Es war so viel Überirdisches an diesem Abend, dass es vielleicht guttut, mit dem Weltlichsten zu starten. Wenn an dem Tag nämlich, an dem die öffentlichen Verkehrsmittel Münchens teilweise bestreikt werden, das größte Popspektakel der Gegenwart im Olympiastadion Station macht, bedeutet das viele beschwerliche Stunden für einen Gutteil der 75 000 Besucher. Umso besser, dass das Konzert, das sie erlebten, das genaue Gegenteil davon war, sehr vergnüglich. Was bei U2 auch nicht gerade selbstverständlich ist …
Aber mal der Reihe nach. Denn zunächst war da ja dieses "Überirdische". Mitten in der Münchner Arena nämlich war nicht nur ein Raumschiff, sondern gleich eine ganze Raumstation gelandet: eine riesige Rundbühne, deren Aufbau wie eine Krake auf vier mächtigen Beinen thront und wie als Korpus eine umlaufende, dehn- und absenkbare Videoleinwand trägt. Es heißt: die größte Bühne der Welt, transportiert von 120 Sattelschleppern. Gigantisch, wenn dieses Ding dann blitzt, dröhnt, in Farben pulsiert, über einen Fortsatz Strahlen in den Himmel schickt. Und so marschieren Bono, The Edge, Larry Mullen Junior und Adam Clayton an diesem Mittwochabend auch zu David Bowies "Space Oddity" durch das große Marathontor in die Arena und nach zwei Stunden zu Elton Johns "Rocket Man" wieder aus.
Es ist der Abschluss ihrer vor fast eineinhalb Jahren begonnenen Welttournee, die passend zur Bühne "360°" hieß und bewiesen hat, dass U2 im Popzirkus der Gegenwart eine Liga für sich sind: mit einem Einspielergebnis von an die einer Milliarde Dollar, mit ausnahmslos ausverkauften Arenen in 38 Ländern. Über 30 Jahre sind die Herren inzwischen im Geschäft und das seit dem Album "The Joshua Tree" 1987 ununterbrochen sehr gut, haben richtungsweisende Livespektakel geliefert wie mit der Zoo-TV-Tour 1992 - jetzt aber haben sie die Skala ausgereizt. Diesen Gigantismus könnten sie auch selbst nur noch wiederholen. Ob sie es tun, kann man aus gutem Grund bezweifeln. Mitten in dieser Tour nämlich war Sänger Bono plötzlich mit Lähmungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, Befund: schwerer Bandscheibenvorfall. Eine knifflige Operation durch Spezialisten am Klinikum Großhadern hatte zwar das lädierte Rückgrat wiederhergestellt. Doch so was geht auch an Bono nicht spurlos vorüber. Immer wieder betonte er, was für ein besonderer Abend das für ihn und die Band in München sei, "dieser Stadt mit so heldenhaften Ärzten und Krankenschwestern".
Statt großer Gesinnungsreden tanzt Bono "Singin' in the rain"
Vielleicht lag es eben daran, dass der Abend für U2-Verhältnisse ein relativ unbedarft vergnüglicher war. Bei anderen Bands würde man ja aufhorchen, wenn mitten im Konzert plötzlich Menschen von Amnesty International mit Laternen auf die Bühne kommen, um ein Zeichen nach Burma, zu der dort seit 21 Jahren unter Hausarrest stehenden Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, zu schicken. Bei Bono ist das meist nur eine von vielen Einlagen voller politischem Sendungsbewusstsein. An diesem Abend aber hatte die schriftliche Simultanübersetzung auf der Leinwand sonst fast nur übliche Starfloskeln zu übertragen - der Herr tanzte lieber ausgelassen und trällerte ein fröhliches "Singin' in the rain" in den tröpfelnden Himmel.
Ach ja, die Musik. Natürlich haben sie alle ihre Klassiker gespielt, "One", "Sunday, bloody sunday", "With or without you", "Where the streets have no name" … Natürlich haben sie die mit Jüngerem wie "Magnificent" oder "Get on your boots" zu einer bekömmlichen Mischung verquickt. Überraschungen: keine. Aber eben wieder das untrügliche Gefühl, dass Songs von U2 genau hierher gehören, wo sie unweigerlich mit ihrem Pathos, ihren großen Posen wirken, in solchen Stadien - selbst wenn deren Klangwelt aus dem vergangenen Jahrhundert eigentlich nicht zusammengeht mit der futuristischen Anmutung dieser Bühne. Aber ab einer gewissen Wucht spielen solche Feinheiten dann auch keine Rolle mehr. Von Wolfgang Schütz