat, sondern reihenweise Frauen und Mädchen narkotisierte, um sie zu missbrauchen – darunter auch Kalinkas Mutter, um sich im eigenen Haus mit anderen Frauen zu vergnügen?
Die Anschuldigungen sind schwer und zahlreich. Zumindest einmal wurde K. von einem Gericht in Kempten zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt, weil er eine 16-jährige Patientin in seiner Praxis betäubt und vergewaltigt hatte. Da er trotz Berufsverbots weiter praktizierte, musste er schließlich ins Gefängnis, wurde allerdings vorzeitig entlassen. Kritikern zufolge gingen die deutschen Behörden stets erstaunlich lasch mit dem Arzt um.
Eine Tochter des Arztes spricht von „Geschichten eines Besessenen“
Ganz anders hielten es französische Medien. Angesichts der schwer lastenden Verdachtsmomente und Bamberskis Engagement, der mit seiner Vereinigung „Gerechtigkeit für Kalinka“ die Erinnerung an seine lebensfrohe Tochter wachhielt, hatten sie längst das Urteil über K. gesprochen: schuldig.
Dabei seien all diese „Geschichten eines Besessenen“, nämlich André Bamberski, falsch, ereiferte sich vor dem Prozess K.s Tochter aus einer früheren Ehe. Ihrem Vater gehe es sehr schlecht, während der eigentliche Kriminelle Bamberski sei, klagte die selbstbewusste Frau an, die im Laufe des Prozesses ebenso aussagen wird wie eine Reihe von Psychologen, Kriminalbeamten, Medizinern sowie Kalinkas jüngerer Bruder, der die tragischen Ereignisse ebenfalls miterlebt hat. Heute ist er ein verloren wirkender junger Mann.
Und noch eine weitere Betroffene sitzt auf der Bank der Zivilkläger: Danièle Gonnin, die Mutter Kalinkas, die bislang völlig im Hintergrund stand, dabei aber zu ihrem Ex-Mann K. hielt und erst in den vergangenen Monaten Zweifel bekommen haben soll. Ihren ersten Ex-Mann Bamberski würdigt die gepflegte Dame keines Blickes. Und es wird klar: In diesem Fall wird es keine Gewinner mehr geben.